Ein Flugboot in Stuttgart? Kann nicht sein!

Geschichten aus der Platzrunde
Ein Flugboot in Stuttgart? Kann nicht sein!

ArtikeldatumVeröffentlicht am 28.04.2026
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Ein Flugboot in Stuttgart? Kann nicht sein!
Foto: Timo Jakisch

Sonntag nach der AERO. Mittelmäßiges Ausschlafen, Waschmaschine anwerfen, Frühstück. Heiße Schoki mit doppeltem Espresso und Käsetoast. Die Lust auf Aktivitäten hält sich in Grenzen. Die Sonnenstrahlen jedoch, die sich durch die infolge mäßiger Putzlust milchig schimmernden Fenster quälen müssen, und die Tatsache, dass unsere frisch erworbene Vereins-Dimona für den Tag noch nicht reserviert ist, verwandeln die träge Bräsigkeit in Fluglust.

Also ab zum Platz!

Mit Hilfe von Fluglehrer Jo, Ex-Lufthansa-Kapitän, mache ich mich mit den Besonderheiten der Super Dimona vertraut. Propeller-Drehen vor der Ölstandskontrolle, Leistungsregulierung via Manifold und Propellerverstellung, Lage von Bedienelementen und Schaltern – das Standardprocedere eben, wenn man auf ein neues Muster umsteigt. Und rein technisch ist es schon ein Sprung von der gemütlichen Grob 109 mit ihren gemogelten 87 PS auf die agile Dimona, deren 115 Turbo-Pferdchen beim Start nen anständigen Tritt ins Seitenruder verlangen.

Vier Platzrunden mit FI reichen, damit ich den Flieger zu seiner Zufriedenheit bedienen kann. Und – zugegeben – wenn man ein paar Stunden auf der DA 40 geschrubbt hat, dann ist das Handling der deutlich leichteren Schwester aus demselben Stall gar nicht mal so kompliziert.

Kuchen in Laichingen

Nach zwei Solo-Platzrunden mache ich mich zunächst auf nach Laichingen – hier gibt es zumeist guten Kuchen, wie ich nach zwei Außenlandungen innerhalb von drei Tagen auf diesem Alb-Flugplatz weiß. Also in unter 15 Minuten hingedüst, gelandet, Kuchen genascht und wieder in die Luft. Der Plan: einmal in die Stuttgarter Kontrollzone, Einflug über Sierra, Low Approach und via Oscar zurück zur Hahnweide. Standardprozedur, aber mit dem neuen Fliegerle will ichs einmal gemacht haben, bevor ich wieder Mitfliegern dieses Erlebnis biete.

Lars Reinhold

Das Ufo im Anflug

Nach dem Einflug schickt mich der Lotse ins Holding wegen anfliegenden Verkehrs. Das passiert in Stuttgart tatsächlich recht selten, zumeist genügt es, den Gegenanflug zu strecken, damit einen die Towercrew zwischen denen einsortieren kann, die tatsächlich am Airport landen. Im Eindrehen in den ersten Kreis sehe ich noch aus dem Augenwinkel ein Fluggerät, dass mir zumindest merkwürdig vorkommt. Als ich die Dimona rum habe und es wieder ins Blickfeld kommt, melden meine Augen angesichts der Schwimmer unter den Tragflächen und des abgerundeten Seitenleitwerks instant "Flugboot voraus!!", was mein Hirn zunächst mit einem skeptischen "Aha…" quittiert, nur um kurz darauf meinen Glubschern von hinten imaginär einen Klaps zu verpassen ob des Unfugs, den sie sich da eingebildet haben müssen.

Da das unbekannte Flugobjekt nach der Landung nicht mehr auszumachen ist, sortiert mein Prozessor um und labelt den gerade gesehenen Flieger zu irgend einem amerikanischen Transportflugzeug um, dass ganz sicher zur Airbase gerollt ist.

Ich in meiner Dimona bekomme die Freigabe für den Tiefanflug auf die 07, kurve zu früh in den Endanflug und schippere deutlich unterhalb des PAPI-Gleitpfades "rein in den Parkplatz", um mal einen gut bekannten Fliegerfilm zu zitieren. Powersetting anpassen, Nase runter, tief über den von Gummispuren gezeichneten Asphalt huschen und dann Rechtskurve Richtung Oscar. Die Hahnweide ist nach wenigen Minuten Flugzeit erreicht, und ein schöner erster Tag mit der Super Dimona geht zu Ende.

Zweiter Blick, der Zweifel sät

Auf der Heimfahrt gen Stuttgart kann ich es wie immer nicht lassen, an der Stelle in der Nähe der Feuerwache, wo die Autobahn etwas höher und der Zaun etwas niedriger ist, zur Seite zu schielen und zu gucken, was da so auf dem Vorfeld steht. Und was sehe ich? Eine dunkle Silhouette mit abgerundetem Leitwerk!

Kaum zuhause, schreibe ich einen Bekannten an, der am Airport arbeitet, und frage ihn, ob heute was besonderes gelandet ist. Ich komme mir fast blöd vor, als ich schreibe, ich hätte ein Flugboot gesehen. Doch meine Augen lagen richtig: Gelandet war tatsächlich eine Grumman Albatross. Das Foto – und seine Hintergrundinformationen – lassen keinen Zweifel. Lediglich die Eingebung "Flugboot" war nicht ganz korrekt, denn bei der Albatross handelt es sich um ein Amphibienflugzeug.

Timo Jakisch

Manchmal zieht das Hirn falsche Schlüsse, weil die Sinneseindrücke nicht zum Rest der Situation – und sei es nur der Ort – passen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Auch ein Learning dieses Tages.