Das Segelfluggelände Rossfeld blickt bezüglich seiner Rückholfahrzeuge auf eine interessante Historie zurück. Robuste Klassiker und betagte Alltagsautos bekommen hier ein zweites Leben abseits des Straßenverkehrs. Doch was passiert, wenn treue Oldtimer endgültig den Dienst quittieren und Standard-Pkw zu sperrig für den Flugplatzalltag sind? Der Verein stand in den Neunzigern vor genau dieser Herausforderung und fand eine radikale, aber genial pragmatische Lösung.
Jahrelang prägten zwei Kabinenroller vom Typ BMW Isetta das Bild am Platz. Die charmanten Mobile waren die perfekten Rückholfahrzeuge, um gelandete Segelflugzeuge zurück an die Startstelle zu schleppen. Doch die Ersatzteilbeschaffung wurde zunehmend schwieriger und unwirtschaftlich, die Ausmusterung der beiden Raritäten war beschlossene Sache. Ein neuer Schlepper musste her, der wendig wie eine Isetta und stark wie ein echter PKW sein sollte.
Als hauptverantwortlicher Tüftler und Kopf des Projekts nahm sich der damalige zweite Vorstand Jürgen Hahn der Sache an. Unterstützung für das Vorhaben gab es aus der Region: Die technische Basis, ein bewährter VW Golf I, wurde von einem örtlichen VW-Autohaus kostenlos zur Verfügung gestellt.
Die Rücksitzbank rückt nach vorn
Um die extreme Wendigkeit zu erreichen, erhielt das Gefährt mit der Flex eine sehr radikale Kur. Der Golf wurde um satte 75 Zentimeter gekürzt. Nach dem Heraustrennen des mittleren Segments wurden die Hälften wieder zusammengefügt. Das Platzwunder erfuhr im Interieur eine besondere, radikale Anpassung: Nach dem massiven Umbau wanderte die originale Rücksitzbank nach vorn und dient nun als herrlich bequemer Fahrersitz des Pushback-Boliden. Durch die gekürzte Karosse sitzt der "Rückholexperte" deutlich näher am Flugzeug. Angedockt wird ausschließlich nach Augenmaß und mit sensiblem Kupplungsfuß.
Auch der Kraftstoffhaushalt wurde neu gedacht. Da für den Serientank durch die Verkürzung der Platz fehlte, konstruierten die Tüftler einen maßgeschneiderten Eigenbau-Tank, der exakt in den ehemaligen Reserverad-Stauraum im Heck integriert wurde.
Maßgefertigte Schleppvorrichtung am Heck
Um das Gesamtkonzept perfekt abzurunden, fehlte nur noch die Verbindung zum Flugzeug. Auch hier bewies Jürgen Hahn Erfindergeist: Am Heck des Kurz-Golfs sorgt nun eine maßgefertigte Schleppstange für maximale Effizienz. Diese ist mit einer durchdachten Aufnahmevorrichtung ausgestattet, die das Heck des Segelflugzeugs sicher anhebt und fixiert. Damit entfällt das mühsame manuelle Steuern des Spornrads beim Rückholen. Gefedert und horizontal ausgelenkt minimiert sie die Stöße beim Rücktransport der Flugzeuge deutlich besser als eine Schleppstange mit Rädern, was letztendlich der Zelle der auf dem Rossfeld vielfach eingesetzten Vintageflieger gut tut.
Das Flugzeug wird starr und spurtreu hinterher gezogen, was Beschädigungen verhindert und das Rangieren zu einem Ein-Mann-Job macht.

Augenmaß beim Ankuppeln.
Der radikale Umbau hat sich im Flugplatzalltag bestens bewährt. Dank des kurzen Radstands wendet der Spezial-Golf fast auf dem Teller, und die Piloten ziehen nun ihre Segelflugzeuge seit über 30 Jahren zuverlässig und zentimetergenau zurück an die Startlinie.
Reichlich Komfort fürs Bedienpersonal
Durch die offene Bauweise ist der Bolide ein echter Augenschmaus, und der Chauffeur hat immer frische Luft. Das Auto hat sogar einen Elektrostarter, und die Scheinwerfer sind auf Dauer-Aus, was Energie spart. Beim Umbau wurde bewusst auf Spoiler, Hutzen und Krawalltuning verzichtet – denn die hat das Geschoss seinen Erbauern zuvolge auch gar nicht nötig. Die stylische Karolackierung vermittelt internationales Airport-Feeling, dazu kommen der beeindruckende Sound und der Duft nach Rennstrecke.
Allerdings hat der Betrieb des Kampfzwerges einen interessanten Nebeneffekt. Insbesondere bei jugendlichen Neuzugängen habe man laut Vereinsvorstand manchmal den Eindruck, dass diese lieber cool im Rückhol-Golf herumkutschen als zu fliegen. Aber, das müssen sie zugeben, auch Chris Hahn und Andreas Glöckner, die beide nach eigenen Angaben zwei vollen Bierkisten an Jahren mehr auf dem Buckel haben, cruisen noch gerne mit diesem Unikat über den holprigen Flugacker auf der schwäbischen Alb. Und deshalb haben sie diesen Text zur aerokurier-Serie beigesteuert.





