Hartzell Propeller: Kohlefaser gegen Holzkern, was ist besser?

Hartzell Propeller
Kohlefaser gegen Holzkern, was ist besser?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 24.04.2026
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Hartzell-Propeller auf der Aero 2026.
Foto: Michael Rassinger

Für JJ Frigge gehört die AERO in Friedrichshafen längst zum Jahresrhythmus: "Ich komme seit über zehn Jahren hierher, und die Messe wird jedes Jahr größer", sagt der Hartzell-Präsident. Die Veranstaltung decke das komplette GA-Spektrum ab (von Ultraleicht bis Jet) und biete den idealen Rahmen, um europäische und internationale Kunden zum Saisonstart zu treffen.

Am Stand zeigt Hartzell eine Reihe neuer Partnerschaften und Produkte. Neben den langjährigen OEM-Kunden Diamond und Daher (TBM) rücken zunehmend europäische Hersteller mit Rotax-Antrieben ins Blickfeld. Gemeinsam mit Alpi Aviation präsentiert Hartzell ein ultraleichtes Dreiblatt-System, das gezielt auf den Rotax 915/916-Markt zugeschnitten ist und sich derzeit im Zulassungsverfahren befindet. Die Propellerserie für Rotax-Triebwerke läuft unter dem Namen "Falcon", den Anfang macht das Modell "Kestrel".

Servicepartner in Großbritannien

Einen strategischen Schritt hat Hartzell im vergangenen Herbst vollzogen: Mit Brinkley Aerospace in Großbritannien hat das Unternehmen einen Servicepartner integriert, der Hartzell erstmals einen direkten Zugang zum europäischen Wartungsmarkt ermöglicht. Der Betrieb bietet Propellerüberholung, Fahrwerkswartung und Bremsendienste auf Werksniveau an. Für europäische Kunden bedeutet das kürzere Wege und schnellere Durchlaufzeiten. Bislang mussten Propeller für eine Werksüberholung in die USA geschickt werden.

Hartzell-Propeller auf der Aero 2026.
Michael Rassinger

Nachrüstung: Mehr Auswahl, niedrigere Preise

Das Nachrüstgeschäft baut Hartzell mit dem "Top Prop"-Programm systematisch aus. Laut dem Unternehmen sind mehr als 150 zusätzliche Propellermodelle hinzugekommen, sowohl Aluminium- als auch Carbonfaser-Ausführungen. Auf ausgewählten Plattformen hat der Hersteller zudem die Listenpreise deutlich gesenkt: bei Cirrus-Vierblattpropellern um rund 26 Prozent, bei King-Air-Propellern um etwa 35 Prozent.

Parallel dazu treibt Hartzell neue STCs für konkrete Flugzeugmuster voran:

  • Diamond DA40 NG: Der Dreiblatt-Carbonfaser-Propeller "Polaris" ist bereits als Werkseinbauoption erhältlich.
  • Cessna 180/185 Skywagon: Der neue Dreiblatt-Carbon-Propeller "Carbon Voyager" bringt Gewichtseinsparung und Leistungsvorteile.
  • Cessna Caravan (mit Partner Wipaire): Ein Carbonfaser-Propeller, der die Startstrecke laut Frigge um rund 25 Prozent verkürzt.
  • King Air 350 (mit Partner Blackhawk): Ein Fünfblatt-Carbonfaser-Propeller, der im Reiseflug nach Angaben von Frigge etwa acht Knoten mehr bringt.
Hartzell-Propeller auf der Aero 2026.
Michael Rassinger

Carbon gegen Holzkern

In der Frage der Blattbauweise positioniert sich Hartzell offensiv. Der größte Wettbewerber sei nicht ein anderer Hersteller, betont Frigge, sondern die nach wie vor verbreitete Holzkern-Technologie. Hartzell investiert deshalb gezielt in Aufklärung: Das Unternehmen hat ein White Paper veröffentlicht und verweist auf hauseigene Tests, wonach Carbonfaser bei Festigkeit, Lebensdauer und Aerodynamik Vorteile bietet. Carbonfaser-Blätter seien dünner profiliert und damit aerodynamisch effizienter als die bauartbedingt dickeren Holzkernblätter. Zudem haben sie in der Regel keine festgelegte Lebensdauerbegrenzung, sondern sind zustandsabhängig zugelassen.

Die Produktionszahlen stützen Hartzells Strategie: Die jährliche Fertigung sei von rund 500 auf mittlerweile mehrere Tausend Carbonblätter gestiegen. Insgesamt hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bislang mehr als 40.000 Composite-Blätter produziert.

Elektroflug und neue Kapazitäten

Neben dem klassischen GA-Geschäft investiert Hartzell in den Bereich Advanced Air Mobility. Erstes konkretes Projekt: Beta Technologies CX-300, ein vollelektrisches Flugzeug mit konventionellem Start. Hartzell hat die Propellerzulassung dafür nach eigener Darstellung bereits abgeschlossen und sieht sich damit bereit für die anstehende Flugzeugzertifizierung. Daneben arbeitet das Unternehmen nach Angaben von Frigge mit mehreren weiteren eVTOL-Herstellern an Tractor- und Pusher-Konfigurationen. Seit 2019 hat Hartzell nach eigenen Angaben mehrere Tausend Ingenieurstunden in elektrische und hybride Antriebe investiert.

Um das erwartete Volumen bewältigen zu können, hat das Unternehmen am Stammsitz in Piqua, Ohio, eine neue Produktionshalle für Carbonfaser-Fertigung mit rund 14.000 Quadratmetern in Betrieb genommen. Sie soll etwa die dreifache Kapazität der bisherigen Anlage bieten.

Ziel: Plattformabdeckung von 100 bis 1200 PS

Das strategische Ziel formuliert Frigge ohne Umschweife: Präsenz auf jeder relevanten Flugzeugplattform im Leistungsbereich zwischen 100 und 1200 PS. Dafür setzt der Hersteller auf die Kombination aus Zertifizierungskompetenz (Hartzell besitzt eine FAA Organization Designation Authorization (ODA)), Carbonfaser-Technologie, einem wachsenden Service-Netzwerk und gezielten Preisanpassungen. Entscheidend wird sein, wie schnell sich das Servicenetz über Großbritannien hinaus auf dem Kontinent erweitert.