Alles begann mit einem sechsseitigen PDF, das ein Luftfahrtingenieur der aerokurier-Redaktion im Spätsommer 2019 anonym zugespielt hatte. "Die Flugleistung des Lilium-"Jets" und eVTOL’s im Allgemeinen – eine Konzeptberechnung" stand darüber. Es folgte eine wissenschaftliche Abhandlung mit vielen Formeln zu Auftrieb, Schub und Aerodynamik im Allgemeinen. Und ein vernichtendes Fazit:
Liliums Versprechen bzgl. einer Reichweite von 300 km und einer Flugdauer von bis zu einer Stunde sind für das vollgewichtige, 5-sitzige Konzeptflugzeug, wie es bislang dargestellt ist, völlig zweifelsfrei als nicht realisierbar entlarvt.
Bäm, das hatte gesessen. Seit 2016 hatte die aerokurier-Redaktion versucht, über offizielle Kanäle substanzielle und über Hochglanz-PR hinausgehende Informationen zu Konstruktion, Leistungsdaten und Business Case zu erhalten. Jedes Mal wurden wir mit Standardphrasen abgespeist, die viele andere Medien – darunter auch angesehene Zeitungen und Zeitschriften – weitgehend kritiklos übernommen und veröffentlicht hatten. Mit dem Paper gab es endlich einen Ansatzpunkt für eine kritische Recherche.
Kritische Nachfragen vs. PR-Phrasen
Die Redaktion übergab die Konzeptkritik zur Überprüfung an zwei Professoren für Luftfahrttechnik, konfrontierte Lilium und Investor Frank Thelen mit der Analyse und befasste sich zudem mit den Zulassungskriterien für E-VTOL. Von Lilium und Thelen kam – ungeachtet der Tiefe der Konzeptkritik – einmal mehr Substanzloses PR-Geblubber. Eingehen auf Details? Entkräften von Argumenten? Fehlanzeige.
Der letzte Satz im Interview mit Frank Thelen bringt die Hybris, die seinerzeit am Firmensitz in Weßling bei München geherrscht haben muss, auf den Punkt:
Lilium wird in den nächsten Monaten mit den Flugtests des Prototypen immer wieder neue Meilensteine erreichen und veröffentlichen. Daher machen Sie sich bitte keine Sorgen um unsere Glaubwürdigkeit, sondern reflektieren lieber noch einmal, ob Sie diese Meilensteine heute als ,unrealisierbar' einstufen möchten. Sie würden sich damit nicht nur gegen ein junges europäisches Unternehmen positionieren, das nach langer Zeit erstmals wieder die Möglichkeit hat, mit deutscher Ingenieurskunst und Innovationskraft zu einem Weltmarktführer heranzuwachsen, sondern müssten Ihre Aussagen in den nächsten Monaten auch zurück nehmen, wenn Lilium weitere Testflüge veröffentlicht. Dies wird zu Lasten Ihrer Reputation gehen.
Der aerokurier sah keine Notwendigkeit, irgendetwas zu übedenken, sondern veröffentlichte in Ausgabe 2/2020 und parallel online seine Recherche zu Lilium.
Der Aufschrei nach der Publikation war enorm, in Luftfahrtkreisen bekannten nicht wenige Fachleute hinter vorgehaltener Hand, dass sich damit zu bestätigen schien, was man immer vermutet habe: viel Lärm um nichts. Auch andere Medien begannen, kritisch zu recherchieren. Schließlich erhielt das aerokurier Team für seine Publikation den Hugo Junkers Preis für herausragenden Luftfahrtjournalismus.
Podcaster zeichnen Liliums Weg nach
Aufstieg und Fall Liliums sind jetzt in einem aufwendig recherchierten, sechsteiligen Podcast des Startup-Onlinemagazins Gründerszene nachzuhören. Die Redakteurinnen Kim Torster und Nicole Plich haben rund ein Jahr lang recherchiert und mit zahlreichen Menschen gesprochen, die selbst bei Lilium angestellt waren oder das Unternehmen begleitet bzw. beobachtet haben.
In Folge 1, die den Titel "Lost Place" trägt, besuchen die Journalistinnen den Firmenstandort am Flugplatz Oberpfaffenhofen, den die Mitarbeiter nach der Insolvenz schlagartig verlassen zu haben scheinen und beschreiben, dass es seinerzeit in den Büros noch so ausah, wie wenn die Mitarbeiter nur Pause gemacht haben und kurz darauf an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.
Folge 2 unter dem Titel "Der Traum vom Fliegen" thematisiert die Ursprünge von Lilium, die Gründung durch die vier TUM-Studenten Daniel Wiegand, Sebastian Born, Patrick Nathen und Matthias Meiner und ihren Weg hin zum mit Millionen von Fördergeldern ausgestatteten Startup.
Unter dem Titel "Es brennt" nehmen sie in Folge 3 Veränderungen im Unternehmen unter die Lupe, die mit dem Wachstum zum Millionenkonzern zwangsläufig einhergehen: der Druck, abliefern zu müssen, die Veränderung der Unternehmenskultur und der Brand des Prototypen.
Die vierte Folge unter dem Titel "Große Klappe" ist besonders hörenswert, denn hier wird die aerokurier-Recherche thematisiert, mit der erstmals öffentlich Kritik an den Behauptungen Liliums laut wurde. aerokurier-Chefredakteur Lars Reinhold gibt hier Einblicke, wie die Redaktion mit der Situation umgegangen ist.
Kritik an der Berichterstattung
Der Ton der Folge ist anfangs überaus sachlich, es wird auf die Konzeptkritik des Ingenieurs ebenso eingegangen wie auf die folgende Recherche der Redaktion. Je länger man zuhört, desto mehr entsteht allerdings der Eindruck, Kim Torster und Nicole Plich halten die Arbeit des aerokuriers für journalistisch unsauber.
Die Kritik der Podcasterinnen bezieht sich im Wesentlichen auf drei Punkte: Die Anonymität des Ingenieurs, die Berücksichtigung lediglich des aktuellen Stands der Entwicklung für eine abschließende Bewertung und ein subtil negativer Unterton. Und auf diese Punkte möchten wir an dieser Stelle eingehen.
1) die Anonymität des Ingenieurs
An mehreren Stellen im Podcast wird vehement darauf verwiesen, dass der Ingenieur, der uns die Konzeptkritik zugeschickt hat, anonym bleibt. Dass man nicht wisse, welche Absichten er damit verfolgte und ob er vielleicht bei einem Konkurrenten arbeitete und damit ein wirtschaftliches Interesse daran hatte, Lilium zu schaden. Zitat aus dem Podcast:
"An dieser Stelle müssen wir einen großen Kritikpunkt an der aerokurier-Recherche besprechen. Denn dass bis heute nicht bekannt ist, wer hinter den berechnungen steckt, ist ein Problem. Im Prinzip hat der aerokurier zwar alles richtig gemacht, indem er die Berechnungen von unabhängigen Stellen überprüfen ließ, aber unklar bleibt, was die Beweggründe des Ingenieurs waren, seine Berechnungen an die Presse zu geben."
Wir haben nicht eigentlich alles richtig gemacht, wir haben alles richtig gemacht. Wir haben die Behauptungen vor der Veröffentlichtung zweifach unabhängig prüfen lassen und sie sind bestätigt worden. Alles weitere spielt keine Rolle, denn ein Informant hat einen Anspruch darauf, dass seine Identität auf Wunsch nicht öffentlich gemacht wird. Entsprechendes regeln beispielsweise das Landespressegesetz Baden Würtemberg in §23 sowie die Strafprozessordnung in §53. Überdies gilt Quellenschutz als journalistische Selbstverpflichtung im Sinne des Pressekodex und des Medienkodex des Netzwerk Recherche.
Der Informant ist dem Chefredakteur des aerokuriers persönlich bekannt und wurde als Mitarbeiter eines großen Flugzeugbauers im Artikel eingeführt. Warum das Gründerszene-Team aus der Einhaltung journalistischer Grundsätze eine Schwäche der Berichterstattung konstruiert, ist nicht nachvollziehbar.
2) konstruktiver Zwischenstand als Basis für die Kritik
Im Podcast wird immer wieder darauf angespielt, dass der aerokurier-Artikel ein abschließende Urteil fällt. Zitat:
Das Problem war, dass der aerokurier-Artikel allgemein so aufgefasst wurde, dass der Lilium-Jet niemals möglich sei. Das hatte der Ingenieur in seinem Bericht aber nicht geschrieben, tatsächlich bezieht er sich immer wieder auf den Status Quo. Also auf den damaligen Stand der Entwicklung. Trotzdem lässt der ganze Bericht unerwähnt, dass Lillium ja auch durchaus noch Teile des Konzepts ändern könnte, wie es in Entwicklungsprozessen oft läuft.
Wie die Podcasterinnen zu diesem Schluss kommen, ist unklar. Tatsächlich ist es so, dass nicht nur in der Konzeptkritik seitens des Ingenieurs mehrfach darauf hingewiesen wird, dass man mit aktuell verfügbaren Zahlen arbeite und dass einige Werte auch geschätzt wurden, sondern auch im von uns im Heft und online veröffentlichten Artikel. Es wird auf den aktuellen Stand verwiesen, es wird erklärt, dass Prof. Dr. Erol Özger von der TH Ingolstadt bestimmte Werte sogar optimistischer angesetzt hat als der Urheber der Konzeptkritik und dass es bestimmte Stellschrauben gibt, an denen sich drehen ließe. Prof. Dr. Mirko Hornung von der TU München stellte auf aerokurier-Nachfrage klar: "Das Fluggerät kann die postulierten Leistungsdaten bei heutigem Stand der Technik nicht erreichen." Was in Zukunft möglich sei, das blieb offen.
Der Ingenieur rechnet mehrere Varianten des Lilium Jets durch und erklärt, dass er das Erreichen der postulierten Leistungsdaten unter den gegebenen Umständen für unrealistisch hält. In einem Szenario nimmt er sogar 440 Wh/kg bezüglich der Energiedichte der Akkus an und geht zudem auf Zukunftspotenziale von Lithium-Schwefel-Akkus ein. Der aktuelle Standard (2026) für Elektroautos mit hoher Reichweite liegt bei bis zu 322 Wh/kg. Allerdings sind das Akkus, die im Straßenverkehr eingesetzt werden dürfen, aber noch lange nicht die Sicherheitsanforderungen der Luftfahrt bezüglich Temperaturverhalten, Ausfallsicherheit und mechanischer Sicherheit und Stabilität im Fall eines thermischen Durchgehens oder eines Crashs haben. Eine gute Referenz für das, was aktuell geht, sind die Akkus des Front Electric Sustainers von LZ Design. Diese sind voll EASA-zertifiziert und haben mit 144 Wh/kg deutlich weniger Kapazität.
Der im Podcast angeklungene Schluss von der allgemeinen Akkuentwicklung auf die Luftfahrt greift zu kurz, weil er die komplexen Zertifizierungsanforderungen unberücksichtigt lässt. Daran ändert auch nichts, dass Lilium laut Podcast passende Akkus entwickelt hatte, denn fertig entwickelt heißt noch lange nicht gemäß Zertifizierungskriterien zugelassen. Und das ist in der Luftfahrt das alles Entscheidende.
Der aerokurier-Artikel schloss seinerzeit mit folgendem Satz:
Die Variationsrechnungen in seiner (des Ingenieurs) Kritik zeigten, dass nur mit erheblichem Drehen an Stellschrauben wie Rotorkreisfläche, Gesamtmasse und Wirkungsgrad im Schwebeflug annähernd das erreicht werden könne, was Lilium behauptet. "Meine Kernaussagen widerlegt Lilium nicht. Da bin ich mir sehr sicher", so der Ingenieur damals.
Und tatsächlich hat Lilium – das Unternehmen wurde selbstverständlich mit den zentralen Aussagen des Ingenieurs konfrontiert – nichts Substanzielles dagegen vorbringen können. Es kam, wie so oft, nur PR.
3) negativer Gesamttenor des Artikels
Weder die Konzeptberechnung noch unser Artikel stellen den Lilium Jet als per se unmöglich dar. Denn wie oben angedeutet, wurden vom Ingenieur mehrere Szenarien durchgerechnet und potenzielle Entwicklungsmöglichkeiten bezüglich Konstruktion und Akkutechnologie aufgezeigt. Dass der Artikel einen eher negativen Tenor hat, das ergibt sich einfach daraus, dass vier junge Ingenieure Dinge behaupteten, die unter den gegebenen Umständen von Fachleuten als kaum realisierbar eingestuft wurden, und dass man versuchte, ein Fachmagazin mit den gleichen hohlen PR-Phrasen abzubügeln, die bei allgemeinen Medien jahrelang verfangen hatte. Dass wir den Gegenstand der Berichterstattung dann nicht in Watte packen und die Botschaft von einem Einhorn mit Regenbogenschweif überbringen lassen, dass darf man uns zugestehen.
Interessant ist auch, wie die Podcasterinnen die Schlussfolgerungen von Dr. Volker Gollnick, Professor für Lufttransportsysteme an der Technischen Universität Hamburg, zur Bekräftigung ihrer Kritik am aerokurier-Artikel heranziehen. Gollnick meint, dass es realistisch gewesen wäre, dass Lilium bis 2025 einen bemannten Testflug hätte realisieren und bis 2027 eine Zulassung in einer beschränkten Sonderkategorie hätte bekommen können, präzisiert aber, dass man einen Unterschied machen muss zwischen Serieneinführung und erstem Prototypenflug. Im Podcast wird daraus wenige Sätze später, dass dass Gollnick nicht nur an die Flugfähigkeit glaubt – die ja ohnehin bewiesen war –, sondern auch, dass Lilium es zeitnah geschafft hätte, dafür eine Zulassung zu bekommen. Die Einschränkung, die er macht – beschränkte Sonderkategorie – lassen Kim Torster und Nicole Plich unter den Tisch fallen. Für Außenstehende mag das eine Nuance sein, aber in der Luftfahrt ist es ein ganz erheblicher Unterschied, ob etwas für den Testflugbetrieb zugelassen ist oder für den kommerziellen Einsatz.
Gollnick hatte sich vom herben Kritiker Liliums, der nach der aerokurier-Berichterstattung im SPIEGEL mit ähnlich harscher Kritik zitiert wurde wie die beiden Professoren, die wir befragt hatten, zum Begleiter des Startups gewandelt. Er hatte eine Einladung bekommen, sich vor Ort in Wessling umzuschauen. Dem aerokurier hat Lilium diesen Einblick stets verwehrt.











