Freier Fall aus dem Cockpit

Unfallanalyse
Freier Fall aus dem Cockpit

ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.06.2026
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Freier Fall aus dem Cockpit

Es gibt auf jeder Checkliste Punkte, die anscheinend banal sind. Sie werden meist schnell abgehakt, zuweilen auch mal ignoriert. Auch ein vermeintlich weniger bedeutender technischer Defekt, der bei der Wartung nicht berücksichtigt wurde, kann verheerende Folgen haben. Das macht ein tragischer Unfall nahe der Ortschaft Jandelsbrunn im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau besonders deutlich.

Am 30. März 2021 will der Pilot einer EV97 vom Sonderlandeplatz Sonnen zu einem Flug nach Pilsen in Tschechien aufbrechen. An diesem Vorfrühlingstag sind die Bedingungen für einen Sichtflug optimal: Die Gebietswettervorhersage des 60 Kilometer südöstlich gelegenen, österreichischen Verkehrsflughafens Linz meldet für die Region CAVOK, also VFR-Bedingungen mit über zehn Kilometer Sicht. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen.

Der UL-Pilot hat seit fast zwei Jahrzehnten den Luftfahrerschein für Luftsportgeräteführer. Seine Flugerfahrung beträgt aber nur rund 170 Stunden bei 446 Starts und Landungen. Die Daten in seinem Flugbuch hat er allerdings seit 2019 nicht mehr aktualisiert. Seine fliegerische Erfahrung wird dennoch als eher gering eingeschätzt. Am späten Vormittag bereitet sich der 54-Jährige auf den Start vor, arbeitet die Checkliste routinemäßig ab und rollt wenig später mit dem in Tschechien gecharterten UL zur Piste 20. Nach dem Take-off nimmt der Tiefdecker Kurs Richtung Norden. Doch nur wenige Augenblicke später hat der Pilot plötzlich ein ernstes Problem, auf das er schnell reagieren muss: Die Cockpithaube hat sich geöffnet. Noch im Anfangssteigflug dreht die EV97 in eine Linkskurve – möglicherweise sieht der Pilot seine Rettung in dem Versuch, wieder zum Flugplatz zurückzukehren.

Doch er ist mit der Situation offenbar überfordert. Der Flug nimmt in diesen Sekunden eine dramatische Wendung: Nahe der Ortschaft Jandelsbrunn geht das Flugzeug nach vorn in einen steilen Sinkflug über und stürzt in der Folge fast senkrecht zu Boden. Dabei lösen sich laut Zeugenaussagen noch im Flug Teile vom Flugzeug, bevor es in einem sumpfigen Waldgebiet aufschlägt.

Ersthelfer und Bergungskräfte, die sich durch das unwegsame Gelände zur Unfallstelle vorkämpfen, finden dort ein völlig zerstörtes Wrack. Es liegt rund sechseinhalb Kilometer nördlich des Flugplatzes in einem von Bibern aufgestauten Weiher. Beide Tragflächen der EV97 sind an der Flügelvorderkante gestaucht, der Rumpf ist ebenfalls mehrfach gestaucht und gebrochen. Darüber hinaus machen die Helfer im Cockpit eine merkwürdige Entdeckung: Es ist leer. Der rechte Schultergurt wurde offenbar vor dem Aufschlag geöffnet, auch das Gurtschloss ist offen. Vom Piloten keine Spur.

Erster Hinweis auf mögliche Unfallursache

Doch trotz der rätselhaften Umstände an der Unfallstelle gibt es keine Hoffnung, dass der Pilot das Unglück überlebt haben könnte: Seine Leiche wird rund 15 Meter südlich des Wracks geborgen. Offenbar ist er noch vor dem Aufschlag aus dem Cockpit herausgeschleudert worden. Bei der Untersuchung der Kabine entdecken die inzwischen eingetroffenen Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) einen ersten Hinweis auf die Unfallursache: Die Gasdruckfeder des Haubenrahmens ist ausgefahren und geknickt. Das lässt darauf schließen, dass die Cockpithaube sich bereits im Flug geöffnet haben muss. Ob sie vor dem Start nicht sicher verschlossen wurde oder ob ein technisches Problem dazu geführt hat, dass sie sich während des Anfangssteigflugs öffnete, ist am Wrack zunächst nicht eindeutig feststellbar.

Die BFU-Ermittler finden im Cockpit außerdem mehrere Gegenstände, die Fragen aufwerfen, unter anderem einen tragbaren Sauerstoffkonzentrator und einen Inhalator. Hatte der Pilot möglicherweise eine Vorerkrankung, die zu einem medizinische Notfall führte und den Unfall verursacht haben könnte?

Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung des Leichnams ergeben sich jedoch keine Hinweise auf dieses Szenario. Als Todesursache wird ein Polytrauma festgestellt. Den Inhalator hatte der Pilot offenbar wegen einer Asthma-erkrankung mit sich geführt. Die Medikation war dem Fliegerarzt bekannt und mit der Flugtauglichkeit des Piloten durchaus vereinbar.

Weitere Ermittlungen der BFU ergeben, dass technische Probleme mit dem Verschluss der Cockpithaube bei Ultraleichtflugzeugen des tschechischen Herstellers Evektor Aerotechnik, der die EV97 SportStar baut, schon lange vor dem Absturz bei Jandelsbrunn bekannt waren. Im Untersuchungsbericht der BFU heißt es dazu: "Der Hersteller wies auf die Möglichkeit einer sich im Flug öffnenden Haube hin. Er hatte am 03. Januar 2006 ein Mandatory Bulletin herausgegeben, dass bei den Mustern EV97-009a / SportStar-004a der Haubenverschluss aufgearbeitet werden sollte." Die Halter der betroffenen ULs hätten diese Anweisung demnach schon mehrere Jahre zuvor umsetzen müssen.

Weitere Sicherheitsanweisungen zur Cockpithaube

Im Juni 2013 veröffentlichte der Hersteller eine weitere Sicheheitswarnung (SportStar-022 a SR), in der nochmals auf die Änderungen im Flight Manual zu dem Problem der selbstöffnenden Cockpithaube hingewiesen wurde. Das bislang letzte Mandatory Bulletin gab der Hersteller im Oktober 2017 für die SportStar und die Eurostar mit Aufstellhaube und Metallrahmen heraus. Auch in diesem Fall war der Anlass, dass es mehrere Öffnungen der Kabinenhaube im Flug gegeben hatte. In dem Bulletin wurde der Einbau eines Hakens als zusätzliche Sicherheit angewiesen, um bei einer nicht richtig verschlossenen Haube die unbeabsichtigte Öffnung im Flug zu verhindern. Auch die Dringlichkeit der Maßnahme hob der Hersteller hervor: Das zur Behebung des Problems vorgesehene Einbaukit sollte vor dem nächsten Flug bestellt und sofort montiert werden.

An der EV97 von Jandelsbrunn hatte eine solche Nachrüstung offenbar nicht stattgefunden. Die BFU-Ermittlungen zeigen eindeutig, dass am Haubenrahmen der Unfallmaschine kein Sicherheitshaken montiert war.

Der Bericht zu einem Unfall mit dem gleichen Flugzeugmuster, den die spanische Behörde Comisión de Investigación de Accidentes e Incidentes de Aviación Civil untersucht hat, kommt zum gleichen Ergebnis wie die deutsche BFU: Die spanischen Ermittler stellten fest, "dass ein Sicherheitshaken, wie im Mandatory Bulletin No. EV97-33a SR R1 gefordert, fehlte." Dies habe maßgeblich zu dem Absturz des ULs beigetragen. Der spanische Untersuchungsbericht verweist zudem auf weitere Flugunfälle gleicher Art, bei denen es ebenfalls zu einer ungewollten Öffnung der Haube gekommen war.

Bei dem Fall von Jandelsbrunn weist aus Sicht der BFU die Verteilung der Verglasungs- und Wrackteile sowie der Fundort des Piloten ebenfalls eindeutig darauf hin, dass es zu einer Öffnung der Flugzeughaube im Flug gekommen sein muss. Was in den Sekunden danach passierte, gleicht einem Horrorfilm: Laut BFU-Analyse versuchte der Pilot offenbar, die geöffnete Haube wieder zu schließen. Dabei löste er seinen Sicherheitsgurt, um den Rahmen der Haube erreichen zu können. Die Ermittler gehen davon aus, dass er dabei die Kontrolle über das Flugzeug verlor und in einer Sturzflugbewegung des ULs aus dem Cockpit herausfiel. Im Untersuchungsbericht heißt es dazu: "Infolge des steilen Bahnneigungsfluges und der negativen Beschleunigungskräfte fiel der Pilot sehr wahrscheinlich in die offene Flugzeughaube und durchschlug die Verglasung." Experten berechneten anhand der Navigationsdaten eine mögliche Fallparabel für die letzten Sekunden vor dem Aufschlag der EV-97. Demnach war der Pilot "sehr wahrscheinlich" in einer Höhe von etwa 180 Metern über dem Gelände aus dem Flugzeug herausgestürzt.

Ein Gesamtrettungsgerät hätte den Aufschlag womöglich abgeschwächt und das Leben des Piloten gerettet. Ein solches System war in dem UL mit tschechischer Zulassung aber nicht verbaut. Es ist dort nicht vorgeschrieben.