Hätte ich damals als Flugschüler im Fach Meteorologie mal besser aufgepasst... Geplant war, die beiden längsten Tage des Jahres zu zweit beim Fly-in auf Juist verbringen. Die Aquila des Vereins war gebucht, Reisebegleiterin Ilona auf dem Sprung aus Niedersachsen. Einem zünftigen Inselwochenende mit Strand, Zelt und Lagerfeuerromantik mit Gleichgesinnten für eine schöne AirLeben-Story stand nichts im Wege. Wäre da nicht die Sache mit dem Wetter dazwischen gekommen. Gewitter dürften mit guter Wahrscheinlichkeit den Weg in den Norden versperren, so die Prognose – viel mehr den Weg zurück am Sonntag. Das sah ein befreundeter Meteorologe, der beim Thema Wetter an der Uni viel besser aufgepasst hat als ich in der PPL-Theorie, übrigens ebenso. Widersprüchliche Prognosen, von "alles fein" bis hin zu "nicht fliegbar" hatten die Modelle so ziemlich alles im Angebot. Mein inneres Team Vorsicht hat am Ende gewonnen. Am Freitagabend folgte dann schweren Herzens der Klick im Vereinsflieger auf "Reservierung stornieren". Autsch! Alles auf Null! Geblieben ist ein schaler Nachgeschmack angesichts des verpassten Insel-Erlebnisses.
Die brütende Hitze im Rheinland ließ nicht viele Optionen außer schwitzen und duchhhalten, während von Juist die Meldungen von 24 Grad und Top-Wetter aufs Handy schwappten. Den Weg ins überfüllte Schwimmbad habe ich mir ebenso gespart wie eine Fahrradtour oder die dank der gesperrten Bonner Nordbrück jetzt etwas mühsame Anfahrt zum Flugplatz. Der Sonntag brachte dann erneut Hitze – und immer noch keine Spur von den befürchteten Gewittern, von Blitz und Donner in der Nacht mal abgesehen. Was nun?
Tut sich da eine Chance auf zum Fliegen?
Erneut ein Klick in den Vereinsflieger. Die Aquila, die inzwischen einige Stunden (ohne mich) in der Luft war, ist ab 20 Uhr wieder frei. Klarer Fall von "Ich bin dann mal weg". Ein paar bedrohliche CBs am Himmel auf der Hinfahrt machen mich skeptisch. Werde ich heute noch fliegen oder nicht? Der Kölner TAF meldet mit 30 Prozent Wahrscheinlichkeit den abendlichen Weltuntergang. Egal, ich halte Kurs auf EDRA.
Am Platz dann tote Hose. Von wegen Flugbetrieb und Longest-Day-Party. "Der Segelflug hat heute schon um 14 Uhr kapituliert." Yannick und Cederic, zwei Vereinskameraden kurz vor der PPL-Prüfung, und zwei FIs sind neben Uwe auf dem Turm die einzigen Menschen in der Open-Air-Sauna auf der Bengener Heide über dem Ahrtal. Noch einen Schulflug abwarten, dann könnte es klappen. Evert und Cederic drehen noch eine Runde rüber zum COLA VOR. Ich sitze im Auto, Klimaanlage an, und warte (ein Hoch auf die Standklima des E-Autos). Auf dem iPad plane ich eine Route für den Sommer. Dann machen wir die Inselrunde halt im Juli.
Zwischenzeitlich ist die Aqulia gelandet. Im Südosten hält noch ein gewaltiger CB die Stellung, dem allmählich die Puste auszugehen scheint. Gefährlich wird dieser Kamerad nicht mehr. Spontan schappe ich mir Cedric, der eben noch als Schüler unterwegs war. "Magst Du mitkommen?" – "Klar!" Es geht nichts über die vielen tollen Menschen im Verein. Irgendwer findet sich immer, um die schönen Momente zu teilen. Noch eine gute Stunde bleibt uns bis zum Sonnenuntergang um 21:47 Uhr. Auf unserem kleinen, unbeleuchteten Platz mag ich das Ende der brügerlichen Dämmerung nicht ausreizen. Bevor wir Kreise zwischen Eifel und Haribo drehen, schlage ich eine Runde über die Stadt mit K vor. Zustimmung vom rechten Sitz. "Prop frei!" Der Rotax läuft.
Zauberhaftes Köln im Abendlicht
Um 20:54 Uhr nehmen wir die Räder in die Luft, steigen sprichwörtlich der Sonne entgegen. Ein anderer Pilot hat zwischenzeitlich eine der beiden Cessnas aus der Halle bugsiert und rollt zur Tankstelle. Sonst sind wir allein. Man merkt, dass die Verkehrslandeplätze rundherum geschlossen sind. Restriktionen wie Öffnungszeiten haben wir bei uns zum Glück nicht. Vorab das Siebengebirge, weiter geht es nach Bonn mit der momentan berühmtesten Brücke Deutschlands, schon lässt uns der Lotse in die CTR von Köln/Bonn einfliegen, Kurs in Richtung Flughafen mit der Freigabe zum Überflug über die 31R. Vor uns hebt ein Airliner ab, dann gehört die Bahn uns. "D-XJ, nach dem Überflug Kurs auf die Innenstadt." Nichts lieber als das. Ich drehe eine leichte Linkskurve in Richtung der Zwillingstürme der schönsten Dorfkappelle der Welt. Ein paar Kreise über dem Dom rechts rum – ständig ist dieser Flügel im Weg – dann geht es über Sierra 1 zurück. Die Sonne gibt nochmal alles, taucht die Welt in ein kitischiges Rot-Orange. Es ist wieder einer dieser Momente, an denen mir bewusst wird, warum ich vor vielen Jahren mit dem Fliegen angefangen habe.
Um 21:37 Uhr, zehn Minutzen vor Sonnenuntergang, setzen wir auf der Piste 28 auf, rollen zur Halle und genießen die Stille. Grinsen. Freude. Ich blicke zurück auf einen Flug, der für so vieles entschädigt hat. Nicht mal eine Stunde hat er gedauert, und wird mir doch ewig in Erinnerung bleiben. Ich glaube sogar, das war mein erster "echter" Longest-Day-Flug in all den Jahren.
Apropos Entschädigung: Ganz nutzlos war es dann doch nicht, die Aquila nicht nach Juist zu entführen. Cedric und Yannic haben die Zeit mit ihr genutzt, um ein paar entscheidende Schritte mit im Endspurt ihrer Ausbildung weiterzukommen. Ich hingegen bin froh, dass ich mich nicht in die meteorologische Sackgasse manövriert habe, ob es nun so gekommen wäre oder nicht. Demnächst werde ich die Prognosen sicher noch etwas anders betrachten, stehe aber zu der Entscheidung, die andere vielleicht als falsch oder feige erachten mögen. Schließlich muss es ja auch nicht immer die Nordsee sein. Das Rheinland ist ja auch ganz schön.





