80 Jahre Beechcraft Bonanza: Ein aviatisches Familien-Erbstück

80 Jahre Beechcraft Bonanza
Ein aviatisches Familien-Erbstück

ArtikeldatumVeröffentlicht am 10.01.2026
Als Favorit speichern
Beechcraft Bonanza im Flug über eine Flusslandschaft bei AirVenture Oshkosh 2021, Wisconsin.
Foto: Leonardo Correa Luna

Die Geschichte der Beechcraft Bonanza N4560V beginnt vor fast 80 Jahren: Am 15. März 1948 wird die "Bonnie" Model 35 mit dem markanten V-Leitwerk und der Seriennummer D-138, gebaut vom Traditionsunternehmen Beechcraft, für den Flugbetrieb zugelassen und am folgenden Tag an Anderson Air Activities aus Milwaukee, Wisconsin, verkauft.

Die N4560V wechselt in den folgenden Jahren noch sechs Mal den Besitzer, bevor Lewis Criley, Scott Cranes Großonkel, sie am 26. Juni 1956 kauft, nachdem sie auf dem Stapleton Airport in Denver eine Bruchlandung mit eingefahrenem Fahrwerk hingelegt hatte. Lewis repariert die Bonanza in seiner Garage. Er transportiert den Rumpf und die Tragflächen zurück zum Flughafen Stapleton, baut das Flugzeug wieder zusammen und fliegt sie am 25. August 1957 zum ersten Mal selbst.

Was dann kommt, ist eine lange Ära in der Familiengeschichte von Lewis und seiner Frau Matilda: Sie hegen und pflegen ihre Bonanza fast 40 Jahre lang. In Colorado wird sie fast täglich geflogen. Dann zieht die Familie 1965 nach Südkalifornien. 1979 setzen sich Lewis und Matilda im Eagle Roost Airpark in Aguila, Arizona, zur Ruhe. Lewis startet am 4. Juni 1994 zu seinem letzten Flug. In all den Jahren sind die beiden mit ihrer Bonanza die gesamte US-Westküste entlanggeflogen, einschließlich Alaska. Auch Mexiko haben sie erkundet. Tochter Mera Lou erzählt sogar von einer Sommerreise nach Nova Scotia, Kanada.

In seiner Autobiografie berichtet Lewis, dass er in 49 Jahren 3400 Stunden geflogen und dabei 500 000 Meilen im Cockpit der Bonanza zurückgelegt hat – allein 169-mal hat er die kontinentale Wasserscheide überflogen.

Scott Cranes erster Flug in Onkel Lewis’ Flugzeug findet nach dem Mittagessen bei der Großmutter in Ontario, Kalifornien, statt. Da ist er gerade mal fünf oder sechs Jahre alt, es muss im Jahr 1967 oder 1968 sein. Es ist die Großmutter, die den Vorschlag macht: "Lewis, warum nimmst du die Jungs nicht mit zum Flugplatz?" Der Flug wird zu einem unvergesslichen Abenteuer. Die beiden Jungs, Scott und sein Bruder, rufen von der Rückbank: "Flieg kopfüber, mach eine Rolle!" In diesem Moment erfasst Scott das Bonanza-Virus.

Damals weiß er es noch nicht, aber dieser Flug sollte sein Leben verändern. Er stellt die Weichen für seinen Weg als Pilot.

Eingemottet in Arizona

Doch die N4560V wird am 23. Dezember 1993 an Sonja Green aus Wickenburg, Arizona, verkauft. Sonja unterstützte Lewis und Matilda bei der Suche nach einem Alterssitz in Arizona. Sie fliegt die 60V noch mehrere Jahre, bevor die Maschine eingemottet wird.

Aber Scotts Leidenschaft für die Fliegerei ist mit jenem ersten Flug in der Bonanza geweckt. In der High School darf er ein ganzes Jahr lang an einem Luftfahrtkurs teilnehmen. Der findet jede Woche jeweils an fünf Tagen statt. Der Lehrer ist ein pensionierter Luftwaffenpilot und begeisterter Ballonfahrer. Im Laufe des Jahres bekommt Scott eine Art Grundausbildung für Piloten. Mit Exkursionen zum Flughafen Ontario, zu einer FAA Flight Service Station und einem Besuch des Luftfahrtprogramms am Chaffey Community College geht der Lehrplan weit über die Mindestanforderungen für eine damalige Pilotenausbildung hinaus.

Nach dem High-School-Abschluss schreibt sich Scott für das A&P-Programm am Chaffey Community College ein. Im Aeroklub des College stehen zwei Cessna 150 für 15 Dollar pro Stunde inklusive Kraftstoff zur Verfügung. Scott schließt das zweijährige Programm mit A&P-Zertifikat ab und hat die begehrte Privatpilotenlizenz in der Tasche.

Da er bei der Wartung und Reparatur von Fahrzeugelektrik bereits Erfahrung gesammelt hat, heuert der junge Pilot bei Ontario Aircraft Services an. Wenige Jahre später, 1989, nimmt er eine Stelle als Flugzeugmechaniker bei UPS Airlines in Ontario an und arbeitet an DC-8, Boeing 727 und 747. Nach der Beförderung ins Management im Jahr 1990 zieht Scott – inzwischen selbst Vater geworden – mit seiner jungen Familie nach Louisville, Kentucky. Dort übernimmt er eine neue Aufgabe im Bereich der Airline-Wartung und im technischen Support für alle Flugzeugtypen der UPS-Flotte. Ein weiterer Umzug im Jahr 2001 nach Rockford, Illinois, verschlägt die Familie an den Poplar Grove Airport in ein Haus mit eigenem Flugzeughangar. 2016 geht Scott schließlich in den wohlverdienten Ruhestand.

Die Wiedervereinigung der Familie mit der N4560V beginnt nach dem Tod von Scotts Mutter Matilda im Jahr 2011. Beim Aussortieren alter Fotos fällt Scott eine Aufnahme der Bonanza mit Lewis und Matilda in die Hände. Eine kurze Recherche ergibt, dass Sonja Green zu diesem Zeitpunkt immer noch Eigentümerin der 60V ist. Scott schickt ihr sofort eine Nachricht über Facebook. Etwa einen Monat später ruft sie ihn an. Eine Stunde lang sprechen sie über die guten alten Zeiten und natürlich über die Bonanza. Am Ende des Gesprächs fragt Sonja, ob Scott die Bonanza kaufen wolle. Und tatsächlich: Am 2. Mai 2013 erwirbt Scott das ehemalige Familienflugzeug zurück. Er will die alte Dame von Wickenburg nach Poplar Grove, Illinois, fliegen. Als er aber mit der Jahresinspektion beginnt, wird klar: Ein Transport auf dem Landweg ist die realistischere Option. Scott verbringt mehrere Wochenenden bei Sonja, um die Bonanza zu zerlegen. Er demontiert Tragflächen, Propeller und Heck, um das Flugzeug per Lastwagen nach Hause zu bringen. Am 9. Juni 2013 kommt die 60V am Poplar Grove Airport, ihrem neuen Zuhause, an. Im Hangar der Cranes beginnt kurz darauf die Restaurierung "von der Nase bis zum Heck und von Flügelspitze zu Flügelspitze", wie Scott erzählt.

Was als "zweijährige Restaurierung” geplant ist, endete – wie so oft – erst Jahre später. Konkret: sieben Jahre. Scotts ambitioniertes Ziel: Bei dem zu dieser Zeit 65 Jahre alten Flugzeug will er die Originalausstattung so weit wie möglich erhalten. Mit Ausnahme einiger Avionikgeräte und moderner Sicherheitssysteme wie Schultergurte, Strobe-Lichtern und Ähnlichem bleibt alles im originalen Zustand, was nicht ersetzt werden muss. Bei mehreren Instrumenten stellt sich aber heraus, dass darin Radiumfarbe als Leuchtmittel für Skalen verwendet wurde. Dank der Firma Air Parts of Lock Haven können sie jedoch dekontaminiert und überholt werden. Ein paar Instrumente ziert sogar noch der alte Schriftzug "Beechcraft” des Herstellers.

Bei der Inspektion der 65 Jahre alten Verkabelung zeigt sich, dass die mit Stoff isolierten Leitungen in vielen Bereichen in erstaunlich gutem Zustand sind, teilweise müssen sie aber dringend erneuert werden. Schließlich werden alle Kabel im Flugzeug ersetzt, einschließlich der Batterie- und Starterkabel. Die Fensterscheiben wie auch die Kraftstoffleitungen sind ebenfalls noch Originalbauteile und werden im Zuge der Restaurierung durch neue ersetzt. Tatsächlich sind die Kraftstoffleitungen noch dicht, aber das Gummi ist so spröde, dass sie mit einer Blechschere Stück für Stück herausgeschnitten werden müssen. Strukturell ist das Flugzeug aber in ausgezeichnetem Zustand und gibt während der umfangreichen Demontage, Inspektion und anschließenden Remontage keinen Anlass zur Sorge. Dennoch werden alle Seile der Steuerung ersetzt. Allerdings sind die Lager der Riemenscheiben derart verschmutzt, dass sie teilweise festklemmen, also werden sie komplett erneuert.

Die Lackierung hingegen ist in ausgezeichnetem Zustand. Da ohnehin ein Querruder ersetzt werden muss, fällt die Entscheidung, sowohl beide Querruder als auch die Klappen neu zu lackieren. Anschließend wird das Ruder-Restmoment bestimmt um Flattern zu verhindern. Das Leitwerk bleibt beim Lackieren außenvor. Während Scott sich auf die Montage der Tragflächen vorbereitet, nimmt er an Kursen der ABS Maintenance Academy teil und studiert alles, was für Flugsteuerung, Fahrwerk und Endmontage wichtig ist, denn er will die N4560V wieder in einen fast fabrikneuen Zustand bringen.

Scotts Tante Matilda hat vor vielen Jahren die Vorhänge in der 60V selbst genäht. Und so wird die Restaurierung auch hier zu einer Familienangelegenheit: Scotts ältere Töchter Shannon und Shelley helfen beim Nähen der neuen Gardinen, die Matildas Vorhänge ersetzen sollen. Scotty Junior hilft derweil beim Ausbauen des Fahrwerkgetriebes sowie beim Zerlegen, Reinigen, Inspizieren und Wiederzusammensetzen. Besonders bei den Niet-arbeiten ist er eine große Hilfe. Auch Scotts jüngste Tochter Sami lernt das Nieten und hilft außerdem an anderen Baustellen aus. In seiner Autobiografie erzählt Onkel Lewis, dass auch bei der ersten Restaurierung der 60V von 1956 bis 1957 alle zusammen halfen. So übernahm Matilda damals selbst viele anspruchsvolle Blecharbeiten.

Der Continental E-225 der Bonanza ist zum Zeitpunkt der Restaurierung bereits 30 Jahre alt. Scotts Onkel Lewis, der in der Motorenwerkstatt von Continental Airlines arbeitete, hatte ihn einst als Ersatzmotor angeschafft. Scott findet einen gebrauchten Motor mit geringer Betriebszeit in Bestzustand, er wurde bei Hammock Aviation in Texas ausgebaut. Auspuffanlage und viele andere Teile sind neu.

Neuer Antrieb, frisches Interieur

Scotts letzter Flug vor seiner Pensionierung mit einem UPS-Flugzeug führt passender weise nach Dallas/Fort Worth, dort wartet das gute Stück auf seinen neuen Arbeitsplatz unter der Bonanza-Cowling. Die Firma Poplar Grove Airmotive hilft bei der Modifizierung der Bendix-Kraftstoffeinspritzung und beim Austausch des Hartzell-Propellers. Nachdem der Motor auf Herz und Nieren geprüft ist, wird er zu Hause am Grove Airport in die 60V eingebaut – und funktioniert einwandfrei.

Die Innenausstattung darf dem stilvollen Äußeren selbstverständlich nicht nachstehen: Daher werden die Sitze neu bezogen, Zellenverkleidung und Dachhimmel kommen ebenfalls neu vom Designspezialisten Airtex. Zu-gleich wird der alte Holzboden ersetzt. Angenehmer Nebeneffekt: Der etwas muffelige Geruch verschwindet aus der Kabine.

Der erste Flug der N4560V nach der Restaurierung ist für den 26. Juni 2020 geplant. Es ist ein voller Erfolg, nur minimale Anpassungen am Gashebel und am Propellerregler sind notwendig. Nach einem kurzen Besuch bei Avionics Place in Rockford, Illinois, werden noch Transponder und Höhenmesser kalibriert. Die anschließende Installation und Überprüfung der ADS-B-Ausgänge verlaufen ebenfalls ohne größere Probleme. Schließlich wird die 60V noch professionell gereinigt und poliert.

Jetzt ist die Bonnie bereit für weitere 70 Jahre in der Luft. Eines ist für Scott klar: Ohne die Unterstützung seiner Familie und der vielen großartigen Menschen am Poplar Grove Airport, vom Entladen des zerlegten Flugzeugs über Zellenreparaturen, Innenausbau, Motorüberholung und Neuverkabelung bis zum ersten Flug, wäre es nicht gelungen, die 60V wieder in die Luft zu bringen. Jetzt ist sie das, was sie zuvor schon einmal war: ein unbezahlbares Familienerbstück.