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Dossier zum Lilium Jet
Hoffnungsträger oder Hochstapler?
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Lilium: Börsengang über ein SPAC

Lilium Börsengang über ein SPAC

Mit der Übernahme durch die Special Purpose Acquisition Company Qell Aquisition Corporation will Lilium den Sprung an die Börse Nasdaq wagen. Die PR-Show um den Deal ist gigantisch, substanziell geändert hat sich wenig.

Die Gerüchte um einen Börsengang von Lilium gab es schon länger, auch der aerokurier hatte darüber berichtet. Jetzt scheinen CEO Daniel Wiegand und seine Mitstreiter am Ziel. In der Pressemitteilung heißt es entsprechend euphorisch:

"Die Lilium GmbH, die mit der Entwicklung ihres elektrisch angetriebenen, senkrecht startenden und landenden 7-Sitzer Lilium Jet als Weltmarktführer im Bereich des regionalen elektrischen Luftverkehrs positioniert ist, hat eine Vereinbarung über eine Fusion mit der Qell Acquisition Corp. geschlossen. Qell ist eine auf Investitionen in nachhaltige Mobilität der nächsten Generation konzentrierte Mantelgesellschaft (SPAC), die vom ehemaligen Präsidenten von General Motors North America, Barry Engle, geleitet wird. Es wird erwartet, dass das Unternehmen nach Transaktionsabschluss Lilium heißen wird und die Lilium-Stammaktien an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq unter dem Tickersymbol LILM notiert werden."

Damit aber nicht genug: Lilium könne regionale Mobilität revolutionieren und seinen Passagieren Stunden an Reisezeit ersparen, heißt es weiter. Liliums regionaler Shuttle Service mit dem in Entwicklung befindlichen siebensitzigen Lilium Jet werde nachhaltigen Hochgeschwindigkeitstransport ermöglichen. Das Unternehmen sei Marktführer bei der Beförderungskapazität, und das erste Serienflugzeug des Unternehmens biete einen geräuscharmen Senkrechtstart und eröffne damit Zugang zu mehr Landeplätzen, erlaube eine höhere Netzwerkdichte und vermeide teure Bodeninfrastruktur. Überdies verspreche das Geschäftsmodell eines regionalen Shuttle-Service mit dem Siebensitzer höchste Wirtschaftlichkeit.

Viel theoretisches Soll angesichts des überschaubaren Habens. Sich als Weltmarkführer zu bezeichnen, ohne je ein Fluggerät durch einen Zertifizierungsprozess gebracht, ohne jemals einen Flug vor kritischem Fachpublikum oder gar mit Passagieren an Bord durchgeführt zu haben – das lässt sich kaum noch mit dem Begriff "vermessen" bezeichnen. Vielmehr scheint im Lilium-Headquarter in Weßling bei München angesichts der zu erwartenden Börsenbewertung von rund 3,3 Milliarden US-Dollar und einer daraus resultierenden Finanzspritze von nach eigenen Angaben rund 830 Millionen Dollar vollends die Hybris eingesetzt zu haben.

Vollmundige Ankündigung eines Siebensitzers

Wie viel Substanz hinter der Ankündigung des Siebensitzers steckt, darüber kann man nur spekulieren. Die Zahlen sind Lilium-typisch ambitioniert: Reisegeschwindigkeit 175 mph (282 km/h) auf 10.000 Fuß Höhe, Reichweite mehr als 155 Meilen (250 Kilometer) inklusive Reserve. Der Jet sei das Ergebnis einer fünfjährigen Technologieentwicklung über vier Generationen von Demonstratoren, einschließlich des Fünfsitzers in Originalgröße, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Bereits 2018 habe das Unternehmen bei EASA und FAA eine parallele Musterzulassung für ein Flugzeug mit höherer Transportkapazität beantragt und danach mit der Entwicklung des Siebensitzers begonnen, die aber zunächst geheimgehalten worden sei.

Für den Siebensitzer hat Lilium nach eigenen Angaben bereits im Jahr 2020 von der EASA die Zertifikationsbasis CRI-A01 (Certification Review Item) erhalten. Das klingt so wichtig, dass manches Medium daraus gleich eine Zertifikation gemacht hat. Die CRI-A01 ist aber nur der erste Schritt im Zulassungsverfahren. In diesem Dokument wird lediglich die Kommunikation zwischen Zulassungsbehörde und dem Unternehmen geregelt, dass die Zulassung eines Luftfahrzeuges gemäß einer Certification Specification (CS) beziehungsweise einer Special Condition (SC) anstrebt. Für Lilium dürfte diesbezüglich die SC-VTOL maßgeblich sein. Damit ist lediglich belegt, dass sich die EASA eine Zulassung des Gerätes unter bestimmten Umständen vorstellen kann. Dass es dazu auch kommt, ist keinesfalls gewiss.

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Mit Fotomontagen gewährt Lilium Einblicke in das Interieur des geplanten siebensitzigen Lilium Jets, der in die Serienproduktion gehen soll.

Der Weg zur Zulassung und Serienfertigung

Der Erlös des Börsengangs soll laut Lilium den Start des kommerziellen Betriebs finanzieren, der für 2024 geplant ist. Dazu gehören die Fertigstellung der Anlagen für die Serienproduktion in Deutschland, der Produktionsbeginn und – interessanterweise zuletzt genannt – der Abschluss der Musterzulassung. Man habe ein "strenges Luftfahrt-Programmanagement über alle Zertifizierungs-, Entwicklungs-, Test- und Produktionsphasen mit Maturity Gates in jeder Phase des Entwicklungszyklus", heißt es. Natürlich fühlt sich das Unterehmen zudem genötigt, auf seine "400 Ingenieure mit zusammen 4000 Jahren Erfahrung in der Luft- und Raumfahrtindustrie" sowie sein "Führungsteam mit erprobter Verantwortung bei Entwicklung und Auslieferung einiger der erfolgreichsten und komplexesten Flugzeugprogramme in der Geschichte der Luftfahrt" zu verweisen.

Der für die Serienproduktion vorgesehene siebensitzige Lilium Jet benötige 30-mal weniger Komponenten als ein Verkehrsflugzeug, sei ausgelegt für einfache Herstellung und Skalierbarkeit und könne dadurch ähnlich effizient und schnell hergestellt werden wie Automobile. Unterstützt werde Lilium dabei von "Top-Zulieferern der Branche, deren Technologien und Dienstleistungen seit Jahrzehnten in der Luft- und Raumfahrt auf der ganzen Welt zertifiziert sind". Dazu gehören laut Unternehmensangaben Toray Industries, die Kohlefaserverbundwerkstoffe für die Primärstrukturen des Flugzeugs liefert, Aciturri, die Rumpf und Flügelsysteme herstellt, und Lufthansa Aviation Training (LAT), die das Pilotentraining von Lilium organisieren soll. Während Toray und Aciturri als solide aufgestellte Firmen gelten, ist LAT von der Corona-Krise schwer gebeutelt. Im September 2020 gab LAT bekannt, die traditionsreiche Verkehrsfliegerschule in Bremen zu schließen, etliche betroffen Flugschüler hatten rechtliche Schritte gegen die Kündigung ihrer Ausbildungen angedroht.

Die zahlreichen namhaften Investoren, darunter die Investmentfirma Baillie Gifford, der Infrastrukturkonzern Ferrovial, die Liechtensteiner Privatbank LGT, Palantir sowie Fonds von Blackrock und Tencent, ficht die Kritik an Lilium offenbar nicht an. Barry Engle, Gründer der SPAC Qell, ließ sich entsprechend euphorisch zitieren: "Wir sind begeistert, gemeinsam mit Lilium den Marktführer für regionale elektrische Luftmobilität aufzubauen. Qell hat sich auf die Suche nach einem außergewöhnlichen und ehrgeizigen Technologieunternehmen mit großem Wachstumspotenzial gemacht – und das haben wir in Lilium gefunden. Lilium verfügt über eine einzigartige Technologie und hat eines der technisch und kommerziell versiertesten Teams in der elektrischen Luftfahrt. Der Lilium Jet ist ein Gamechanger in der Mobilität."

Fazit

Glaubt man Liliums Pressemitteilungen und den vollmundigen Versprechungen von CEO Daniel Wiegand, steuert Lilium auf eine großartige Zukunft zu. Schaut man sich hingegen an, was Lilium bisher Substanzielles hervorgebracht hat und zieht einen Vergleich mit Mitbewerbern wie Volocopter, wird die Hybris deutlich, die in der Firmenzentrale in Weßling bei München inzwischen zu regieren scheint. Mit dem Gang an die Börse muss Lilium liefern, denn Investoren wollen erfahrungsgemäß vor allem eins sehen: Ergebnisse.