Und wo ist jetzt der Flugplatz?" Diese Frage, so erinnert sich Dieter Timm, kam einem Mitarbeiter des Luftamtes in Kiel über die Lippen, als er zwecks Abnahme zum Ortsbesuch nach Worth kam. Und zugegeben: Wenn man sich als Besucher zum ersten Mal auf der Wiese irgendwo im Nirgendwo fünf Kilometer nördlich von Geesthacht umschaut, dann ist die Frage gar nicht mal so unberechtigt. Okay, Kenner erblicken natürlich sofort den Windsack – und den Feuerlöscher, der ein wohliges Gefühl deutscher Sicherheitskultur vermittelt. Und sie nehmen auch die Bahnreiter wahr, die aus umgedrehten und weiß-rot-weiß angepinselten Mörtelkübeln bestehen. Dazu Container am Rande des Grundstücks und die entsprechenden Schilder an den Straßen, die die Wiese einrahmen – mehr braucht es nicht fürs kleine Fliegerglück. Das verstand am Ende sogar der Beamte und gab dem Gelände des Worther Ultraleicht Vereins, kurz WULV, seinen Segen.

Bemalte Mörtelkübel als Bahnreiter, Windsack, Feuerlöscher und zwei Lagercontainer - mehr braucht es nicht für Flugbetrieb.
Die Wiese vor der Haustür
Dieter Timm ist erster Vorsitzender der kleinen Gemeinde von Fliegern, die ihr Domizil nun ganz nahe der Heimat haben. Seit 13 Jahren besitzt er die Dreiachs-Lizenz, flog unter anderem in Neustadt-Glewe, Lüneburg, Uetersen und Lübeck. Aktuell hat er Zugriff auf eine Comco C42, die aber auch etliche Kilometer entfernt steht, also aus Sicht des passionierten Freizeitpiloten eine suboptimale Situation.
Vor einiger Zeit kam bei einem Bierchen in geselliger Runde die Idee auf, sich auch mal am Motorschirm zu versuchen, um mit weniger Aufwand in die Luft zu kommen. Eine Startwiese nahe des keine zehn Kilometer entfernten Ortes Schwarzenbek war der Ausgangspunkt für dieses Abenteuer.

Die Wiese ist heute der UL-Flugplatz Worth.
"Bei einem Flug über die Heimat fiel uns die Wiese am nördlichen Ortsrand von Worth auf. Die war perfekt geeignet, um da einen kleinen UL-Platz draus zu machen", sagt Timm. Erste Nachforschungen im Ort liefen ins Leere, viele der Angesprochenen waren skeptisch, weil das Stichwort "Flugplatz" sofort die Assoziation eines landenden Airbus A380 weckte. Auch der Bürgermeister zeigte sich zunächst alles andere als begeistert. In Worth bekamen die Piloten die Info, sich mal im Dorfladen bei Familie Schultz zu melden. Inhaberin Sandra, die den Laden und den Hof gemeinsam mit ihrem Mann Stefan betreibt, bestätigte, dass die Futterwiese ihrer Familie gehört. Und dann kam die Wendung. Sie fragte: "Was wollt ihr – mit Motorschirmen starten? Macht doch!‘", erzählt Dieter Timm noch immer überrascht. Kurz darauf hätte man die Katasterauszüge auf dem Tisch gehabt.
Paragraf 6 anstatt 25
Zunächst beantragen die Piloten eine temporäre Start- und Landeerlaubnis nach § 25 Luftverkehrsgesetz (LuftVG) beim Luftamt in Kiel. Von dort kam indes ein ganz anderer Vorschlag: eine Flugplatzgenehmigung gemäß § 6 LuftVG. "Die Mitarbeiterin dort war unglaublich freundlich und hilfsbereit. Die wollte es wirklich möglich machen", sagt Timm. Die Dorfgemeinschaft, der Bürgermeister und der Gemeinderat waren schnell überzeugt, nur ein Bauer blieb hart. "Dem haben wir in einem Vor-Ort-Termin gezeigt, worum es geht. Mit der Zusicherung, nicht über das Dorf zu fliegen, haben wir dann auch den beruhigt bekommen."
Es folgten ein Geländegutachten durch den DULV, die Gründung eines Vereins und diverse Checks bezüglich des Luftraums. Zusätzlich wurde auch der Deutsche Hängegleiterverband mit ins Boot geholt, sodass auch eine Genehmigung für Windenschlepp von Gleitschirmen möglich wurde. Nach kurzer Zeit war die Wiese gemäht, waren Bahnreiter, Windsack (samt Feuerlöscher!) und Hinweisschilder aufgestellt, und aus der Wiese bei Worth wurde am Ende tatsächlich ein Sonderlandeplatz mit einer 340 Meter langen Piste.

Dieter Timm ist Vorsitzender der Worther Ultraleicht Vereins.
"Was wir leider nicht bekommen haben, ist die Zulassung für UL-Flugzeuge der 600-Kilo-Klasse." Weitere Einschränkungen sind der Verzicht auf Platzrundenbetrieb, heißt: nur direkte An- und Abflüge, sowie der Verzicht auf die Dreiachs-Ausbildung und den Betrieb von UL-Gyro- und Helikoptern. Die Gleitschirmschulung ist aber erlaubt. Weiterhin müssen die Piloten aktuell noch vom 1. März bis 31. Juli wegen der Brut des Rotmilans auf den Flugbetrieb verzichten. Allerdings läuft ein Antrag auf Aufhebung der Auflage.
Keine Gebäude, dafür Container
Auf feste Gebäude wird verzichtet. Ein von Familie Schultz zur Verfügung gestellter Lagercontainer beherbergt die Winde und das übliche Geraffel, das man für einen sicheren Flugbetrieb braucht. Und der wird über Dieter Timm organisiert. "Wir fliegen niemals allein, es ist immer ein zweiter Pilot dabei, der im Notfall Hilfe holen kann. Die Landung fremder ULs braucht PPR, die auch über mich beantragt werden kann. Das haben seit der finalen Genehmigung auch schon zwei Gäste angenommen, einer mit einem Trike, einer mit einem UL", erzählt Timm nicht ohne Stolz. Nach Anfrage mit dem UL nach Worth zu kommen und eine Nacht unter der Tragfläche zu schlafen, sei kein Problem. Man dürfe allerdings keinerlei weitere Infrastruktur erwarten, sagt der WULV-Vorsitzende.

Bei schönem Wetter sind etliche Flugzeuge vor Ort.
Er selbst fliegt die gecharterte C42 immer ein paar Tage am Stück von Worth aus. "Wenn sich eine gute Wetterlage abzeichnet, hole ich sie vom rund 60 Kilometer entfernten Bobzin nach Worth, pflocke sie an und fliege dann, wenn das Wetter passt und ich Zeit habe. Das ist Lebensqualität! Ähnlich macht es ein Kamerad mit einer CT von Flight Design, zudem wird bald ein Kiebitz hier sein Domizil haben."
Die Eigentümer des Geländes planen laut Timm, noch weitere Container aufzustellen, vorrangig für landwirtschaftliches Gerät. "Aber wenn sich da Platz für ein UL mit Klappflügeln bietet, dann sagen wir nicht nein", gibt Timm zu und zwinkert. Auch ULs, die sich im Anhänger transportieren und lagern lassen, seien eine Option.

Sicher nicht ganz StVO-konform, aber funktionell: Das Warnschild an der nahen Straße.
Jeder soll mal mitfliegen!
Inzwischen, so Dieter Timms Eindruck, sei man so richtig angekommen. Piloten aus der Region, die bisher andernorts fliegen, erkundigen sich nach den Möglichkeiten vor Ort, und die Anwohner kommen vorbei und gucken, wenn mal Flugbetrieb ist. "Wir bringen uns ein, waren auf den Erntedank-Märkten präsent und haben das Ziel, dass irgendwann jeder der 198 Einwohner mal mit uns geflogen ist und so seine Heimat aus der Luft gesehen hat." So geht UL-Fliegen in Worth.





