Für Kunstflieger ist es der absolute Albtraum: Rückenflug oder negatives Flugmanöver mit reichlich Minus-g und plötzlich ein metallisches "Klick". Glück hat man, wenn sich "nur" ein Schultergurt gelöst hat, denn wirklich im Sitz hält den Piloten allein der Beckengurt. Wenn der hingegen nachgibt, dürfte der Aviateur alle Mühe haben, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.
Wenngleich Kunstflieger naturgemäß ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Gurtzeug haben, sollten sich auch Streckenflieger fest anschnallen. Der Flug durch eine kräftige Turbulenz kann den Piloten so weit aus dem Sitz heben, dass er auch ganz ohne bewusst eingeleitetes Manöver gegen die Haube knallt. Insbesondere die Beckengurte gehören demnach auch "cross country" festgezogen.
Vorsicht: Selbstständiges Öffnen möglich!
Allerdings: selbst korrekt angelegte Gurte können sich unerwartet lösen. Es sind Fälle bekannt, bei denen sich Schroth-Drehschlösser im Kunstflug ohne Vorwarnung geöffnet haben. Dies war mutmaßlich darauf zurückzuführen, dass sich die infolge des im Kunstflug üblichen extrem festen Anschnallens unter dauerhafter Spannung stehenden Verschlussbolzen während des Fluges aus den Löchern der Gurtbeschläge herausgearbeitet haben. Im Steckenflug tauchte das Problem bislang wohl nicht auf, weil die Gurte dort nicht permanent unter Spannung stehen, die Bolzen also in Momenten der Entlastung in ihre Ausgangsposition zurück rutschen können. Das Verhalten des Schlosses wurde in Versuchen mehrfach nachgestellt.
Schroth hatte nach dem Ereignis auf Druck aus der Kunstflugszene hin einen Service-Letter herausgegeben und auf die Problematik hingeweisen. Einige Gurtschlösser wurden für Kunstflug generell gesperrt, bei anderen das Inspektionsintervall auf fünf Jahre herabgesetzt.
Jüngst sind der aerokurier-Redaktion zwei weitere Fälle von sich selbst oder zumindest unbeabsichtigt öffnenden Gurten bekannt geworden. Beide betreffen die Gadringer-Drehschlösser der Gurtserie BAGU 5000.
Fall 1: Öffnung infolge falscher Montage
Im ersten Fall ist ein fehlerhafter Einbau mutmaßlich die Ursache für die Störung. Bei einer ASK 21 wurde anstelle des Beckengurts ein Schultergurt an der Seite der Sitzschale montiert und der Beckengurt stattdessen hinter dem Sitz an der Position des Schultergurts. Zunächst war das nicht aufgefallen. Bei einem Windenstart öffnete sich der Beckengurt ohne Vorwarnung. Passiert ist nichts, weil sich das Flugzeug in Normalfluglage befand und in dem Moment positive G-Kräfte wirkten.
Bei genauem Hinsehen fällt auf, dass die Metallbeschläge, die in das Drehschloss greifen, bei Becken- und Schultergurt unterschiedlich sind. Wichtig ist also, beim Einbau penibel darauf zu achten, dass der richtige Gurt an der richtigen Stelle montiert wird. Auf dem "Waschzettel" am Ende des Gurtes ist zumeist der Typ aufgedruckt, bei Gadringer steht BAGU für Bauchgurt und SCHUGU für Schultergurt. Schwierig wird es mitunter, wenn der Druck auf dem Textilfähnchen im Laufe der Zeit ausbleicht. Der Einbau sollte daher durch eine Sachkundige Person kontrolliert werden.

Links im Bild der Beschlag eines Schultergurtes, rechts der eines Beckengurtes.
Fall 2: Öffnung durch Berührung des Steuerknüppels
Ein weiteres Problem ist die potenzielle Berührung des Gurtschlosses mit dem Steuerknüppel. Ein Pilot wandte sich mit dem Hinweis an die Redaktion, dass es bei ungünstiger Sitzhaltung und stark gezogenem Knüppel passieren kann, dass der Stick in das Griffkreuz auf dem Drehschloss einhaken und es bei entsprechender Bewegung öffnen kann. Das muss nicht zwingend beim Vorflug-Check auffallen, da sich die Sitzposition während des Fluges ändern kann.
Im konkreten Fall hat sich der Gurt während einer Kunstflugfigur mit einer ASK 21 geöffnet, passiert ist zum Glück nichts. Der betreffende Verein will den Fall an Alexander Schleicher und an Gadringer als Hersteller von Flugzeug bzw. Gurtsystem melden.
Ein Ähnliches Risiko für die unbeabsichtigte Öffnung durch Berührung besteht auch bei der Nutzung der Gadringer-Drehschlösser in Kunstflug-Einsitzern mit eher liegender Sitzhaltung wie DG-300 Acro oder SZD-59 Acro. Hier kann es beim Reißen passieren, dass der Pilot den Arm so ungünstig über das Gurtschloss bewegt, dass er dabei den Auslösemechanismus betätigt.
Alternative Gurtsysteme für Kunstflug
Aufgrund der oben genannten Risiken setzen manche Kunstflieger auf alternative Bauarten, insbesondere Steckschlösser oder Hakenschlösser, wie sie unter anderem von Spekon, Hooker und polnischen Herstellern angeboten werden. Je nach Anwendungsfall kann es also sinnvoll sein, sich intensiver mit der Thematik Gurte auseinanderzusetzen und zu prüfen, welches System dem eigenen Bedarf am besten gerecht wird.

Steckschlösser sind eine Alternative zu Drehschlössern. Die im Bild gezeigten von Gadringer werden aktuell nicht produziert, ein polnischer Anbieter verbaut allerdings ein ähnliches System.





