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Unfallanalyse

Steilspirale bis Höhe null

Foto: BFU

Überlebt: Dass der Aufprall aus dem Spiralsturz für den Piloten glimpflich endete, war riesiges Glück. Der Unfall zeigt, wie giftig moderne Segelflugzeuge reagieren können.

Der 27-jährige Flugschüler startete am späteren Nachmittag des 7. April 2016 zu dem Unglücksflug, nachdem er einen längeren Flug mit einer ASW 28 und eine Platzrunde mit dem Discus 2c absolviert hatte. Auf dem Flughafen Braunschweig erzielte er im Windenstart eine Ausklinkhöhe von 335 Metern. Gemäß Flugauftrag sollte er versuchen, in der Thermik oben zu bleiben und anschließend Rollübungen durchführen. Für den Abschluss war eine Ziellandung auf der Graspiste 26 vorgesehen.

Seine Flugausbildung hatte der Student der Luft- und Raumfahrttechnik drei Jahre zuvor begonnen und in der Zeit mit 226 Starts und 58 Flugstunden eine für seinen Ausbildungsstand überdurchschnittliche Flugerfahrung gesammelt. Schon die Anfangsschulung erfolgte auf einem anspruchsvollen Flugzeug: einem Janus Ce, mit dem der Student auch seine ersten Alleinflüge absolvierte. Während der Ausbildung kamen Mustererfahrungen mit ASK 13, DG-1000, ASW 28 und eben dem Discus 2c mit 18 Metern Spannweite hinzu. Vor dem Unfall hatte der Flugschüler 100 Flüge mit der ASW 28 und 13 Flüge mit dem Discus 2c absolviert. Der Unfallflug war sein sechster Start in dem Frühjahr mit diesem Typ.

Die für die Durchführung des Fluges notwendigen theoretischen Grundlagen hatte er in einer schriftlichen Luftfahrerprüfung im Dezember des Vorjahres in den Fächern Meteorologie, Luftfahrzeugkunde, betriebliche Verfahren, menschliches Leistungsvermögen und Grundlagen des Fliegens nachgewiesen. Die Prüfung in den Fächern Navigation, Luftrecht, Flugleistung und Flugplanung sowie Kommunikation musste er wiederholen.

Sein Fluglehrer war vor der Erteilung des Flugauftrages an dem Unfalltag selbst nicht geflogen. Über die Wetterbedingungen hatte er sich bei einem anderen Fluglehrer erkundigt. Das als bockig beschriebene Wetter war durch eine Kombination von mäßig böigem Wind und zerrissener Thermik anspruchsvoll, für einen fortgeschrittenen Schüler aber fliegbar. Von seinen vorhergehenden Flügen war der Flugschüler auch schon im Bilde über die Bedingungen. Im Unfallbericht findet sich zu den Wetterbedingungen auch eine Zeugenaussage. Der Zeuge hatte den Flugweg des Discus beobachtet und registrierte zur Unfallzeit eine außergewöhnlich starke Böigkeit, bei der Türen und Fenster im Haus zuschlugen. Er gab an, den ganzen Tag keine vergleichbare Böe bemerkt zu haben.

Nach dem Ausklinken suchte der Flug­schüler nördlich des Platzes über dem Stadtteil Waggum nach Thermik, fand aber keinen Aufwind und verlor an Höhe. Dieser erste Teil des Fluges mit Windenstart und Abfliegen der Höhe mit Thermiksuche bis zum Gegenanflug, wo mit dem Ausfahren des Fahrwerks die ersten Landevorbereitungen erfolgten, verlief unauffällig. Gemäß GPS-Aufzeichnung flog der Discus zu der Zeit in zirka 200 Metern über Grund. Die Fortsetzung des Landeanfluges und die Konzentration auf die bevorstehende Landung wären hier eine folgerichtige Entscheidungen gewesen.

Thermikböe an der Position

Der Discus-Pilot hat in dem Moment aber Steigen registriert und einen Rechtskreis eingeleitet. Er glaubte auch noch 240 Meter hoch zu sein und damit über ausreichend Höhe über Grund für den Such-/Zentrierkreis zu verfügen. Nach Einleiten des Kreises geriet er in der zerrissenen, turbulenten Thermik aber in ein vermutlich starkes Abwindfeld. Ein überzogener Flugzustand war die Folge. Die hier notwendige Fahrtaufnahme durch ein sofortiges Nachlassen des Höhenruders erfolgte nicht, das Segelflugzeug ging in eine unkontrollierte Fluglage über. Nach GPS-Aufzeichnungen war der Discus zu dem Zeitpunkt nur noch rund 180 Meter über Grund hoch.

Der Flugschüler sagte später, das Segelflugzeug habe weitergedreht und nicht mehr auf Steuereingaben reagiert. Der Flugzustand sei im Nachhinein „schwer zu beschreiben“, es habe sich um eine Art „Steilspirale“ gehandelt. Die Beschreibung des anschwellenden Fluggeräuschs spricht auch für eine Steil­spirale. Den späteren Aufschlagpunkt habe er in der Situation „klar erkannt“, gab der Pilot später zu Protokoll. Das Umfeld der Aufschlagstelle mit Bäumen, Häusern und Weg habe er aber nur „schemenhaft“ wahrgenommen.

Der Discus schlug rund 1000 Meter nördlich des Flughafens auf einem Spielplatz unmittelbar neben einem Wirtschaftsweg auf und wurde schwer beschädigt. Der Rumpf steckte in einem Winkel von rund 45 Grad innerhalb eines ausgewucherten Strauchs. Das Cockpit war mehrfach gebrochen und gestaucht, die Cockpithaube zerstört. Der Instrumentenpilz war teilweise abgerissen und ragte nach oben, war aber noch mit dem Rumpf ver­bunden. Bei dem Einschlag in das Strauchwerk, der zur massiven Zerstörung des Vorderrumpfes führte, verletzte sich der Pilot nur leicht. Das Eintreffen der Ersthelfer erlebte er bei vollem Bewusstsein.

Rätselhafte Endlage

Der hintere Rumpfbereich mit dem Leitwerk war abgebrochen und noch über das Gestän­ge und die Seile mit dem vorderen Rumpfteil verbunden. Das Leitwerk mit den Rudern und der Leitwerksträger und waren leicht beschädigt. Die rechte Tragfläche wies nur leichte Beschädigungen auf. Sie steckte mit der Flügelnase zwischen einem Kunstwerk aus Holz und einem Baum. Die äußere linke Tragfläche war im hinteren Drittel abgeknickt. Das abgebrochene äußere Tragflächenseg­ment war im Bereich der Nase aufgeplatzt und steckte senkrecht neben dem Wirtschaftsweg im Erdboden, die Flächenspitze zeigte senkrecht nach oben.

Foto: BFU
Der Flugweg des Discus. Kurz vor der Unfallstelle enden die Aufzeichnungen.

Hinweise auf technische Mängel am Segelflugzeug und der Steuerung ergab die Untersuchung nicht. Der genaue Hergang des Absturzes konnte nicht rekonstruiert werden. Die GPS-Aufzeichnunn half bei der Aufklärung wenig, da sie zirka 50 Meter nördlich der Unfallstelle endete. Laut GPS-Schrieb befand sich das Segelflugzeug bis zum Aufzeichnungsende in einer Rechtsdrehung. Eine Rechtsdrehung beim Aufschlag passt allerdings nicht zur Lage des Wracks. Die lässt nur den Schluss zu, dass der Discus zuerst mit der linken Tragfläche auf den Boden prallte, also aus einer Linksdrehung heraus. Auch mit der Schilderung des Piloten und den Zeugenaussagen ließ sich die letzte Flugphase bis zum Aufprall nicht plausibel und nachvollziehbar rekonstruieren.

Es kann davon ausgegangen werden, dass der Flugschüler trotz des hohen Übungsstands mit den gegebenen Wetterbedingungen überfordert war. Mit dem Einleiten des Kreises an der Position geriet der Discus in eine unkontrollierte Fluglage – mutmaßlich in eine Steilspirale. Es fehlte dann der theoretische Hintergrund, das zu erkennen. Deshalb konnte der Flugschüler den außergewöhnlichen Flugzustand nicht beenden.

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