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Unfallanalyse

Öldeckel vergessen, Notlandung verpatzt

Nur wenige Augenblicke nach dem Start setzt der Pilot einer Saab Safir einen Notruf ab: „We need to land immediately!“ Dann versucht er unter extremem Stress eine Notlandung.

Ausnahmesituationen bedeuten für jeden Piloten eine enorme fliegerische Herausforderung. Aber nicht nur das: Sie verlangen außerdem einen professionellen Umgang mit Stress. In vielen Fällen, in denen der Pilot mit einer potenziellen Gefahr konfrontiert wird, ist die Stressbewältigung sogar das größere Problem. Stress kann vor allem zu Ablenkung oder verzögerter Reaktion führen, wenn man mit einer Notlage konfrontiert wird. Im Extremfall führt er sogar zu einer Blockade oder einem Blackout. Dann kann auch eine weniger kritische Situation lebensgefährlich werden.

13000 Stunden Flugerfahrung

Die Notlage eines Piloten am 1. August 2014 auf dem Verkehrsflughafen Bremen ist tatsächlich ernst. Er will am frühen Nachmittag mit einem Tiefdecker vom Typ Saab 91B Safir und einem Passagier an Bord zu einem gewerblichen Flug starten. Seit 1992 ist der 47-Jährige hauptberuflich Verkehrspilot mit ATPL(A) und hat in seiner Lizenz die Berechtigungen für Airbus A330 und A340 sowie Ju 52, allesamt als Pilot in Command. Darüber hinaus hat er auch eine Kunstflugberechtigung. In seinem Flugbuch sind über 13 000 Flugstunden eingetragen.

BFU
Kritischer Kurvenflug: Mit einer Geschwindigkeit von 68 Knoten war die Saab 91B Safir im Anfangssteigflug nach dem Start in Bremen nur wenig schneller als ihre Abrissgeschwindigkeit im Kurvenflug, die im Betriebshandbuch mit 65 Knoten angegeben ist.

Beim Vorflugcheck der Saab überprüft der Pilot unter anderem den Ölstand. Vermutlich unterläuft ihm dabei ein folgenreicher Fehler: Als er den Peilmessstab nach der Sichtkontrolle des Ölstandes wieder in den Stutzen hineinschiebt, vergisst er offenbar, den Deckel aufzusetzen.

Verkürzte Startbahn

Um 12:39 Uhr meldet er sich bei Bremen Tower und bittet um Rollinformationen. Er will die Kontrollzone des Flughafens nach dem Start über den Pflichtmeldepunkt November verlassen. Der Lotse bietet ihm an, über den Taxiway C auf die Bahn zu gehen, was jedoch die effektiv zur Verfügung stehende Runway deutlich verkürzt: Von eigentlich 2045 Metern Asphaltpiste bleiben für die Saab Safir dadurch nur noch 1140 Meter übrig. Für die Einmot ist die verbleibende Startbahn mehr als ausreichend, der Pilot verschenkt aber ein großes Sicherheitspolster.

BFU
Verschenkte Sicherheit: Der Pilot rollte über den Taxiway C auf die Piste und ließ damit 905 Meter Startstrecke ungenutzt hinter sich.

„We need to land immediately!“

Um 12:44 Uhr bestätigt er Abflugroute und Startfreigabe des Lotsen und rollt auf die Piste 09. Dann beschleunigt die Saab Safir und hebt kurz darauf ab. Direkt nach dem Take-off fährt der Pilot das Fahrwerk ein, doch die Normalität im Anfangssteigflug ist nur von kurzer Dauer: Vermutlich sind Cowling und Frontscheibe des Tiefdeckers bereits wenige Sekunden nach dem Start mit Öl bespritzt. Der zunehmende Sichtverlust setzt den Piloten möglicherweise stark unter Stress. Kaum mehr als eine Minute nach dem Abheben setzt er eine panikartige Notfallmeldung ab: „(...) we need to land immediately!“ Die Saab ist zu diesem Zeitpunkt auf einer Höhe von etwa 300 Fuß über Grund. Der Lotse von Bremen Info reagiert sofort: „Roger, pattern is up to you. Wind from the south, you may make a teardrop and land runway two seven, if you like.“

Die letzte Kurve

Daraufhin dreht der Saab-Pilot seinen Tiefdecker mit eingefahrenen Landeklappen in eine 30-Grad-Linkskurve. Quer- und Höhenruder bleiben dabei fast neutral, lediglich das Seitenruder schlägt nach links aus. Währenddessen senkt sich die Flugzeugnase, der Pilot gibt jetzt rechtes Querruder und zieht am Knüppel. Dann geht alles sehr schnell: Die Saab kippt über die linke Fläche ab und schlägt innerhalb von Sekunden etwa eine halbe Nautische Meile nordöstlich der Schwelle 27 in einem Gewerbegebiet auf und fängt Feuer. Pilot und Passagier überleben den Aufprall nicht, sie sind sofort tot.

BFU
Nordöstlich der Schwelle 27 stürzte die Saab Safir im angrenzenden Gewerbegebiet auf einen Parkplatz und brannte völlig aus.

Schwierige Ermittlungen

An der Absturzstelle zieht sich eine neun Meter lange Schleifspur vom Aufschlagpunkt bis zu einem Frachtcontainer, mit dem die Saab nach dem Aufschlag kollidiert ist. Dabei wurden beide Tragflächen vom Rumpf abgerissen. Auch das komplette Leitwerk wurde durch die extreme Energie der Kollision vom Rest der Zelle getrennt. Durch die starke Zerstörung ist eine Identifizierung der Instrumentenanzeigen und Schalterpositionen im Cockpit für die Ermittler der Bundes- stelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) nahezu unmöglich. Der beim Aufprall entstandene Brand hat die Saab Safir zu großen Teilen zerstört.

Am Triebwerk des Wracks finden die BFU-Ermittler aber den Deckel des Ölbehälters, der zwischen zwei Zylindern festklemmt. Der Öleinfüllstutzen ist offen, darin steckt der nicht mit dem Deckel verbundene Peilstab. Am Gewinde des Ölbehälters sind weder Kratzspuren noch andere Beschädigungen festzustellen. Offensichtlich wurde der Deckel bereis vor dem Flug abgeschraubt und war vermutlich beim Rollen oder beim Startlauf zwischen den Zylindern hängengeblieben.

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Der Deckel des Ölbehälters klemmte zwischen zwei Zylindern auf dem Motor. Der Pilot hatte offenbar vergessen, ihn wieder aufzusetzen.

Tödlicher Strömungsabriss

Bei ihren Untersuchungen am Motor selbst finden die Experten keine Hinweise auf einen Motorausfall. Die Radardaten zeigen aber, dass die Saab im Anfangssteigflug mit 68 Knoten flog, auch der anschließende, kurze Horizontalflug dürfte nur wenig schneller gewesen sein. Diese Geschwindigkeit, so stellt die BFU in ihrem Abschlussbericht fest, habe nur geringfügig über der Überziehgeschwindigkeit im Kurvenflug gelegen: Diese liegt bei 30 Grad Querneigung bei 65 Knoten. Der weitere Fahrtverlust beim Eindrehen in die Linkskurve führte dann zum Strömungsabriss und somit zum Absturz. Vermutlich stand der Pilot dabei unter enormem Stress. Trotz seiner Erfahrung schätzt die BFU auch den Trainingsstand bei Grenzflugzuständen auf der Saab 91B als „nicht ausreichend“ ein. Am Ende rächte sich vermutlich auch der Umstand, dass der Pilot beim Startlauf fast einen Kilometer Piste ungenutzt hinter sich gelassen hatte.

Verschenkte Sicherheit: Der Pilot rollte über den Taxiway C auf die Piste und ließ damit 905 Meter Startstrecke ungenutzt hinter sich (oben). Nordöstlich der Schwelle 27 stürzte die Saab Safir im angrenzenden Gewerbegebiet auf einen Parkplatz und brannte völlig aus (unten).

Der Deckel des Ölbehälters klemmte zwischen zwei Zylindern auf dem Motor. Der Pilot hatte offenbar vergessen, ihn wieder aufzusetzen.

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