Was und wie ist der Flugschüler zuletzt geflogen?" Die Frage fällt am Start, irgendwann zwischen "Seil straff!" und "Macht mal hin!" Drei Fluglehrer schauen sich an, einer zuckt mit den Schultern, jemand murmelt etwas von "Slip funktioniert so halb". Der Schüler sitzt längst angeschnallt im Cockpit. Also geht es los, nicht unbedingt falsch, aber eher nach Gefühl als nach Plan.
Ein ganz normaler Moment im Flugbetrieb, den – Hand aufs Herz – wohl jeder Fluglehrer in einem Verein schon mal erlebt hat. Und gleichzeitig einer, der ziemlich gut zeigt, wo es hakt. Denn im Verein läuft Ausbildung selten so strukturiert, wie sie auf dem Papier aussieht. Mehrere Fluglehrer wechseln sich ab, Schüler fliegen nur am Wochenende, dazwischen liegen Tage, manchmal Wochen. Und zwischen zwei Flügen ist die Nachbesprechung oft genauso kurz wie der Weg zurück zum Start.
Der Ausbildungsnachweis? Der gibt bestenfalls Auskunft darüber, dass der Slip schon mal dran war. Ob er sitzt, ist eine andere Frage. Und dann ist da noch das Flugbuch des Schülers. Eigentlich der Ort für saubere Dokumentation. Mit Symbolen, Kürzeln und Bewertungen, die genau festhalten sollen, was im Flug passiert ist. In der Praxis wird das eigentlich nur noch von altgedienten FIs umgesetzt, die zu DDR-Zeiten bei der Gesellschaft für Sport und Technik ihr Rüstzeug fürs Fluglehrerdasein mitbekommen haben. Vom Ausbilder-Nachwuchs kennt die Zeichen kaum noch jemand, und wenn, ist ein konsequentes Nutzen, sagen wir: ausbaufähig.
So entsteht dieses typische Gefühl: Es passiert viel, aber irgendwie kommt man nicht richtig voran. Jeder Flug für sich genommen ist sinnvoll, in Summe fehlt aber die Linie.
Ein FI, eine Idee
Für David Niedzielski, seit über 30 Jahren Segelflieger und gut zwei Jahrzehnten Fluglehrer, ist das ein System mit erstaunlich vielen Lücken. Und genau da setzt seine Idee an. Die Ausgangslage kennt fast jeder größere Verein: "An einem typischen Tag stehen fünf bis acht Flugschüler bereit, aber es ist vielleicht nur ein Fluglehrer verfügbar", beschreibt David. "Am Ende bleiben für jeden oft nur ein oder zwei Starts." Wenn man den ganzen Tag am Platz verbracht hat, will man am Ende nicht nur geflogen sein, sondern auch das Gefühl haben, wirklich weitergekommen zu sein. Oder anders gesagt: Der einzelne Flug muss liefern.
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Übergaben zwischen Fluglehrern funktionieren häufig nicht sauber. Wer am Samstag schult, übergibt nur in Ausnahmefällen alle notwendigen Informationen an den FI-Kollegen, der Sonntag Dienst hat. Die Folge: Fortschritte verlaufen nicht linear. Stattdessen geht es zwei Schritte vor und einen zurück. In einer Ausbildung, die sich im Vereinsbetrieb über lange Zeiträume zieht, ist das riskant. Lernplateaus entstehen, die Motivation sinkt, und nicht selten endet die Ausbildung vorzeitig.
Mehr Struktur für einen effizienten Flugtag
Aus dieser Erfahrung heraus begann David, nach praktisch umsetzbaren Lösungen zu suchen. Erste Ansätze waren so simpel wie pragmatisch: Notizen in der Lehrer-WhatsApp-Gruppe und im Vereinsflieger. Doch der Versuch scheiterte schnell am Alltag. "Zwischen zwei Starts fehlt die Zeit, sich erst durch ‚Vereinsflieger‘ zu klicken, abends oft die Motivation, alles detailliert einzutragen. Außerdem ist vieles ist dann schon wieder vergessen." Die Konsequenz: Wenn Feedback der zentrale Hebel für Fortschritt ist, muss es einfach, schnell und jederzeit verfügbar sein.
Der Ansatz hinter seinem Konzept von SkyCoach orientiert sich deshalb konsequent am realen Ablauf eines Flugtags. Schon beim Morgenbriefing sorgen Checklisten und klar definierte Tagesziele für Struktur. Was heute geübt werden soll, ist nicht mehr Bauchgefühl, sondern nachvollziehbar festgelegt.
Im Tagesverlauf sehen Fluglehrer auf einen Blick, wo der Schüler tatsächlich steht, inklusive der Kommentare der Kollegen. Kein Rätselraten mehr, kein: "Ich glaube, wir hatten das schon mal", sondern eine belastbare Ausgangslage, bevor es wieder in die Luft geht. Nach der Landung, dort, wo Feedback im Alltag oft verloren geht, wird es besonders konkret. Statt später irgendetwas ins Flugbuch zu kritzeln oder es ganz zu lassen, wird das Feedback einfach in die App eingesprochen. Kurz, direkt, noch mit dem Flug im Kopf. Die Aufbereitung erfolgt dank KI-Sprachmodell automatisch und wird dem Schüler vom System zugeordnet. Feedback entsteht nicht irgendwann am Abend, sondern genau dann, wenn es etwas bringt: direkt nach dem Flug. Und diesmal bleibt es auch nicht zwischen Start und Kaffeetasse hängen.
Vier Stufen statt Bauchgefühl
Im Kern setzt SkyCoach auf ein bewusst einfach gehaltenes Bewertungsmodell. Statt kryptischer Einträge mit viel Interpretationsspielraum gibt es vier klar definierte Stufen: Eine Übung wird zunächst vom Fluglehrer vorgeführt. Danach folgt die Phase "Unsicher": Der Schüler probiert selbst, braucht aber noch deutlich Unterstützung oder Eingriffe. Wird es besser, landet er bei "Solide”: Die Übung funktioniert im Prinzip, kleinere Korrekturen erfolgen noch meist verbal. Und schließlich "Beherrscht" – der Punkt, an dem die Übung zuverlässig und ohne Hilfe sitzt.

Die App zeigt, wo der Flugschüler gerade steht, welche Übungen aktuell dran sind und wie sie bisher gelingen.
Das klingt erstmal simpel, schafft aber etwas, was im Ausbildungsalltag oft fehlt: ein gemeinsames Verständnis davon, wo ein Schüler wirklich steht. Interessant wird es bei der Frage, wann eine Übung wirklich als abgeschlossen gilt. Denn natürlich ist nicht jede gleich: Eine Ruderfunktion ist im Zweifel einmal gezeigt und verstanden. Eine saubere Landung hingegen darf gern öfter gelingen, bevor man den Haken setzt. Genau das ist im System bereits hinterlegt und lässt sich entsprechend gewichten. Damit entsteht eine Verbindlichkeit, egal wer gerade hinten drin sitzt.
Ein Ansatz, der im klassischen Ausbildungsbetrieb noch weniger Gewicht hat, ist die Perspektive des Schülers selbst. Wie hat sich der letzte Flug angefühlt? Nach Fortschritt oder eher frustrierend? Diese Selbsteinschätzung offenbart oft Unterschiede in der Wahrnehmung der Fluglehrer, und genau darin liegt ihr Wert. Der Fluglehrer denkt: "Das war doch ganz ordentlich." Der Schüler steigt aus und ist sich sicher, dass das heute eher Kategorie Abenteuer als kontrollierter Flug war.
Über mehrere Starts hinweg entsteht so ein Stimmungsbild. Wenn Fortschritte stagnieren, Flüge seltener werden und die eigene Einschätzung kippt, erkennt das System einen Trend. Daraus formt sich ein Frühwarnsignal, sichtbar für Fluglehrer und Ausbildungsleiter, bevor aus schleichender Unzufriedenheit ein stiller Ausbildungsabbruch, eine innere Kündigung wird.
Ein Problem, das viele Fluglehrer kennen, ist die Tatsache, dass der Fortschritt in der Ausbildung für Schüler oft schwer greifbar ist. Man fliegt, man übt, die entscheidenden Schritte liegen jedoch viel zu weit auseinander, und so richtig sichtbar wird selten, was man eigentlich schon alles kann. Genau hier setzt SkyCoach mit einem Element an, das man eher aus Fitness-Apps, Computerspielen oder auch WeGlide kennt: Gamification. Für erreichte Meilensteine gibt es Badges, Fortschritte werden so sichtbar gemacht, und einzelne Schritte der Ausbildung bekommen plötzlich einen klaren Rahmen. Das klingt erstmal ein bisschen nach "Segelflug trifft Videospiel".

Ausbildung mit "Spiel-Faktor": Der schüler sieht, welche Meilensteine erreicht sind und welche bevorstehen. So wird die gesamte Flugschulung überschaubarer.
Der Gedanke dahinter ist aber durchaus ernst gemeint. Denn gerade in langwierigen Ausbildungsphasen und bei komplexen Übungen, die viele Flüge erfordern, bis sie sicher beherrscht werden, kann Motivation schnell bröckeln. Wenn sich Fortschritte über Wochen nur im Gefühl abspielen, entsteht leicht der Eindruck, auf der Stelle zu treten. Ein sichtbarer Fortschrittsbalken oder eben das nächste Badge können da erstaunlich viel bewirken.
Zwischen Beta und Bewährung
SkyCoach steckt noch mitten in der Erprobung. Der nächste Schritt ist ein Pilotbetrieb mit ausgewählten Vereinen. Fünf bis sechs Clubs sollen zunächst intensiv begleitet werden. Ziel ist es, das Konzept unter realen Bedingungen zu testen und potenzielle Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu beheben. Wer jetzt schon mit den Fingern trommelt, darf sich gern auf der Website skycoach.io für den Roll-out vormerken lassen. David Niedzielski sammelt Rückmeldungen weiterer Vereine, die grundsätzlich Interesse an dem Ansatz haben.
Die ersten zarten Erfahrungen aus seinem Umfeld zeichnen ein realistisches Bild. Die Bedienung der App ist für viele Nutzer intuitiv, für einige etwas komplexer. Kein Problem, dafür gibt es den "Einfachmodus", der Funktionen reduziert und den Einstieg erleichtert. Technisch wird SkyCoach an den "Vereinsflieger" angebunden, doppelte Datenpflege entfällt. Auch beim Thema Datenschutz bleibt der Ansatz pragmatisch. Alle Daten werden auf deutschen Servern verarbeitet, der Zugriff ist geregelt und auf den Verein beschränkt. Feedback soll Vertrauen schaffen.
Beim Preismodell soll es bodenständig bleiben, sprich: bezahlbar: In der Beta-Phase ist die Nutzung kostenlos, danach ist ein laut David "absolut vereinstaugliches Modell" vorgesehen.
Versuch, Vereine inst TikTok-Zeitalter zu bringen
Die Herausforderung, die Flugausbildung effizient, transparent und motivierend zu gestalten, betrifft fast jeden Verein. SkyCoach ist ein Versuch, genau hier anzusetzen. Ein Werkzeug, das nicht nur Zahlen und Häkchen liefert, sondern zeigt, was Schüler wirklich können, wie sie sich fühlen und welche Fortschritte sichtbar sind. Und das auch für den Fluglehrer eine Übersicht über seinen eigenen aktuellen Stand bietet.

Der FI sieht in der App unter anderem, wie viele seiner Schüler gerade gut unterwegs sind, wo es hakt und wie er selbt gerade im Training steht.
Ob daraus ein neuer Standard entsteht oder die App lediglich ein praktisches Nischenwerkzeug bleibt, ist offen. Spannend ist vor allem die Diskussion, die damit angestoßen wird: Wie sieht moderne Segelflugausbildung in Zeiten von Instagram, TikTok und Co aus? Wie kann man Motivation und Lernerfolg langfristig steigern, ohne dass Fluglehrer und Schüler im Bürokratie-Dschungel untergehen?





