in Kooperation mit

Segelflug-Simulator

Die virtuelle Cockpit-Realität

Foto: Stephan von Orlow

Viele Segelflieger retten sich mit Simulatoren wie Condor über den Winter – mit Monitor und ganz ohne Bewegung allenfalls ein schwacher Ersatz. Wie sieht es aber aus, wenn Virtual Reality und Bewegung dazukommen? Taugt das gar für effektives Training? Der Ansatz ist durchaus interessant.

„Delta 0815, rechter Gegenanflug Piste 25!“ Genauso wie im realen Cockpit drehe ich den Kopf zur Seite, checke die Lage meiner virtuellen ASK 21, schätze den Abstand zur Landebahn, um meinen Anflug passend einzuteilen. Blick zurück nach vorn auf die Instrumente. Fahrt ans gelbe Dreieck bringen, linke Hand am Trimmhebel – passt. Sinken mit anderthalb Meter pro Sekunde. Wieder drehe ich den Kopf zum Flugplatz, in wenigen Sekunden ist Zeit für die dritte Kurve. Plötzlich ein Stoß im Sitz. Thermik, na toll. Wie im richtigen Leben unmittelbar nach der Landemeldung. Das Vario dudelt in höchsten Tönen. Egal. Knüppel nach rechts, der Sitz neigt sich leicht in die Kurve. Ich orientiere mich an meinem Blickpunkt, leite aus. Etwas zu hoch.

Der Griff zum Bremsklappenhebel geht zunächst ins Leere. Auch der suchende Blick hilft hier nicht weiter. Erst durch Tasten mit der linken Hand erwische ich den klobigen Griff, der viel eher dem Throttle in einem Jagdflugzeug entspricht als einem Bremsklappenhebel. Allerdings: Kaum ziehe ich ihn nach hinten, offenbart der Blick über die Flächen die ausgefahrenen Bretter. Es geht nach unten. Klappen rein, Blick nach rechts, vierte Kurve, ausleiten, Klappen wieder raus und sauber anschweben. Fahrt wegziehen – die Neigung des Sitzes nach hinten gibt der virtuell hochgezogenen Nase das richtige Popo-Feeling. Als die 21 aufsetzt, rumpelt der Sitz. Kaum ausgerollt, zerre ich die VR-Brille vom Kopf und bin schlagartig wieder im Wohnzimmer von Stephan von Orlow. Mit flauem Gefühl im Magen, aber ziemlich begeistert.

Foto: Stefan Huelzer
Dank Motion-Simulator stimmt auch das Popometer-Gefühl, das beim Segelfliegen fast genauso wichtig ist wie die Wahrnehmung über die Augen.

Viel besser als Fliegen am Computer

Zugegeben: Segelfliegen am Computer fand ich immer nur gähnend langweilig. Umso gespannter war ich auf das Erlebnis, das Stephan von Orlows Motion-Simulator mit Virtual-Reality-Brille bieten würde. Und tatsächlich: Das Gefühl ist ein völlig anderes. Dabei ist das Entscheidende, dass sich die Blickführung überhaupt nicht mehr von der im realen Flug unterscheidet. Will ich rechts über die Fläche gucken, drehe ich den Kopf nach rechts. Will ich über mir die Wolke beurteilen, schaue ich nach oben. Wohl jeder, der mal am Computer Condor und Co. ausprobiert hat, kennt die Problematik der fehlenden Blickführung. Landeeinteilungen geraten bei den ersten Versuchen meist ziemlich hingemurkst, einfach weil die gewohnte Koordination zwischen Steuerung, Fluglage und Sicht völlig anders ist als im echten Segler. Hier bringt die VR-Brille die Realität ziemlich gut ins Wohnzimmer – die Steuerung per Knüppel, echter Pedale und Hebel für Klappen und Trimmung tut ein Übriges dazu. Grafisch ist freilich noch viel Luft nach oben, die im konkreten Fall verwendete Oculus Rift ist in Verbindung mit Condor kein Musterbeispiel an Auflösung. Aber nach kurzer Eingewöhnung nimmt man das kaum noch störend wahr.

Die Bewegung durch den Motion-Simulator ist dabei eher der Physis des Menschen geschuldet als dem Spaß. „Nicht alle Menschen vertragen Aktivitäten mit der VR-Brille ohne Probleme“, erklärt Stephan von Orlow. „Dieses Phänomen ist als ‚Motion Sickness‘ bekannt“, sagt der 49-Jährige, der sich seit einigen Jahren mit Simulationen und Virtual Reality im Segelflug beschäftigt. „Es entsteht, wenn sich Menschen durch virtuelle Welten bewegen, dabei aber ausschließlich visuelle Informationen wahrnehmen. Würde man sich auf einen normalen Stuhl setzen und mit der VR-Brille Simulator fliegen, dürfte bei vielen früher oder später Übelkeit aufkommen, und die hält im Gegensatz zur Reisekrankheit mitunter sogar weit über das eigentliche Erlebnis hinaus an.“ Mit dem beweglichen Sitz hingegen würden den optischen Informationen Bewegungsimpulse beigegeben. So könne der Gleichgewichtssinn im Ohr zusätzliche Informationen an das Gehirn liefern, was ein umfassenderes Bild von der Gesamtlage ermögliche. „Mehr Information bedeutet weniger Irritation, die Motion Sickness ist weit schwächer oder bleibt ganz aus.“

Simulatoren als Ergänzung für die Segelflugausbildung?

Von Orlow ist seit 1990 Segelflieger, hat rund 700 Stunden Flugerfahrung und war vor einer mehrjährigen Familienpause auch als Fluglehrer engagiert. 2017 stieg er wieder aktiv ein. „Irgendwann kam natürlich der Verein auf mich zu mit der Bitte, mich wieder als Fluglehrer zu engagieren“, sagt von Orlow. „Durch die Beschäftigung mit den Simulatoren stellte ich mir die Frage, ob die sich nicht auch in die Segelflugausbildung integrieren ließen.“

Foto: Stefan Huelzer
Stephan von Orlow (l.) mit Flugschülern.

Bevor tatsächlich der erste Flugschüler die VR-Brille überstreifen konnte, sondierte von Orlow den Markt. Welche Programme taugen für das Projekt? Welche Rechenleistung ist notwendig? Muss es ein Motion-Simulator sein? „Ich habe die Facebook-Gruppe ‚Segelflug-Simulator-Training‘ gegründet und angefangen, mich mit anderen dazu auszutauschen. Am Anfang habe ich auch klassisch mit Bildschirm, Joystick und Computerpedalen rumprobiert, aber das hat alles irgendwie nicht gepasst. Die VR-Brille brachte zumindest in optischer Hinsicht die Lösung, aber die Haptik fehlte noch immer.“ Zufällig wird von Orlow auf die Firma Lasergame Berlin aufmerksam, die auch Motion-Simulatoren des US-amerikanischen Herstellers DOF Reality vertreibt. „Schließlich habe ich mich für eine Variante entschieden, die Bewegungen in allen drei Achsen ermöglicht und so dem Popometer-Gefühl im realen Cockpit am nächsten kommt. Die Steuereingaben erfolgen über Knüppel und Hebel der Firma Thrustmaster, die – obgleich ohne Force Feedback konstruiert – ein wesentlich realistischeres Gefühl vermitteln als ein klassischer Joystick.“

Probe aufs Exempel

Mit einer kleinen Gruppe künftiger Flugschüler wagte er schließlich den Sprung ins kalte Wasser – wohl wissend, dass dieser Versuch auch kritische Stimmen provozieren würde. „Vorab will ich eines klarstellen: Es geht nicht darum, die klassische praktische Flugausbildung zu ersetzen, deswegen spreche ich auch nicht von Simulatorausbildung, sondern von Training. Ich sehe aber im VR-Simulator die Chance, insbesondere theoretische Inhalte viel intensiver zu vermitteln.“ So könne beispielsweise die Platzrunde erläutert und parallel dazu im Simulator erflogen werden. „Der Lehrer erklärt, ein Flugschüler fliegt, und die anderen gucken über den Beamer zu. Richtiges Handeln und Fehler können so direkt angesprochen werden. Auch die Blickführung wird klar“, sagt von Orlow. Man könne jederzeit stoppen, erklären und dann den virtuellen Flug fortsetzen – eine Möglichkeit, die die reale Ausbildung in der Form nicht biete, da für Entscheidung und Handlung nur ein bestimmtes Zeitfenster zur Verfügung stehe. „Im Simulator kann der Lehrer einen Strömungsabriss aber auch mal bis zur Endkonsequenz demonstrieren, und das völlig ohne Gefahr für Mensch und Material.“ Aus diesem Grund sei der Simulator auch für Fortgeschrittene interessant. „Seilrisse, Einstieg in eine Welle, Hangflug – das könnte man auch im Simulator trainieren.“

Der Lernforschritt wird in einer Art Ausbildungsnachweis dokumentiert.

Alle Fortschritte seiner Schüler hat Stephan von Orlow genau dokumentiert. Jetzt, zum Saisonbeginn, soll sich zeigen, ob sie von ihren Simulatorflügen im Winter profitieren und das Gelernte im richtigen Cockpit umsetzen können. „Die praktische Erfahrung kann der Simulator nicht ersetzen, aber ganz sicher ergänzen.“ Mit seinem Engagement verbindet von Orlow die Hoffnung, dass auch der DAeC das Thema Simulatortraining im Segelflug aufgreift und prüft, ob daraus nicht ein anerkanntes Modul für die Ausbildung werden könnte – analog zur
Pilotenschulung in der kommerziellen Luftfahrt.

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