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BFU

Unfallanalyse: Rätselhafter Höhenverlust

Unfallanalyse Rätselhafter Höhenverlust

Kurz vor dem Verlassen der Platzrunde gerät der Pilot eines einmotorigen Tiefdeckers plötzlich in Schwierigkeiten. Was in der kurzen Zeit vor dem Absturz aber genau passiert, ist für die BFU-Experten bis heute unklar. Besonders tragisch an dem Unfall: An Bord des Flugzeugs ist auch ein Kind.

Die Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) sind es gewohnt, dass bei einigen Fällen bis zuletzt Fragen offenbleiben. Dennoch kommt es nicht oft vor, dass ein Unfall derart mysteriös ist wie der Absturz der MCR 01 in Melle-Grönegau im August 2018. In der Schlussfolgerung des Untersuchungsberichtes ist deshalb nur dieser eine, kurze Satz zu lesen, der das ungelöste Rätsel deutlich auf den Punkt bringt: "Die BFU konnte nicht klären, worauf der Flugunfall zurückzuführen ist."

Suche nach der Unfallursache

Bei dem Fall mit dem Aktenzeichen 18-1188-CX kommen außerdem gleich mehrere Aspekte hinzu, die die Suche nach der Unfallursache erschweren. Die Ergebnisse der Untersuchung lassen infolgedessen weder direkt auf einen technischenFehler schließen, noch kommen wetterbedingte Probleme oder gesundheitliche Beeinträchtigungen des Piloten als Ursache infrage. Die Voraussetzungen für den Flug waren demnach gut. Was das Geschehen am 11. August 2018 aber darüber hinaus besonders tragisch macht: Außer dem Piloten war noch dessen 14 Jahre alte Enkelin an Bord der zweisitzigen Maschine.

Der 74-Jährige ist als ehemaliger Verkehrsflugzeugführer mit über 20 000 Flugstunden ein Routinier im Cockpit. Auch das betroffene Muster, eine als VLA zugelassene MCR 01 des französischen Flugzeugbauers DynAero, ist ihm vertraut, wenn auch nicht mit einer vergleichbaren Zahl an Flugstunden wie im Verkehrsflugzeug. In den vergangenen drei Jahren hat er immerhin 64 Stunden im Cockpit des einmotorigen Tiefdeckers verbracht.

Bestes Flugwetter

An jenem Hochsommertag 2018 ist der Pilot mit seiner Enkelin schon frühmorgens am Sonderlandeplatz Melle-Grönegau, um die Maschine startklar zu machen. Die Routinewettermeldung (METAR) des rund 45 Kilometer entfernten Flughafens Münster/Osnabrück verspricht einen guten Flugtag. Für den geplanten VFR-Flug nach Stralsund könnten die Wetterbedingen tatsächlich kaum besser sein: zehn Kilometer Sicht am Boden, 13 Grad Lufttemperatur und 5/8 Bewölkung. Der Wind weht mit sieben Knoten aus südwestlicher Richtung.

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Wenig Zeit für Entscheidungen: Die Unfallmaschine verunglückte noch vor Verlassen der Platzrunde, nur zwei Minuten nach dem Start.

Abflugroute nach Westen

Kurz nach sieben Uhr rollt die MCR 01 zur Startbahn 27. Der Sonderlandeplatz hat eine über 600 Meter lange Asphaltpiste und liegt nur 72 Meter über Meeresniveau. Der Startlauf verläuft unauffällig. Am Flugplatz fotografiert ein Zeuge das Flugzeug vom Rollen auf die Piste bis zum Anfangssteigflug. Nachdem die MCR 01 von der Startbahn abgehoben ist, folgt der Tiefdecker der Abflugroute nach Westen. Zunächst gewinnt die MCR 01 schnell an Höhe. Wenig später dreht der Pilot in den Querabflug nach Süden – und beginnt plötzlich zu sinken. Über einem Gewerbegebiet wird die Maschine von einem weiteren Zeugen beobachtet. Er gibt die Höhe nun mit etwa 30 bis 40 Metern an, dabei "schwankt" das Flugzeug nach seiner Beobachtung und hat ein "unregelmäßiges Motorengeräusch". Weitere Zeugen berichten von einem steilen Sinkflug.

Unregelmäßiges Motorengeräusch

Was dann folgt, ist unregelmäßiges Motorengeräusch, noch bevor die Maschine die Platzrunde verlassen hat. Die Aufnahmen einer Überwachungskamera dokumentieren das Geschehen. Der Tiefdecker überfliegt das Gewerbegebiet in geringer Höhe und kollidiert schließlich mit Bäumen. Augenblicke danach schlägt die MCR 01 direkt neben einer Straße auf dem Boden auf und gerät sofort in Brand. Vom Start bis zum Aufschlag sind gerade einmal zwei Minuten vergangen. Sowohl der Pilot als auch das 14-jährige Mädchen überleben den Absturz nicht. Die MCR 01 wird beim Aufschlag völlig zerstört.

Keine Spuren

Das Wrack liegt nur 2400 Meter von der Schwelle der Piste 27 entfernt. Bis zum Ort des Aufpralls hat der Tiefdecker kein ansteigendes Gelände überflogen, der Unfallort liegt etwa auf Flugplatzniveau. Cockpit, Rumpf und Tragflächen sind durch den Aufschlag und das Feuer kaum mehr zu erkennen. Am Höhenleitwerk hat sich die Beplankung auf einer großen Fläche abgelöst. Auch das Triebwerk, ein Rotax 912, ist schwer beschädigt, sodass die Experten der BFU bei der Begutachtung keine Spuren finden, die ursächlich für den Unfall sein könnten.

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Höhenverlust im Querabflug: Nach dem Anfangssteigflug drehte die MCR 01 nach Süden und ging in einen stetigen Sinkflug über.

Keine Hinweise

Die Obduktion des Piloten, die von der Staatsanwaltschaft beantragt wird, ergibt als Todesursache ein Polytrauma. Weitere feingewebliche Untersuchungen ergeben ebenfalls keine Hinweise auf "ein zum Unfallgeschehen beitragendes, akutmedizinisches Ereignis", wie es im Untersuchungsbericht heißt. Auch für mögliche Vorerkrankungen des 74-jährigen Piloten, die ursächlich für den Absturz gewesen sein könnten, gibt es keine Belege.

Kamerabilder und Zeugen

Als wesentliche Anhaltspunkte für die weiteren Ermittlungen bleiben Zeugenaussagen sowie die Bildaufnahmen der Überwachungskamera und eine Audioaufnahme, die eindeutig dem Unglücksflug zugeordnet werden kann. Die Auswertung des Materials zeigt, dass die Aussage, nach der ein Zeuge ein "unregelmäßiges Motorengeräusch" wahrgenommen hat, durch die Audioaufnahme nicht bestätigt wird. Diese belegt hingegen ein gleichmäßiges Motorengeräusch. Die BFU schließt daher einen Triebwerksausfall aus.

Falsch identifizierte Wahrnehmungen

Solche als falsch identifizierte Wahrnehmungen wie die des Zeugen sind durchaus nicht ungewöhnlich und kommen häufiger vor. Einzelne Fragmente der Erinnerung können dabei im Gedächtnis an das Gesamtbild des Geschehens angepasst werden. Umso schwieriger gestaltet sich die Ermittlungsarbeit gerade in Fällen, bei denen der Zerstörungsgrad des Wracks nur geringe oder gar keine Rückschlüsse auf den Unfallhergang zulässt.

Auswertung der Überwachungskamera

Zudem ergibt auch die Auswertung der Überwachungskamera, dass die MCR 01 zum Zeitpunkt der Kollision mit den Bäumen in Normalfluglage flog. Ein Kontrollverlust durch Strömungsabriss oder ein steiler Sturzflug ist in der Aufnahme nicht zu sehen. Im Abschlussbericht der BFU heißt es dementsprechend: "Eine unkontrollierte Fluglage, etwa Abkippen oder trudelähnliche Flugzustände, können nach Auffassung der BFU ausgeschlossen werden."

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Schwierige Ermittlungsarbeit: Die Untersuchung des Wracks ergab keine Hinweise auf ein technisches Problem.

Stetiger Sinkflug

Aus den Zeugenaussagen und aus den Aufnahmen der Überwachungskamera lässt sich aus Sicht der Ermittler lediglich schließen, dass die MCR 01 nach dem Eindrehen in den Querabflug in einen stetigen Sinkflug überging, der bis zur Kollision mit den Bäumen konstant blieb.

Mögliches Szenario

Auch nach Abschluss der Untersuchung bleibt der Fall rätselhaft. Ob am Ende doch eine akute körperliche Beeinträchtigung, die bei der Obduktion nicht nachgewiesen werden konnte, ursächlich für den Absturz war, ist letztlich nicht mehr als eine Spekulation. Hinweise finden sich dafür jedenfalls nicht, zumal der Flugverlauf insgesamt eher gegen einen Kontrollverlust spricht. Die BFU stellt außerdem fest, dass es auch für "eine Beeinflussung seitens des Fluggastes" keine Anhaltspunkte gebe.Ein mögliches Szenario könnte vielleicht aber doch im Zusammenhang mit einem technischen Problem des Triebwerks stehen.

Leistungseinstellung

Zwar geht die BFU aufgrund der Audioaufzeichnungen nicht von einem kompletten Triebwerksausfall aus, da die Aufnahmen ein gleichmäßiges Motorengeräusch wiedergeben. Im BFU-Bericht heißt es jedoch: "Hinsichtlich der Leistungseinstellung, wie zum Beispiel der Feststellung der Motordrehzahl, konnten daraus keine Schlüsse gezogen werden." Ein deutlicher Leistungsverlust beim Eindrehen in den Querabflug, der nicht zum vollständigen Motorausfall führte, könnte sowohl den dann folgenden Höhenverlust als auch das nach wie vor gleichmäßige Motorengeräusch erklären.

Ohne abschließende Erkenntnisse

Sicher belegen lässt sich aber auch dieses Szenario nicht. Am Ende müssen die Ermittler den Fall ohne abschließende Erkenntnisse zu den Akten legen.