Klassenräume, aus deren offenen Türen Geschrei nach draußen dringt, Jungen und Mädchen, die über die Gänge flitzen oder im Foyer um einen Kickertisch stehen, Lehrer, die vor lauter Ordnern unterm Arm keine Hand mehr für die Türklinke frei haben und diverse künstlerische Verzierungen auf der Innenseite von Klotüren: So weit, so normal für eine Schule. Auch für die Technische Fachschule für Flugtechnik in Langenlebarn, knapp 25 Kilometer nordwestlich von Wien.
Allerdings fällt jedem Besucher bereits kurz hinter der Eingangstür auf, dass er keine normale Schule betritt. Denn im Foyer steht nicht nur der Kickertisch. Daneben reihen sich Flugmotoren, ein Jettriebwerk und die Rotoreinheit eines Helikopters. In der "Pförtnerloge" ist die komplette Decke mit Flugzeugmodellen zugehängt, teils aus Plastik, teils aus Papier gebastelt.

Kickern zwischen Exponaten aus der Luftfahrt - das geht im Foyer der BFS Flugtechnik.
Eine etwas andere Schule ...
Der Eindruck der "etwas anderen Schule" setzt sich fort, wenn man dem Hauptkorridor folgt. Da stößt man zunächst auf eine voll ausgestattete Werkstatt mit Dreh- und Fräsmaschinen, rechts davon auf einen Lehrsaal mit zahlreichen Werkbänken, Schraubstöcken und Bohrmaschinen. Weiter links folgt wieder eine Werkstatt, in der Schweißgeräte und Kantbänke darauf hindeuten, dass es hier eher grob zugeht.

In einer der Lehrwerkstätten steht eine CNC-Fräsmaschine.
Noch eine Tür daneben ist dann endgültig klar, dass in Langenlebarn alles anders ist. In der großen Werfthalle stehen eine Bell UH-1, eine Bell 206 Jet Ranger und ein Strahltrainer vom Typ Saab 105, der einst beim Österreichischen Bundesheer flog. Dass die Tür am Ende des Korridors in eine Werkstatt voller Motoren führt, in der sich "Kolbenschüttler" vom Rotax über Conti bis hin zum BMW-Stern ein Stelldichein geben und die sogar über einen voll funktionsfähigen Motorenprüfstand verfügt, komplettiert das Bild. Hier wird Luftfahrttechnik gelebt, daran gibt es absolut keinen Zweifel.
Gründung vor 55 Jahren
Die Geschichte dieser Einrichtung reicht zurück bis Ende der 60er Jahre, als sie als militärische Schule für Vorbereitungskurse für Luftfahrzeugwarte gegründet wurde. Zunächst in Wien angesiedelt, wurde sie kurze Zeit später an den Fliegerhorst in Langenlebarn verlegt. Anfangs stellte das Bundesheer einen Großteil des Personals, im Laufe der Jahre reduzierten die Streitkräfte ihr Engagement allerdings sukzessive, vor allem nach Ende des Kalten Krieges war Sparen die Devise. Dafür wuchs der zivile Anteil der Schule stetig. Heute gibt es eine geteilte Verantwortung.
"Die Liegenschaft, also das Gelände, die Gebäude und das gesamte Interieur wie Maschinen und Verbrauchsmaterial, steht unter Verantwortung des Verteidigungsministeriums, wohingegen das Bildungsministerium das Lehrpersonal stellt", erklärt Georg Heiss, passionierter Pilot und Fluglehrer mit mehr als 5000 Stunden auf Motor- und Segelflugzeugen. Vor 15 Jahren stieg er bei der BFS Flugtechnik ein und erklärt seitdem seinen Schülern, wie Aerodynamik funktioniert, wie Triebwerke und Propeller arbeiten und was es mit Human Factors auf sich hat. "Die Schule ist dank einer Kooperation mit Austrian Airlines ein voll zertifizierter Part-147-Aus-bildungsbetrieb, darf also Personal für Maintenancebetriebe nach Part 145 ausbilden."
Mit 14 Jahren an die Fachschule
Eine weiterführende Schule als Part-147-Betrieb? Klingt erstmal ziemlich hochgestochen. Allerdings geht das Konzept der BFS Flugtechnik seit vielen Jahren auf. "Das österreichische Schulsystem ist in drei Phasen gegliedert", erklärt Schulleiterin Roswitha Bürgmayr. "Die Primarstufe umfasst die ersten vier Jahre, dann folgen vier Jahre Sekundarstufe 1, die entweder an einer Mittelschule oder an einer allgemeinbildenden höheren Schule, also einem Gymnasium, absolviert werden. Bei letzterer geht es dann zumeist weiter zum Abitur, aber die Mittelschüler müssen sich entscheiden, wie sie ihren Bildungsweg fortsetzen, und hier kommt – neben anderen weiterführenden Schulen mit technischen, wirtschaftlichen oder sozialen Schwerpunkten – auch die BFS Flugtechnik ins Spiel."

Roswitha Bürgmayr leitet die BFS Flugtechnik.
Jedes Jahr nimmt die BFS rund 50 neue Schüler in zwei Klassen auf, die meist auf Messen oder durch Informationsveranstaltungen an anderen Schulen sowie Mundpropaganda von diesem Ausbildungsweg erfahren haben. "Da spielen oft die Väter eine Rolle, die ihren Nachwuchs entsprechend motivieren, in Richtung Flugtechnik zu gehen", sagt Georg Heiss und fügt mit einem Schmunzeln hinzu, dass das Schulteam dann auch oft erklären müsse, dass die Realität hier ein bisschen anders sei als "Top Gun". Das Einzugsgebiet umfasst aufgrund der außergewöhnlichen Ausrichtung der BFS ganz Österreich, und sogar aus Deutschland gab es schon Schüler.
Allgemeine und spezielle Lerninhalte
Basis des Unterrichts ist der offizielle Lehrplan für alle weiterführenden technischen Schulen, also Fächer wie Mathematik, Deutsch, Englisch, Geografie, politische Bildung, Wirtschaft und Recht sowie Sport. Dazu kommen fachspezifische Lehrinhalte.
"In der ersten Klasse an der BFS, also im Schuljahr 9 für die Schüler, vermitteln wir in unserer Lehrwerkstatt grundlegende handwerkliche Kenntnisse wie sägen, bohren, feilen und drehen. In der Theorie geht es um Mechanik, und auch erste Konstruktionsübungen gehören dazu", sagt Georg Heiss. "Nach Abschluss des ersten Jahres an der BFS ist die österreichische Schulpflicht erfüllt, und es findet eine Selektion statt. Die leistungsstärksten Schüler tendieren dazu, im Anschluss an die vier Jahre Fachschule das Abitur in ein bis zwei Jahren nachzuholen. Diejenigen hingegen, die sich mit dem Lernen schwerer tun und nicht weitermachen wollen, sind wegen ihrer bereits erworbenen handwerklichen Kenntnisse bei Ausbildungsbetrieben in Handwerk und Industrie begehrt."

Grundlegende Kenntnisse in der Metallbearbeitung bekommt jeder Schüler beigebracht.
Für jene, die in der Luftfahrttechnik bleiben wollen, folgen drei weitere Jahre Unterricht, in dem die fachspezifischen Inhalte immer mehr Gewicht bekommen. Aerodynamik und Konstruktion werden hier ebenso gelehrt wie die Funktion von Luftfahrtantrieben wie Kolbenmotoren und Strahltriebwerken.
"Die Klasse 3 ist aus meiner Sicht die anspruchsvollste, weil hier die Fachspezifika am höchsten sind", so Heiss. "Allerdings empfinden viele Schüler das gar nicht so, denn wer hier noch dabei ist, der brennt wirklich für das Thema." Neben der Theorie gehört die Arbeit an CNC-Maschinen ebenso zum Lehrinhalt wie additive Verfahren, auch als 3D-Druck bezeichnet. Weiterhin werden Kenntnisse in der Blechbearbeitung wie Schweißen, Nieten und Kanten vermittelt und die Kenntnisse in der Flugwerkstatt an realen Objekten angewendet. Exkurse führen die Schüler zudem an Themen wie Elektronik, Pneumatik und Werkstoffprüfung heran.

Maintenance ist auch Frauensache: Etliche Mädchen besuchen die Schule.
Prüfungen zum Abschluss
Mit den schriftlichen und mündlichen Prüfungen erhalten die Schüler am Ende der vier Jahre einen Abschluss der technischen Fachschule mit Schwerpunkt Luftfahrt. "Potenzielle Ausbildungsbetriebe wissen bei Absolventen der BFS Flugtechnik sehr genau, dass sie damit gut vorausgebildete Azubis bekommen." In den Ferien absolvieren die Schüler insgesamt acht Wochen Pflichtpraktikum. Nicht selten finden diese Praktika auch beim Bundesheer statt, denn die Streitkräfte können dabei potenziellen Nachwuchs kennenlernen.
"All das mag nach einem stressigen Schulalltag klingen, und, zugegeben, unsere Ausbildung ist anspruchsvoll", sagt Heiss. "Demgegenüber steht allerdings die Beschäftigung mit einem hoch spannenden Themenfeld. Und als Highlight bekommt jeder Schüler einmal im Jahr eine Mitfluggenehmigung in einem Fluggerät des Bundesheeres." Angesichts der am Fliegerhorst stationierten UH-60 Black Hawk, OH-59 Kiowa, Leonardo AW 169 und Pilatus Porter garantiert ein Erlebnis.
Leben im Internat
Aufgrund des großen Einzugsgebietes lebt die Hälfte der Schüler im Internat, das in einem der Kasernen-gebäude auf dem Fliegerhorst untergebracht ist. In der Mittagspause haben sie die Möglichkeit, an der Truppenverpflegung teilzunehmen. "Auch wenn wir eine enge Anbindung ans Militär haben und auch viele Soldaten stundenweise in den Werkstätten ihr Wissen weitergeben, sind wir eine zivile Ausbildungsstätte ohne Rekrutierungsauftrag", stellt Roswitha Bürgmayr klar. "Allerdings bietet die Nähe zum Militär natürlich Chancen für spätere Berufswege."

Für Schüler von weiter außerhalb stehen Internatszimmer zur Verfügung.
Parallel zu den Schülern der Sekundarstufe 2 werden an der BFS Flugtechnik in Langenlebarn auch angehende Fluggerätmechaniker unterrichtet, die den Beruf mittels Lehre erlernen. Diese Azubis arbeiten vier Jahre in einem luftfahrzeugtechnischen Unternehmen und kommen jährlich zehn Wochen nach Langenlebarn, um hier den theoretischen Teil ihrer Ausbildung in Jahrgangsstufen zu je 15 Schülern zu absolvieren.





