Wenn akademische Fliegergruppen an einem neuen Prototyp arbeiten, dann ist das zumeist ein Projekt über mehrere Generationen von Studenten hinweg – ganz unabhängig davon, ob es ein eher konventioneller oder ein vergleichsweise experimenteller Entwurf ist.
Die AK-X fällt auf den ersten Blick in Kategorie zwei, denn sie ist als Nurflügler ausgelegt und verzichtet auf den bei Segelflugzeugen typischen langen und schlanken Heckausleger, der Seiten- und Höhenleitwerk trägt. Stattdessen wird der tropfenförmige Rumpf, in dem sich das Cockpit und das Fahrwerk befinden, von zwei stark gepfeilten Flügeln mit 15 Meter Spannweite in die Luft gehoben, deren Hinterkanten mit Klappen und Querrudern zur Steuerung ausgelegt und die Seitenruder in die großen Winglets integriert sind.

Das ungewöhnliche Flugbild der AK-X.
Nurflügler als echte Exoten
Am 30. September konnten die mehr als 100 im Laufe der Jahre am Projekt beteiligten Studenten endlich den Lohn ihrer Arbeit ernten. Am Flugplatz Giebelstadt hob die AK-X mit Testpilot Ingmar Mayerbuch am Knüppel erstmal ab. Meyerbuch ist Leiter des Flugbetriebs der Abteilung für Flugexperimente beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt – und entsprechend erfahren mit neuen Fluggeräten. Ein Nurflügel-Segler dürfte aber auch für ihn etwas Ungewöhnliches gewesen sein, das letzte Flugzeug dieser Art kam in Form der Horten HX-2 im Jahr 2018 in die Luft, allerdings als motorisiertes UL. Das letzte Nurflügel-Segelflugzeug liegt noch weiter zurück – 1988 brachten die Studenten der Akaflieg Braunschweig ihre SB 13 zum Erstflug.

Testpilot Ingmar Mayerbuch im Cockpit der AK-X.
Die Karlsruher Akaflieger hatten ihren Nurflügler-Rohbau Anfang November 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Idee für das ambitionierte Projekt ist aber deutlich älter, das letzte Mal wurde in den 1990er Jahren systematisch an derartigen Konzepten geforscht. Zunächst bauten die Studenten mehrere Modelle, um ihren eigenen Entwurf zu überprüfen und iterativ zu verbessern. Anschließend begann der Bau des manntragenden Einzelstücks, wegen der hohen Komplexität führten mehrere Generationen von Studierenden das Projekt über die Jahre hinweg weiter. Gemeinsam mit dem DLR führten die Studierenden später zahlreiche Versuche unter anderem zum Schwingungsverhalten durch, um die Flatterneigung des Flugzeugs zu untersuchen.

Auch die seitliche Ansicht ist einzigartig.
Schleppflugzeug auch ein Prototyp
Der Erstflug fand im Anschluss an am Vortag durchgeführte Boden- und Rollversuche in einem Wetterfenster mit guter Sicht und ruhiger Luft statt. Für den Start im Flugzeugschlepp kam die fs35 der Akaflieg Stuttgart zum Einsatz – ein starkes Symbol der Zusammenarbeit der akademischen Fliegergruppen in Baden-Württemberg. Während des rund einstündigen Erstflugs wurde die Steuerbarkeit bei verschiedenen Geschwindigkeiten erprobt und Systemtests durchgeführt, die Landung meisterte der Testpilot ohne Probleme.

Die AK-X hinter der fs35, ein von der Akaflieg Stuttgart gebauter Motorsegler.
In der sich nun anschließenden Flugerprobung untersuchen die Studierende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in Kooperation mit dem DLR, wie sich das leitwerkslose Konzept auf Flugverhalten und Flugleistung auswirkt. Am Ende soll die AK-X als Einzelstück beim LBA zugelassen werden.
Es gibt also noch genug zu tun für die Studenten, die in fast 100-jähriger Tradition rein studentische und ehrenamtlich organisierte Luftfahrtforschung betreiben. Schwerpunkte der Projektarbeit der Akaflieg sind die Konstruktion, der Bau und die Erprobung von Segelflugzeugen. Daneben ist die Akaflieg am KIT eng in die Aerodynamikvorlesung des Instituts für Strömungsmechanik eingebunden. Die etwa 45 in der Akaflieg engagierten Studierenden leisten begleitend zu ihrem Studium jedes Jahr 300 ehrenamtliche Baustunden pro Person und erlangen dabei umfangreiche theoretische und praktische Kenntnisse.

Die Akaflieg Karlsruhe und ihr ganzer Stolz - die AK-X.
Nachfolgeprojekt in Planung
Das Nachfolgeprojekt AK-11 wird gerade geplant, es wird vom Land Baden-Württemberg im Rahmen der Zukunftsoffensive Luft- und Raumfahrt gefördert. So finden auch künftige Studierende beste Bedingungen für studentische Luftfahrtforschung am KIT vor.





