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ADAC Stiftung

Studie: Multikopter im Rettungsdienst einsetzbar

ADAC Studie zu Multikopter-Einsatz im Rettungsdienst

Der ADAC hat eine umfangreiche Studie zum Einsatz von Multikoptern im Luftrettungsdienst erarbeiten lassen. Die Quintessenz: In bestimmten Einsatzszenarien können sie als Ergänzung zum Hubschrauber die Versorgung von Patienten verbessern.

"Luftrettung mit bemannten Multikoptern ist möglich, sinnvoll und verbessert die notfallmedizinische Versorgung der Bevölkerung." Auf diesen Nenner bringt die ADAC Luftrettung die Ergebnisse der laut eigenen Angaben weltweit ersten Machbarkeitsstudie über den Einsatz von bemannten Multikoptern im Rettungsdienst, die am Mittwoch in München vorgestellt wurde. Rund 130 Seiten stark ist díe Analyse, die die ADAC Luftrettung gefördert von der ADAC Stiftung 2008 beim Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement der Ludwig-Maximilians-Universität München (INM) in Auftrag gegeben hat. Ebenfalls am Forschungsprojekt beteiligt war das Unternehmen Volocopter aus Bruchsal. Im Fokus stand dabei die Frage, ob das Rettungsdienstsystem in den Modellregionen Ansbach-Dinkelsbühl (Bayern) und Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) durch den Einsatz von Multikoptern als schnelle Notarztzubringer verbessert und zukunftssicher gemacht werden kann. Dabei soll der Multikopter den Rettungshubschrauber ausdrücklich nicht ersetzen, sondern die schnelle Hilfe aus der Luft ergänzen. Ein Patiententransport sei dabei zunächst nicht vorgesehen, heißt es in der Pressmitteilung.

Für die Studie hat das INM in einer Makroanalyse für die Bundesländer Bayern und Rheinland-Pfalz Einsatzpotentiale des Multikopters ermittelt und in einer Mikroanalyse für zwei Modellregionen – auf Basis historischer Leitstellendaten – mehr als 26.000 Notfalleinsätze mit Multikoptern am Computer simuliert: für den Rettungsdienstbereich Ansbach mit dem Luftrettungsstandort Dinkelsbühl in Bayern sowie Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz. Durchgespielt wurden Szenarien mit unterschiedlichen Einsatzradien, Reichweiten und Geschwindigkeiten.

Die technische Machbarkeit wurde anhand eines VoloCity des Projektpartners Volocopter untersucht. Dieser sei ausgewählt worden, heißt es in Pressemitteilung weiter, weil er eine frühzeitige Marktreife erwarten lasse und mit 18 festverbauten Rotoren eine besonders hohe Ausfallsicherheit aufweise. Sein Vorteil gegenüber einem Notarzteinsatzfahrzeug sei laut der Studie auf dem Land größer als in der Stadt. Im Vergleich zu einem Rettungshubschrauber sei der Multikopter leiser und emissionsärmer.

Frédéric Bruder, Geschäftsführer der ADAC Luftrettung, zeigte sich begeistert von den Ergebnissen: "Wir sind heute überzeugt davon, dass Multikopter helfen können, den Rettungsdienst der Zukunft zu prägen und zu verbessern. Die Ergebnisse sind so erfolgversprechend, dass wir mit dem Projekt in den Testbetrieb gehen wollen."

Dr. Andrea David, Vorstand der ADAC Stiftung, ergänzte: "Der zunehmende Notarztmangel ist eine große Herausforderung für die notfallmedizinische Versorgung der Bevölkerung – insbesondere auf dem Land. Deshalb hat die ADAC Stiftung dieses innovative Forschungsprojekt von Anfang an konzeptionell und finanziell unterstützt. Jetzt blicken wir mit Spannung auf den Praxistest. Denn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie machen deutlich, dass bemannte Multikopter als schnelle Notarztzubringer bereits in naher Zukunft dazu beitragen können, dieses ernste Problem zu lösen."

ADAC

Testbetrieb ab 2023

Die Pläne von ADAC Luftrettung und Volocopter sind ambitioniert: Schon 2023 will man in den beiden untersuchten Regionen mit dem Volocopter in den Testbetrieb gehen, in Bayern an der ADAC-Luftrettungsstation in Dinkelsbühl, in Rheinland-Pfalz an einem neuen, reinen Multikopter-Standort in der Region Idar-Oberstein. Bis dahin finden an Forschungsstandorten von Volocopter weitere technische Probeflüge statt, um die bemannten Fluggeräte für die besonderen Bedingungen im Rettungsdienst aus der Luft zu testen – dazu gehören etwa Starts und Landungen in Hanglagen, bei schlechter Sicht, bei Dunkelheit oder im Winter. Für diese Tests sei die aktuell bestehende Volocopter-Technologie ausreichend, heißt es in der Pressemitteilung. Wissenschaftlich begleitet werde das Projekt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), mit dem die ADAC Luftrettung bereits seit vielen Jahren im Bereich Forschung und Entwicklung kooperiert.

"Wir sind stolz, mit unserer Volocopter-Technologie einen Beitrag zur Luftrettung zum Wohle der Allgemeinheit leisten zu können", wird Florian Reuter, CEO von Volocopter, in der Pressemitteilung zitiert. "In der engen Zusammenarbeit mit der ADAC Luftrettung ist deutlich geworden, wie fundiert das Expertenwissen im Bereich der Luftrettung und im Betrieb einer großen Helikopterflotte ist. Gleichzeitig zeigt sich, wie weitsichtig und offen für Innovation die Projektteilnehmer sind." Der VoloCity sei der erste Multikopter weltweit, der sich bereits im Prozess zur kommerziellen Zertifizierung befinde, und er könne gemeinsam mit der ADAC Luftrettung bereits heute Menschenleben retten, so Reuter weiter. "Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, bei der sich unsere Technologie und damit auch Kennzahlen wie Reichweite und Fluggeschwindigkeit stetig weiterentwickeln werden."

Die Besatzung des VoloCity soll im Einsatz aus einem Piloten und einem Notarzt bestehen. Auf den TC HEMS, also den Luftrettungsassistenten, der im Flug den Piloten und am Patienten den Notarzt unterstützt, wird verzichtet. Dafür sollen die Piloten eine notfallmedizinische Zusatzausbildung erhalten. Da Notfallpatienten auf das sichere und schnelle Eintreffen des Notarztes angewiesen sind, müssen Multikopter im Rettungsdienst, so die Studie, im 24-Stunden-Dienst und auch bei schlechtem Wetter operieren können. Überdies muss die medizinische Ausstattung aufgrund der im Vergleich zum Notarzteinsatzfahrzeug geringeren Nutzlast des Volocopter gewichtsoptimiert sein.

Neben den medizinischen und technischen Voraussetzungen für einen Testbetrieb wurde auch die Wirtschaftlichkeit untersucht. Demnach halten die Wissenschaftler einen kosteneffizienten Betrieb für möglich. Insgesamt seien die Kosten dafür im Vergleich zum allgemein hohen Investitionsbedarf im Gesundheitswesen eher als gering zu bewerten.

Untersucht hat die Studie zudem die rechtliche Machbarkeit. Unüberwindbare luftfahrtrechtliche oder rettungsdienstliche Hindernisse werden nicht gesehen, nötige Anpassungen zeigt die Studie auf. Um den Rettungsdienst systemrelevant verbessern zu können, sollten die offenen rechtlichen Fragen frühzeitig geklärt werden, so die Botschaft der Projektleiter in Richtung Politik und Luftfahrtbehörden.

Zum aktuellen Stand der Volocopter-Zertifizierung äußerten sich die Projektpartner nicht. Der aerokurier ist aktuell im Austausch mit Volocopter und wird zeitnah dazu berichten.

ADAC

Technische Daten VoloCity

Rotorring-Durchmesser: 11,3 m (inkl. Rotoren)
Rotordurchmesser: 2,3 m
MTOW: 900 kg
Zuladung: 200 kg
Reichweite: 35 km
Reisegschwindigkeit: 110 km/h
Antrieb: 18 Elektromotoren, 9 Battery Packs
Energiequelle: Li-Ion-Akkumulatoren, innerhalb 5 Minuten austauschbar
Besatzung: Pilot und Notarzt
Angestrebte Zertifizierung: EASA SC-VTOL