Jantar, Puchacz, Bocian, Pirat – in Ostdeutschland sind diese Namen unter Segelfliegern nicht nur bekannt, vielfach sind die Muster hier sogar noch im Einsatz. Während die beiden letztgenannten als Holzkonstruktionen sukzessive ans Ende ihrer Lebensdauer kommen, sind der Jantar als bekannt gutes Muster für starke Wetterlagen und der Puchacz als "Allzweckwaffe" für Schulung und Gastflüge im Vereinsbetrieb noch immer beliebt.
Entwickelt wurden die Segler im südpolnischen Bielsko-Biała, gelegen im Dreiländereck nur 20 Kilometer von der tschechischen und 30 Kilometer von der slowakischen Grenze entfernt. Die Geschichte des Entwicklungsbetriebes für Segelflugzeuge, polnisch Szybowcowy Zakład Doświadczalny, kurz SZD, begann hier im Jahre 1946 mit der Gründung des Instituts für Segelflug, das zwei Jahre später zu SZD wurde.

Bielsko-Biała ist 2026 Kulturhauptstadt Polens. An einer geschmückten Brücke in der Innenstadt wird auf den Segelflug Bezug genommen - und auf das einst ebenfalls hier ansässige Polski-Fiat-Werk.
50 Muster in 80 Jahren
Mehr als 50 Segelflugzeugmuster brachten die Konstrukteure, Ingenieure und Testpiloten im Laufe von 80 Jahren in die Luft, zu Hochzeiten arbeiteten 600 Menschen am Standort. Einige der Entwürfe wurden in Großserie gebaut – die eingangs genannten Jantar und Bocian kamen beispielsweise auf rund 600 Exemplare, vom Piraten wurden gar 833 Stück hergestellt – manche wiederum blieben Prototypen. Abgesehen von einer Nullserie erfolge die Serienproduktion nur in Ausnahmefällen in Bielsko, zumeist übernahmen Herstellungsbetriebe der staatlichen polnischen Luftfahrtwerke PZL in Jeżów und Lubawka (bis 1951), Posen und Danzig (bis 1954) und später auch in Krosno und Breslau den Bau der Segler.

Der Flugplatz von Bielsko-Biała, Heimat der SZD-Flugzeuge.
Mit dem Wachsen des des Betriebs entstand gegenüber des direkt an die Stadt grenzenden Flugplatzes eine ganze Wohnblocksiedlung für die Mitarbeiter und ihre Familien. Noch heute zeugen die Straßennamen davon, beispielsweise die Ulica Trzech Diamentów, zu deutsch Straße der drei Diamanten, oder die Ulica Czesława Tańskiego, benannt nach dem polnischen Flugpionier.

Die Straße der drei Diamanten - Spuren des Segelfluges im Wohngebiet gegenüber von Flugplatz und SZD-Werk.
Eine Besonderheit der Arbeit bei SZD war die Tatsache, dass manche Flugzeuge explizit für Rekordflüge oder einen Wettbewerb konstruiert wurden, ohne dass je eine Serienproduktion vorgesehen gewesen wäre. Ein Beispiel dafür ist die nach dem griechischen Windgott benannte Zefir-Reihe, deren verschiedene Evolutionsstufen allesamt für Rekordflüge gebaut wurden und neben dem langgestrecken Rumpf und Tragflächen mit großer Spannweite und Streckung auch zur Erprobung technischer Innovationen wie hydraulischer Wölbklappensteuerung oder verschiedenen Materialmischungen aus Holz, Metall und GFK genutzt wurden.
Andere Muster hingegen wurden speziell für einen Wettbewerb und die dort zu erwartenden Wetterbedingungen hin konstruiert, beispielsweise die SZD-43 Orion, die für die Segelflug-Weltmeisterschaften von 1972 in Vršac, Jugoslawien, entstand und innerhalb von nur elf Monaten entworden und gebaut wurd. Mit Jan Wroblewski am Steuer gewann die Orion direkt den Titel in der Standardklasse, das zweite gebaute Flugzeug landete auf Rang 3. Ähnlich verhält es sich mit dem Jantar-Derivat Brawo, das für die zu erwartenden schwachen Thermikbedingungen der WM 1985 in Rieti gebaut wurde. Hier blieb der Erfolg indes aus.
Rekorde und Rekordhalter
Alle Rekorde aufzuzählen, die je auf SZD-Mustern geflogen wurden, würden den Rahmen des Artikel sprengen. Beispielhaft sei aber auf den ersten WM-Titel des bereits erwähnten Jan Wroblewski verwiesen, der 1965 in South Cernry, Großbritannien, Weltmeister in der Offenen Klasse wurde – mit einer Foka 4, die eigentlich für die Standardklasse entwickelt wurde. Auch auf Rang 4 kam eine Foka 4, dazwischen Rolf Spänig auf der D-36 Circe und Rolf Kuntz mit der SHK.

Mit der Foka 4 wurde Jan Wrobleswki 1965 Weltmeister in der Offenen Klasse.
Ein weiterer Pilot, dessen Erfolge untrennbar mit einem SZD-Muster verbunden sind, ist Sebastian Kawa. Der Rekordweltmeister erflog die meisten seiner Titel in der 15-Meter-Klasse auf der SZD-56 Diana 2, einem kompromisslos auf Höchstleistung getrimmten Segler, der mit einem Sidestick gesteuert wird und bei einer Leermasse von nur etwa 185 Kilogramm auf eine maximale Abflugmasse von 500 Kilogramm kommt. Aktuell gelten für die Diana aufgrund einer AD allerdings eingeschränkte Betriebsgrenzen.

Die Diana 2 gilt - einen versierten, mustererfahrernen Piloten am Knüppel - als bis heute bestes Flugzeug für die 15-Meter-Klasse.
Schließlich war die 1964 zum Erstflug und dann in einer Serie von 30 Stück gebaute SZD-21 Kobuz 3 über nahezu 30 Jahre das Maß aller Dinge im Segelkunstflug. Nach einem Luftzerleger bei der WM 1989 in Hockenheim bildete der Kobuz die Basis für die Entwicklung des Swift S-1.

Der Kobuz war viele Jahre DER Kunstflugsegler schlechthin.
Herkunft und Zukunft
Mit dem Ende des Kommunismus und dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft kam auch der zwischenzeitliche Niedergang des Segelflugwerkes in Bielsko-Biała. Verhandlungen mit Diamond Aircraft zu einer möglichen Übername zerschlugen sich, 1998 meldete SZD Konkurs an.
Erst nach der Jahrtausendwende fand sich mit Allstar aus Deutschland ein neuer Investor, der die Produktion am alten Standort fortsetzte und die Musterzulassungen für die Jantar-Serie, den Puchacz, dessen Nachfolger Perkoz und die moderneren Einsitzer Nexus und Acro übernahm.

Noch heute in Produktion ist die SZD-59 Acro, die Strecken- und Kunstflugzeug in einem Muster vereint.
Inzwischen ist die neue Firma unter dem Namen Allstar PZL Glider solide am Markt positioniert und produziert mit etwa 70 Mitarbeitern den Perkoz und den Acro in Serie. außerdem wird hier mit Allstar eMotion ein dem FES-System ähnlicher Elektroantrieb entwickelt, der sich aktuell im Zulassungsverfahren befindet. Das System soll in alle SZD-55 sowie perspektivisch auch in die Jantar-Serie nachgerüstet werden können.
Das große Fest zum Jubiläum
80 Jahre Segelflugzeugentwicklung und -bau in Bielsko-Biała – dieses Jubiläum nahmen der ortsansässige Aeroclub und der Hersteller Allstar PZL Glider zum Anlass, ein zünftiges Fliegerfest zu feiern. Über das erste Maiwochenende gab es für Besucher die Möglichkeit, das Werk zu besichtigen, am Samstag bot sich in der Flightline ein nahezu einzigartiger Einblick in die Historie des Ortes. Zahlreiche SZD-Muster wurden hier ausgestellt, darunter auch seltene Konstruktionen wie der bereits angesprochene Zefir, eins der nur noch drei existierenden Exemplare des Kunstflug-Seglers Kobuz 3 oder der Doppelsitzer Kormoran, das einzige Ganzmetallflugzeug der SZD-Historie.

Bei Führungen durch das Werk von Allstar PZL Gliders bekamen die Besucher einen Einblick, wie Segelflugzeuge gebaut werden.
Ab 17 Uhr waren etliche der historischen Segler in einer Airshow zu erleben, flankiert von verschiedenen Motorkunstflug-Acts. Dabei hob sich das Programm wohltuend von der "Hauptsache-schnell-und-laut"-Manier anderer Veranstaltungen ab. Höhepunkt dabei war einmal mehr ein Muster aus Bielsko-Biała: Der schwede Johann Gustafsson zeigte mit seiner von LEDs und Pyrotechnik illuminierten SZD-59 Acro Segelkunstflug in seiner schönsten Form: Ruhig, anmutig, einfach zum Träumen. Und 9000 Besucher blickten staunend zum Himmel und bejubelten den derzeit wohl berühmtesten Piloten eines Flugzeugs aus ihrer Stadt.




