Wer mit dem Flugzeug in den Alpen unterwegs ist, begibt sich in eine der anspruchsvollsten Umgebungen für Piloten: schnelle Wetterwechsel, gefährliche Winde, unwirtliches Gelände und oft nur wenige geeignete Notlandeflächen.
Am 27. Juni 2019 sind drei Einmots in diese ebenso schwierige wie einzigartige Region, in die Schweizer Alpen, unterwegs. Es soll ein besonderer Familienausflug werden: Vater, Sohn und Tochter haben sich mit zwei Piper Cub und einer Remos GX auf dem Flugplatz Triengen im Kanton Luzern verabredet. Sie wollen zu einer zweitägigen Tour mit mehreren Zwischenstopps aufbrechen.
Das UL steuert die Tochter bzw. Schwester in dem Trio. Sie hat zwei Jahre zuvor ihre Pilotenausbildung absolviert, mit lediglich 48 Stunden bringt sie die geringste Erfahrung mit. Die Gruppe hat sich daher akribisch auf die Tour vorbereitet. Monate vor dem Start legten die drei eine Liste der anzufliegenden Flugplätze fest und gingen alle An- und Abflugrouten genau durch. Auch die konkrete Flugplanung vor dem Start wurde insbesondere auf optimale Wetterbedingungen abgestimmt.
Übungsflug direkt vor dem Start der Alpentour
Am frühen Morgen des 27. Juni startet die UL-Pilotin mit ihrer Remos GX am Flugplatz Mollis, um vor der geplanten Tour nochmals alleine einige Landeanflüge zu trainieren. Anschließend bricht sie zusammen mit einem Passagier in Richtung Triengen auf. Ihr Flugzeug mit dem Kennzeichen HB-WYI landet dort gegen 8.30 Uhr.

Die letzte Etappe des Tages.
Rund 45 Minuten nachdem sich Vater, Sohn und Tochter am Flugplatz Triengen getroffen haben, starten die HB-WYI sowie die beiden Piper Cub zur gemeinsamen Tour. In 3000 Fuß AMSL bilden die drei Flugzeuge eine lockere Pfeilformation mit der HB-WYI als Führungsflugzeug und gehen kurz darauf in einen Sinkflug in Richtung der Ortschaft Reitnau, um über dem Elternhaus des Passagiers in geringer Höhe zu kreisen. Dabei fliegen die Maschinen nur rund 80 Meter über dem Gelände.
In den folgenden Stunden ist der Verband mit Zwischenlandungen in Courtelary und Môtiers über den Alpen unterwegs. Rund dreieinhalb Stunden nach dem Start in Triengen landen die drei Maschinen in Gruyères, um eine Mittagspause einzulegen und die weitere Route nach Bex und über den Höhenpass Col de Sonlomont zu besprechen. Tagesziel ist der Flugplatz Münster im Wallis.
Nur zwei Flugzeuge überqueren den Pass
Kurz vor 15 Uhr hebt die HB-WYI als erstes Flugzeug des Trios auf der Piste 35 ab. In einer Linkskurve erreicht das UL im Anfangssteigflug den Lac de la Gruyère und die Ortschaft Bulle in 4700 Fuß AMSL. Die beiden Piper Cub fliegen langsamer hinterher und schließen erst im weiteren Flugverlauf in südlicher Richtung auf. Dann dreht der Verband zusammen nach Osten in Richtung des Pays-d’Enhaut.
Eine der beiden Cubs übernimmt nun die Führung, die HB-WYI folgt ihr. Auch die zweite Piper zieht an dem UL vorbei. Zusammen überqueren die Cubs um 15:12 Uhr Richtung Süden den Col-de-Sonlomont-Pass in rund 5300 Fuß. Der Pass selbst liegt auf 4879 Fuß, also 1487 Meter über dem Meeresspiegel.
Währenddessen fliegt die UL-Pilotin immer noch nördlich des Col de Sonlomont. Sie dreht nun in einer Rechtskurve auf 4800 Fuß ins Tal ein. Der Abstand zum Col de Sonlomont und den beiden Cubs vergrößert sich dadurch auf rund 2,3 Kilometer. Mit reduzierter Motorleistung sinkt die HB-WYI um etwa 100 Fuß. Dann setzt die Pilotin Vollgas, um erneut an Höhe zu gewinnen und den Pass zu überfliegen. Dabei sinkt ihre angezeigte Geschwindigkeit von 64 auf 55 Knoten. Die Stall Speed der Remos GX liegt nun 11 Knoten darunter, beträgt ohne Klappen 44 Knoten(81 km/h).
Die Motorleistung des UL reicht nicht
Mit maximaler Motorleistung fliegt die HB-WYI jetzt talaufwärts gegen ansteigendes Gelände auf die Passhöhe zu. Dabei verliert sie weiter an Fahrt, ohne wesentlich an Höhe zu gewinnen. Um 15:12 Uhr sind es nur noch rund 900 Meter zum Col de Sonlomont, doch die Höhe reicht nicht, um den Pass zu überfliegen: Die HB-WYI ist immer noch 76 Fuß(23 Meter) unterhalb der Passhöhe.

Die Flughöhe in Relation zur Geländehöhe.
In einer Linkskurve dreht das UL gegen den Hang. Um 15:13 Uhr erreicht es eine Flughöhe von 4810 Fuß, über dem Gelände sind es aber nur noch 75 Meter – bei lediglich 38 Knoten IAS. Offenbar hat die Pilotin in dieser Flugphase die Landeklappen ausgefahren. Die Strömung der GX reißt mit gesetzten Klappen bei 34 Knoten(63 km/h) ab, bei Schräglage liegt die Abrissgeschwindigkeit jedoch höher. Die HB-WYI hat in diesen Sekunden eine Querlage von 37 Grad.
Doch die Pilotin erkennt die Gefahr nicht: Das UL stürzt plötzlich fast senkrecht zu Boden. Kurz vor dem Einschlag in die Baumkronen wird das Gesamtrettungssystem aktiviert. Aber es ist zu spät, der Schirm kann sich nicht mehr vollständig öffnen, um den Aufprall abzuschwächen. Beim Sturz durch die Bäume werden beide Tragflächen abgerissen. Die Pilotin und ihr Passagier haben keine Chance, den harten Aufschlag zu überleben. Rumpf, Motor und Leitwerk werden zerstört.

Der Flugverlauf gemäß Datenaufzeichnungen.
Nachdem die beiden Piper-Piloten keinen Funkkontakt zur HB-WYI mehr herstellen können und die Suche über dem unwegsamen Gelände erfolglos bleibt, kehren sie nach Gruyères zurück und melden die HB-WYI als vermisst. Da das Kabel der ELT-Antenne beim Absturz des ULs abgerissen ist, gibt der Notsender zudem kein Signal ab. Erst am Abend findet ein Hubschrauber der Schweizer Luftwaffe das Wrack am Col de Sonlomont, etwas unterhalb der Passhöhe.
Bei der Rekonstruktion des Unfallflugs dokumentiert die Schweizer Sicherheitsuntersuchungsstelle SUST gleich mehrere Fehlleistungen der UL-Pilotin beim Überqueren der Passhöhe. Das Grundprinzip einer sicheren Gebirgsflugtaktik bestehe darin, so die SUST, den Flugweg so zu wählen, dass zu jedem Zeitpunkt sinkend vom Gelände weggedreht werden kann. Zudem müsse man mit mindestens 1000 Fuß Überhöhung über dem Pass ins Tal einfliegen und dabei jederzeit genügend Raum für eine Umkehrkurve lassen. Die Annäherung an den Pass ist im spitzen Winkel und mit ausreichender Fluggeschwindigkeit zu fliegen. Im Zweifel sei eine sichere Umkehrkurve einzuleiten.
Für einen sicheren Flug im besonders anspruchsvollen alpinen Gelände fehlte der Pilotin aber schlicht die Erfahrung. Denn dort kann jeder Fehler tödlich enden.





