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Corona-Shutdown: Die Krise und die Luftfahrt
Lars Reinhold

Krisenmanagement

Das Corona-Grounding

Die durch das Corona-Virus ausgelöste Krise schlägt immer mehr auf die Fliegerei durch. Die AERO ist für 2020 endgültig abgesagt, Hersteller und Werften befürchten massive Einbrüche und die Sport- und Freizeitfliegerei kommt zum Erliegen.

Den ganz großen Aufschlag machte Norwegen: Die Zivilluftfahrtbehörde des skandinavischen Landes informierte auf ihrer Website darüber, dass in der gesamten Flight Information Region bis zum 15. April bis auf wenige Ausnahmen alle VFR- und Schulungsflüge ausgesetzt seien und gab zudem ein entsprechendes NOTAM heraus. Damit gehen die Norweger weiter als alle anderen Staaten in Europa.

Die Deutsche Flugsicherung hingegen kann bisher trotz Corona normal arbeiten. "Wir haben weder bei der Flugverkehrskontrolle noch bei den FIS-Lotsen aktuell Probleme", sagte Pressesprecherin Ute Otterbein. Auch wenn man die Betrieblichen Abläufe so gestalte, dass eine Ausbreitung des Virus Einhalt geboten werde, könne sich die Lage aufgrund der Dynamik schnell ändern. "Aktuell wird es aber keine Einschränkung der Luftraumnutzung seitens der DFS geben", so Otterbein.

Fraglich ist, inwiefern sich die von der Bundesregierung beschlossenen Einschränkungen auf den Flugbetrieb auswirken. Zwar hat man in Berlin erlassen, dass der Sportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Schwimm- und Spaßbädern, Fitnessstudios und ähnliche Einrichtungen vorerst nicht stattzufinden hat, aber man darf bezweifeln, dass ein Flugplatz primär unter die Definition Sportstätte fällt. Allerdings sind darüber hinaus Zusammenkünfte in Vereinen und sonstigen Sport- und Freizeiteinrichtungen verboten, was natürlich auch für Luftsportvereine gilt. Ist das Fliegen damit tabu?

DAeC empfiehlt massive Einschränkungen

Unabhängig von der Flugsicherung werden auch hierzulande die Einschränkungen drastischer. DAeC-Präsident Stefan Klett forderte jüngst alle deutschen Luftsportler auf, bis zum 19. April auf alle vermeidbaren Flüge zu verzichten, gemeinsame Flüge in engen Cockpits einzuschränken sowie den Trainingsbetrieb und Vereinsaktivitäten zu reduzieren. Auch mehrere Landesverbände haben sich dieser Empfehlung angeschlossen.

Lars Reinhold
DAeC-Präsident Stefan Klett empfiehlt, den Luftsport- und Vereinsbetrieb auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Am Abend des 16. März wurde der Luftsportverband auf seiner Internetseite noch deutlicher: "Im Blick auf diese Situation empfehlen wir allen unseren Mitgliedern, bis auf weiteres die fliegerischen/luftsportlichen Aktivitäten und den Flugbetrieb in den Vereinen einzustellen und die Aktivitäten auf das unerlässlich notwendige Minimum wie Not- und Sicherungsmaßnahmen zu beschränken. Darunter fallen auch interne Veranstaltungen wie Sitzungen und Mitgliederversammlungen." Weiterhin empfielt der DAeC, sämtliche angesetzten Veranstaltungen auf Verbands- und Vereinsebene, Seminare, Lehrgänge, Weiterbildungsmaßnahmen, Gremiensitzungen und Verbandstagungen bis auf Weiteres abzusagen. Der Betrieb der Bundesgeschäftsstelle laufe weiter, es sei aber nicht auszuschließen, dass es in den nächsten Tagen zu Einschränkungen kommen könne.

In den Nachbarländern sieht es ähnlich aus. Der französische Segelflugverband riet allen Vereinen, den Betrieb vorerst einzustellen, der Österreichische Aeroclub verweist auf die Empfehlungen der Bundes-Sportorganisation Sport Austria, dass die Sportstätten und Vereinsbüros geschlossen werden sollen und der Sportbetrieb einzustellen sei. Mehrere Flugplätze in Österreich haben bereits geschlossen, darunter Wiener Neustadt, St Johann und Niederöblarn.

Auch die Flugausbildung wird weitgehend eingestellt. Die deutschen Verbandsflugschulen wie die Motorflugschule Hahnweide und die Segelflugschule Oerlinghausen sind vorerst geschlossen, und auch kommerzielle Flugschulen setzen die Schulung aus.

Hersteller befürchten Engpässe

Die Flugzeughersteller stehen vor ähnlichen Problemen wie alle anderen Industriebetriebe. Bei Aquila in Schönhagen fällt ein Teil der Belegschaft aus, weil es keine Kinderbetreuung gibt. "Wir gehen davon aus, dass sich diese Produktionseinschränkungen in Lieferverzögerungen bemerkbar machen werden", sagt Marco Intelisano vom Aquila-Vertriebsteam. Bei Schempp-Hirth und Alexander Schleicher läuft der Betrieb aktuell noch weitgehend normal, aber beide Unternehmen befürchten, dass das nur eine gewisse Zeit lang so bleibt. "Das Problem sind die Zulieferer, von einigen wissen wir schon, dass sie den Betrieb einstellen mussten und dass es da in absehbarer Zeit zu Engpässen kommt", sagt Schleicher-Geschäftsführer Uli Kremer. Auch Tilo Holighaus von Schempp-Hirth nennt dieses Problem und weist überdies darauf hin, dass auch Kunden ihre Flugzeuge nicht abholen könnten. "Unsere Kundschaft ist international, die kommen von überall her, um ihre Flugzeuge in Empfang zu nehmen. Das geht aufgrund der geschlossenen Grenzen aktuell nicht, und man kann dann schlecht verlangen, dass sie schonmal bezahlen sollen." Überdies habe man in Kirchheim eine weitere, sehr berechtigte Sorge: dass die Gummihandschuhe ausgehen. Als Schutz beim Umgang mit Epoxidharzen sind sie unverzichtbar, aktuell ist aber die Nachfrage aus dem Gesundheitswesen so hoch, dass die Industrie gegebenenfalls zurückstehen müsse.

In der Maintenance sieht es ähnlich aus, aktuell ist die Situation noch gut, aber niemand weiß, wie es sich entwickelt. "Einige Kunden bringen ihre Flugzeuge früher und andere können sie nicht mehr bringen oder abholen, da sie aus Risikogebieten wie Spanien, Italien oder Frankreich kommen", sagt Florian Kohlmann, Geschäftsführer von Augsburg Air Service. AOG und externe Einsätze seien besonders wegen der Reisebeschränkungen zurückgegangen und sogar das kommende LBA-Audit aufgeschoben. "Knapp zwei Drittel unserer Kunden kommen aus dem Ausland, und wenn die nicht mehr ein- oder ausfliegen können, dann wird die Auftragslage bei uns dramatisch einbrechen." Weitere Probleme sei die Ersatzteilversorgung, einen Großteil bezieht AAS aus den USA. "Da noch nicht absehbar ist, wann wieder normal geflogen werden kann, empfehlen wir unseren Kunden, die Flugzeuge jetzt zu bringen und in Augsburg abzustellen. So kann man vermeiden, eine Maschine mit Overdue Maintenance womöglich noch mit Special Flight Permit überführen zu müssen." Bei allen negativen Auswirkungen hat Kohlmann doch noch eine positive Botschaft: Mit der Desinfektion von Flugzeugen konnte das Unternehmen ein neues Angebot platzieren.

Lars Reinhold
Florian Kohlmann, Geschäftsführer von Augsburg Air Service, sieht große Herausforderungen auf die Maintenance-Dienstleister zukommen.

Bei Avionik Straubing sind die Auftragsbücher bis September voll, es könnte jedoch zu Lieferengpässen kommen. "Allerdings sitzen wir alle sehr eng zusammen, das macht es schwierig, die klassischen Empfehlungen wie Abstand einzuhalten", sagt Wolfgang Knott. "Wir versuchen, Abteilungen zu separieren und möglichst viele Kollegen ins Homeoffice zu schicken."

Selbst die Luftfahrtshops befürchten, dass sich Corona bei ihnen noch bemerkbar machen wird. "Ein großes Problem ist für uns der Ausfall der AERO", sagte Steffen Friebe. So falle eine der wichtigsten Plattformen zur Akquise von Neukunden weg. Ein Einbruch von Bestellungen sei aktuell noch nicht feststellbar, aber man müsse abwarten. "Unser Lager ist gut gefüllt, eine Zeitlang können wir weiter liefern", so Friebe. Ähnliches hört man auch von Siebert Luftfahrtbedarf. "Die allgemeine Lage ändert sich ja stündlich, und wir können nur versuchen, unseren Betriebsablauf bestmöglich auf die Situation einzustellen, aber eine gewisse Angst vor dem, was kommt, bleibt natürlich", so Mitarbeiter Kai Naber.

Absage um Absage

Auch immer mehr Luftfahrtveranstaltungen werden abgesagt. Die Messe Friedrichshafen gab bekannt, dass in diesem Jahr keine AERO stattfinden wird und nannte als Termin für 2021 den 14. bis 17. April. Die EBACE, die Ende Mai die Geschäftsflug-Branche in Genf versammelt hätte, ist ebenso abgesagt, gleiches gilt für die FIDAE in Santiago de Chile. Die Absage der ILA in Berlin dürfte nur noch eine Frage von Tagen sein.

Auch die Deutsche UL-Meisterschaft, die eine Woche vor der EBACE in Rheine-Eschendorf angesetzt war, fällt laut DAeC aus, und zahlreiche Luftsportvereine sagen ihre Veranstaltungen wie Flugtage ab. Angesichts dessen sind die Terminankündigungen in den bereits erschienenen aerokurier-Ausgaben mit Vorsicht zu genießen, es empfiehlt sich, bei den jeweiligen Vereinen anzufragen. Manche Sportveranstaltung wie beispielsweise der Hahnweide-Wettbewerb oder die Segelflug-WM in Stendal sind aktuell noch nicht abgesagt. Die Teilnehmermeldungen sind vielfach schon Anfang des Jahres erfolgt und die Veranstalter wollen abwarten, wie sich die Situation entwickelt.

Patrick Holland-Moritz
Die AERO 2020 fällt aus. Die nächste Luftfahrtmesse am Bodensee wird vom 14. bis 17. April 2021 stattfinden.

Air-Shutdown – sinnvoll oder übertrieben?

So nachvollziehbar der öffentliche Shutdown auf den ersten Blick sein mag, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, so regelmäßig wird in sozialen Netzwerken die Frage gestellt, ob die Verantwortlichen an einigen Stellen nicht übers Ziel hinausschießen. Im Hinblick auf den Flugbetrieb der Allgemeinen Luftfahrt sei die Frage schon berechtigt, sagt Fliegerarzt Benjamin Schaum. "Es spricht nun wirklich nichts dagegen mit seiner Familie – die man eh permanent um sich herum hat – eine Runde fliegen zu gehen, solange man sich fit und flugtauglich fühlt. Die am Flugplatz üblichen Sozialkontakte sollten dabei selbstverständlich entsprechend der allgemeinen Empfehlungen reduziert werden. Die Flugplätze dicht zu machen halte ich für übertrieben, denn es geht ja darum, zu vermeiden, dass viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen." Das Aussetzen von Vereinsveranstaltungen, von Schulungen und das vermeiden von Körperkontakt sei richtig. "Aber draußen an der frischen Luft zu sein oder alleine eine Runde zu fliegen, dagegen ist nichts einzuwenden. Und den Türmer muss man beim Entrichten der Landegebühr ja zur Begrüßung nicht umarmen. Ein angemessener Abstand zum Turm-Personal und eine kurze Abhandlung des Verwaltungsvorganges sollte zum Schutz aller Beteiligten ausreichen." Eine Ansteckung über die Hardware – also Oberflächen im Cockpit – hält Schaum für äußerst unwahrscheinlich. Da würde ich mir über den Griff des Einkaufswagens im Supermarkt wirklich mehr Gedanken machen. Regelmäßiges Händewaschen und sich nicht ins Gesicht fassen sind in jeder Situation aktuell das Mittel der Wahl." Er wolle die Gefahr keinesfalls bagatellisieren, sagt Schaum. Vielmehr plädiere er für bewusstes und verantwortungsvolles Handeln angesichts der bekannten Risiken.

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