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Smithsonian National Air and Space Museum

Unfallanalyse: Wenn das Seitenruder klemmt

Unfallanalyse Wenn das Seitenruder klemmt

Beim Startlauf mit einer zweimotorigen Beech 65-A90 hat der Pilot plötzlich ein schwerwiegendes Problem: Das Seitenruder funktioniert nicht. Steuerimpulse zeigen keine Wirkung, da das Pedal blockiert. In diesem Moment bricht die Maschine zur Seite aus.

Piloten, die mit einem bestimmten Muster gut vertraut sind, tun sich in der Regel auch mit anderen Modellen derselben Baureihe nicht besonders schwer. Dennoch lauert selbst bei kleinen Unterschieden unter Umständen ein erhebliches Gefahrenpotenzial.

Flughafen Hannover

Am Flughafen Hannover bereitet sich am 23. Juni 2016 ein Pilot auf den Start mit der zweimotorigen Beech 65-A90-1 vor. Der 31-Jährige hat in seiner Lizenz für Berufsflugzeugführer (CPL-A) die Berechtigungen für mehrere Muster des Herstellers Beech Aircraft eingetragen, darunter die Baureihen BE 90/99/100/200. Mit insgesamt rund 1750 Flugstunden gilt er als sehr erfahren. Von Beech Aircraft kennt er bislang jedoch überwiegend die Flugzeuge der 200er-Serie. Im Cockpit der Beech 65-A90 hat er dagegen erst eine Stunde und 15 Minuten verbracht.

Smithsonian National Air and Space Museum
Das Cockpit der Beech 65-A90 ist dem Unfallpiloten nur von seinem Einweisungsflug kurz vor dem Zwischenfall in Hannover bekannt.

VFR-Flug

Die Voraussetzungen für einen VFR-Flug sind am 23. Juni 2016 sehr gut: zehn Kilometer Sicht, Wind aus 120 Grad mit fünf Knoten, keine Wolken unter 5000 Fuß bei sommerlichen 22 Grad. Kurz nach acht Uhr startet der Pilot die Triebwerke der Zweimot. Außer ihm ist auch eine Kamerafrau mit an Bord. Gegen 8.20 Uhr rollt die Beech vom Vorfeld GA1 zuerst auf den Rollweg O. Nach mehreren Abzweigungen über die Rollwege M, L, G und J steuert der Pilot die Piste 09L an. Unterwegs kommt es ihm auffallend schwierig vor, das Flugzeug beim Rollen zu kontrollieren. Dennoch setzt er seinen Weg zur Startbahn fort. Um 8.28 Uhr erhält er die Freigabe des Towerlotsen, auf die Piste zu rollen.

Startfreigabe

Eine Minute später kommt auch die Startfreigabe, und der Pilot schiebt den Gashebel nach vorn. Wie bei einer Zweimot gewohnt, achtet er auf einen gleichmäßigen Leistungsaufbau der beiden PT6A-20-Turbinen. Doch kurz nachdem sich die Beech in Bewegung setzt, verlässt sie auch schon die Centerline nach links. Mit dem Seitenruder versucht der Pilot umgehend, die Richtung zu korrigieren – ohne Erfolg. Er tritt das Pedal bis zum mechanischen Anschlag kräftig durch. Doch dabei bricht die Aufhängung des rechten Pedals.

BFU
Am Sicherungsstift des Ruderpedals ist nur noch wenig rote Farbe zu sehen, sodass der Pilot die Sicherung nicht erkennt.

Nach links ins Grün

Jetzt ist die Steuerung um die Hochachse unmöglich, der Pilot beendet den Startlauf augenblicklich. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 Knoten verlässt die Beech etwa 100 Meter vor dem Rollweg K die Piste nach links ins Grün. Auf dem Grasstreifen dreht sie sich um etwa 70 Grad um die Hochachse und kommt dann zum Stillstand. Beide Insassen können das Flugzeug kurz darauf unverletzt verlassen.

Keine größeren Schäden

Auch am Flugzeug sind keine größeren Schäden festzustellen: Fahrwerk, Rumpf und andere Baugruppen sind intakt. Das rechte Ruderpedal ist jedoch gebrochen, die zum linken Pedal führende Anlenkung verbogen.

BFU
Wegen des starken Tritts ins rechte Pedal bricht die Seitenrudersteuerung.

Kein technischer Defekt

Bei der Suche nach der Ursache für die schwere Störung ermittelt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU). Hinweise auf einen technischen Defekt können die BFU-Experten nicht feststellen. Dennoch ist der Grund für den Unfall erstaunlich schnell gefunden: Offenbar waren die Ruderpedale während des Startlaufs mit einem speziellen Sicherungsstift fixiert gewesen, der Pilot hatte den Bolzen nicht entfernt. Weitere Sicherungsstifte, die vor dem Start auch das Steuerhorn und den Triebwerksleistungshebel blockierten, hatte er dagegen herausgezogen.

Sicherungsstift übersehen

Die Beech 65-A90-1 ist serienmäßig mit einem sogenannten Gust-Lock-System ausgestattet. Es soll insbesondere die Steuerflächen bei längeren Standzeiten vor Schäden durch Bewegungen der Ruder im Wind schützen. Der Pilot der Unfallmaschine gibt bei den Ermittlungen an, dass das Gust-Lock-System der 90er-Serie dem der ihm besser vertrauten 200er-Serie sehr ähnlich sei. Offenbar sind die Systeme im Detail jedoch nicht identisch, denn der 31-Jährige hatte beim Preflight-Check an den Pedalen keinen Sicherungsstift erwartet.

NP
Das Gust-Lock-System blockiert Steuerhorn, Seitenruderpedale und Gashebel. Normalerweise sind sie dabei durch eine Kette verbunden.

Gust-Lock-System

Darüber hinaus fehlte in der Unfallmaschine eine Kette, die normalerweise die Sicherungen von Steuerhorn, Gashebel und Pedalen verbindet. Zudem war der Stift an den Pedalen durch den fortgeschrittenen Farbabrieb der roten Lackierung schwer zu erkennen, ein Warnschild war nicht angebracht. Der Pilot interpretierte den Bolzen daher als Bauteil der Pedale. Er gibt zudem an, dass er bei der Einweisung mit der Beech 65-A90 nicht auf deren spezielles Gust-Lock-System hingewiesen worden sei. Das Flugzeug sei damals ohne eingesteckte Sicherungsstifte aus der Halle geschoben worden und für den Einweisungsflug schon vorbereitet gewesen.

Preflight-Checkliste

Am Unfalltag hätte das Problem zwar bereits beim Durchgehen der Preflight-Checkliste auffallen können. Doch der Punkt "Control locks – removed" enthält weder eine Information über die Anzahl der einzelnen Sicherungsstifte noch über deren Position bzw. die gesicherten Steuerbauteile.

BFU
Auf dem langen Rollweg zur Startbahn 09L bemerkt der Pilot, dass das Flugzeug beim Abbiegen ungewöhnlich schwierig zu steuern ist. Dennoch schafft er es über die Rollwege O, M, L, G und J zum Rollhalt und auf die Piste. Erst beim Startlauf verliert er die Kontrolle: Die Zweimot bricht nach links aus.

Before-Taxi-Checkliste

Dennoch hätte der Pilot die Gefahr durch die fixierten Seitenruderpedale selbst nach dem Start der Triebwerke, beim Abarbeiten der Before-Taxi-Checkliste, noch erkennen können. Der Punkt "Flight controls – free and correct" soll den vollen Ruderausschlag sicherstellen. Das blockierte Seitenruder war dem Piloten jedoch auch an dieser Stelle nicht aufgefallen.

Safety Reminder

In einem Safety Reminder von Beech Aircraft aus dem Jahr 2008 weist der Hersteller ausdrücklich auf die Verantwortung des Piloten hin, vor jedem Flug zu überprüfen, ob alle Sicherungsstifte entfernt sind. Arbeitet er die Checkliste korrekt ab, ist die Gefahr deutlich geringer, etwas zu übersehen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Fehler dieser Art durch gute Sicherheitsverfahren und umsichtige Piloten vermeidbar sind.