in Kooperation mit
Lars Reinhold

Segelflug

Martin fliegt allein

Der erste Alleinflug ist für jeden Piloten ein unvergesslicher Moment. Für Martin Köhl, der aufgrund angeborener Tetraparese auf den Rollstuhl angewiesen ist, gilt das umso mehr. Eine Geschichte über den Weg eines ungewöhnlichen Piloten.

Manche Episode aus der Fliegerei können nur die beteiligten Protagonisten authentisch wiedergeben. Martin Köhls erster Alleinflug ist eine solche Episode, weswegen er hier zunächst Raum für seine eigenen Worte bekommen soll:

Der Spruch des Fluglehrers kommt völlig unerwartet: „Dann machst du jetzt noch einen Start, und ich schau dir zu.“ Ich denke zunächst, ich habe mich verhört, irgendetwas von wegen „noch ein Start“, und beginne gedanklich schon einmal wie gehabt mit meinem Abflugcheck. Dann allerdings nimmt jemand den zweiten Fallschirm vom hinteren Sitz, schließt und verriegelt die hintere Haube, und das ohne einzusteigen. Ganz allmählich wird mir klar, was hier gerade passiert. Etwas unsicher schaue ich zum Start, wo sich ein Fluglehrer gerade grinsend auf den Weg zu mir macht und sagt: „Du darfst jetzt alleine fliegen, Martin.“

Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich, alleine? Wie jetzt? Kann ich das? ICH KANN DAS NICHT! Verrückt: Ich habe mir das immer gewünscht und erträumt, jetzt ist es so weit, und ich habe Bammel! Was mache ich jetzt? Soll ich kneifen? Schließlich sitze ich schon drin. Andererseits: Die Perspektive ist die gleiche wie immer – eigentlich gut, dass man den Lehrer nie sieht … Das Flugzeug ist auch dasselbe wie immer. Die Abläufe, der Platz, das Wetter, alles exakt das Gleiche wie vor fünf Minuten. Und wenn ich seit zwei Jahren immer dasselbe mache, zwei Fluglehrer mir bestätigen, dass ich das kann, warum eigentlich nicht? Irgendwann ist es halt so weit!

Also tief durchatmen, Haube zu, Abflugcheck und einklinken. Jetzt geht’s gleich los. Wirklich los. Und dann geht es auch los! Aber alles ist wie immer. Etwas zu früh nachgelassen viel-leicht und dadurch Schlepphöhe verschenkt, aber keine bösen Überraschungen. Das Seil fällt ab, dreimal nachgeklinkt ist, der Horizont passt und ausgetrimmt ist die Maschine auch. Ein erster Moment der Entspannung.

Viel Zeit dafür bleibt bei den folgenden vier Kreisen allerdings nicht. Einmal links rum, einmal rechts rum, das alles habe ich schon mehr als 200-mal gemacht und gesehen. Eine kurze Korrektur kommt über Funk, und ich bin schon wieder fast auf 250 Meter AGL, für mich Positionshöhe. Jetzt nochmal volle Konzen-tration für die Landung. Aufrichten, ausrichten, Landecheck. Vieles funktioniert unterbewusst von ganz allein. Nutze einen langen Queranflug und einen langen Endanflug, geistert es durch meinen Kopf. Natürlich sitzt da keiner hinter mir, aber ich höre es trotzdem. Ich will ja nicht wieder zu hoch reinkommen. Die Endanflugkurve ist geschafft, und ich frohlocke innerlich: Die Perspektive passt. Auf ins große Finale!

Klappen raus, einrasten, Nase unten lassen. Eine kurze Beurteilung der Lage – noch zu hoch, Klappen ganz raus und rasten. Nase unten lassen. Gut, dass ich so hoch war, ich habe jetzt alle Zeit der Welt, um mich mit beiden Händen ums Ausrichten, Verflachen und Abfangen zu kümmern. Nase unten lassen. Den Seitenruderhebel leicht nach hinten ziehen, damit die Nase nach rechts wandert. Genau da will ich sie haben, das ist die Landerichtung. Und jetzt ziehen, ziehen, zieh ... Rumms! Der Boden hat mich wieder. Schnell die Hand vom Seitenruder weg, an die Bremsklappen und mit der Radbremse vorsichtig verzögern. Bisschen noch, noch ein bisschen. Es wird leiser, langsamer. Und das Flugzeug steht.

Meinen Freudenschrei, so meine ich, müsste man eigentlich noch am Start gehört haben. Was man am Start zum Glück nicht mitbe-kommen hat, ist, dass ich vor dem Abhol-kommando vor lauter Freude dann doch tatsächlich ein bisschen heulen musste!

FSR Kraichgau
Martin mit seinem Fluglehrer Thomas Weinelt.

Höhepunkt eines steinigen Weges

Martins erster Alleinflug am 13. Oktober markiert den vorläufigen Höhepunkt eines Weges, auf dem er so einige tiefe Täler durchschreiten musste, um das Ziel, dass er dabei stets fest im Blick behielt, zu erreichen. „Meine ganze Familie war und ist recht sportlich, und ich kann mir vorstellen, dass alle ziemlich geschluckt haben, als ich mit der Tetraparese auf die Welt kam. Aber den ,Behindertenbonus‘ hat es für mich nie gegeben, man hat es mir nie zu leicht gemacht. Ich musste bei allen Aktivitäten mitziehen. In Watte gepackt haben die mich nicht.“ Martin ist immer aktiv, geht in seiner Kindheit und Jugend viel Schwimmen oder fährt mit dem Handbike. Eine Begeisterung fürs Fliegen war aber immer da, erinnert er sich. „In meinem Geburtsort Benediktbeuern gibt es ja auch eine Fliegergruppe, da stand ich oft am Zaun und habe den Segelflugzeugen zugeschaut. Irgendwann hat mich ein Bekannter mal auf einen Flug mitgenommen, im Bergfalke, mit den Beinen am Rahmenrohr festgebunden, damit der Knüppel frei bleibt, und ich habe es unglaublich genossen!“

Zunächst begnügt er sich damit, an jedem Schönwetter-Wochenende auf dem Flugplatz zu sein. Der Deal: Er schreibt die Bordbücher, dafür darf er hin und wieder mitfliegen. Doch irgendwann wird eine Frage für Martin immer drängender: Kann ich das nicht auch lernen?

Die Tetraparese bezeichnet Martin als Softwarefehler in seinem Gehirn. Dank Training vom Kindergartenalter an kann er heutewenige Schritte mit speziellen Fünfpunkt-Gehstöcken gehen, seine Arme hat er recht gut unter Kontrolle. Fürs Fliegen jedoch, wo alles fein koordiniert sein will, sind seine Voraussetzungen aber denkbar schlecht. Nach vielem Bitten lassen sich seine Eltern erwei-chen, einen Termin beim Fliegerarzt zu machen. Das Ergebnis scheint klar: nicht tauglich. „Ich hatte den Eindruck, dass es sich der Arzt sehr leicht gemacht hat und auch nicht wirklich versuchen wollte, mir das Fliegen zu ermöglichen. Und ich glaube auch, dass meine Eltern erstmal erleichtert waren.“

Die Rolliflieger helfen weiter

Nach dem Abitur studiert Martin Sozialpädagogik, die Lust aufs Fliegenlernen tritt in den Hintergrund. Nach dem Studium aber, mit dem ersten Job und dem ersten selbst verdienten Geld muss sich ja etwas anfangen lassen, denkt er, recherchiert und wird auf den Verein „Die Rolliflieger“ aufmerksam, in dem sich Luftsportler mit Behinderungen organisiert haben und Gleichgesinnten auf dem Weg ins Cockpit helfen. „Über diesen Kontakt bin ich auf die Segelflugschule Oerlinghausen aufmerksam geworden, und im Frühjahr 2016 habe ich meinen ersten Urlaub da verbracht.“ In der Flugschule gibt man Martin das Gefühl, dass es absolut nichts Außergewöhnliches sei, mit Handicap zu fliegen. Später im Jahr verbringt er noch eine Woche in Oerlinghausen, stellt aber fest, dass das auf die Dauer zu teuer ist. Ein Verein muss her.

Lars Reinhold
Das Seitenruder steuert Martin mit der linken Hand. Die Landeklappen sind in verschiedenen Stellungen rastbar.

Über die Rolliflieger kommt er auf den Flugsportring Kraichgau am Flugplatz Sinsheim. Hier hat man Erfahrung mit Fällen wie ihm – und eine ASK21 mit Seitenruder-Handsteuerung. „Bevor Martin zu uns kam, hatten bereits zwei Mitglieder mit Handicap in Sinsheim eine Segelflugausbildung begonnen“, erinnert sich Benjamin Bauer, Erster Vorsitzender des Vereins. „Beide konnten sie sie aus persönlichen Gründen nicht fortsetzen, aber wir wussten somit, worauf wir uns mit Martin einlassen.“ Den Umbau der ASK 21 hatte Bauer 2012 in Eigenregie erledigt, das Material kostete rund 3000 Euro und wurde zum Teil über Spenden finanziert. „Natürlich gab es im Verein auch kritische Stimmen, die sich nicht sicher waren, ob wir die Ausbildung eines Behinderten stemmen können. Inzwischen aber wissen wir: Das geht.“

Eine Bedingung stellen die Sinsheimer aber: Martin braucht ein Medical. Auch hier geben die Rolliflieger Tipps, entscheidend ist aber ein Hinweis von einem der ehemaligen Handicap-Piloten aus Sinsheim. „Er hat mir eine Ärztin empfohlen, die Erfahrung mit solchen Fällen wie mir hatte. Am Ende der Untersuchungen hatte ich mein Klasse-II-Medical mit drei Einschränkungen: Brille, kürzere Gültigkeitsdauer, Seitenruder-Handsteuerung. Damit war der Weg frei für meine weitere Ausbildung bis zum ersten Alleinflug.“

Keine Mogelei beim Fliegerarzt!

Was die Tauglichkeit angeht, ist Martin froh, dass es für ihn geklappt hat, warnt aber energisch vor einem Behindertenbonus. „Flugsicherheit geht absolut vor! Ich denke, wir können von den Fliegerärzten erwarten, dass sie unsere Ambitionen ernst nehmen und versuchen, uns zu helfen. Medicals aus Gefälligkeit aber darf es auch für Behinderte nicht geben.“ An alle Betroffenen appelliert Martin, ehrlich zu sein. Denn wenn jemand die Unwahrheit sagt, um sich durch die Untersuchung zu mogeln, könnte das dafür sorgen, dass noch weniger Ärzte bereit sind, Menschen wie Martin eine Chance zu geben.

Am 12. Juni 2017 tritt Martin in den Verein ein und beginnt mit der Ausbildung. „Und auch hier gab es keinen Bonus, auch wenn der Satz ,Martin, mach dich fertig‘ natürlich Quatsch ist. ‚Team Martin‘ müsste es heißen, denn allein komme ich nicht ins Cockpit“, sagt er. Zwei Mann müssen ihn aus dem Rollstuhl heben und ins Flugzeug verfrachten. Bevor die Haube zugeht, muss zudem einer durch das Seitenfenster greifen und Martins Beine neben den unteren Teil des Instrumentenpanels drücken, damit er sie sich nicht einklemmt. Dann aber ist Martin ein Flugschüler wie jeder andere, der seinen Startcheck abarbeitet, startet, fliegt und landet. Der Unterschied ist nur, dass er das Seitenruder über einen Hebel mit der linken Hand bedient. Zudem können die Landeklappen bei der Sinsheimer ASK 21 in verschiedenen Positionen gerastet werden, damit der Pilot die linke Hand für Korrekturen um die Hochachse frei hat. „Als Fluglehrer merkt man davon eigentlich nichts, sonst ist alles wie bei den anderen Flugschülern“, erklärt Vereinschef Bauer.

Lars Reinhold
Hilfe braucht Martin nicht nur beim Einsteigen. Seine Crew unterstützt auch bei der Vorflugkontrolle.

Am 13. Oktober bringt Martin schließlich seine ersten drei Solo-Platzrunden erfolgreich hinter sich. Dennoch bleibt für ihn als Wermutstropfen, dass er sich nicht genauso intensiv einbringen kann wie seine Vereins-kameraden. „Beim Auf- und Abrüsten kann ich außer schlauen Kommentaren wenig beitragen. Für den Vorflugcheck brauche ich auch Hilfe. Und ein Flugzeug aus der Bahn zu ziehen – das habe ich mal mit dem Elektro-Rollstuhl probiert, was für ein sehr witziges Foto im Verbandsmagazin ‚Adler‘ gesorgt, sich aber nicht bewährt hat.“ Allerdings hat Martin inzwischen ein Presseseminar besucht, um Pressereferent Robin Kemter bei der Arbeit zu unterstützen. „Ich will nicht nur fliegen, sondern auch etwas für den Verein tun. Zeit zum Rumsitzen habe ich ja genug“, sagt er und muss selbst über seinen Spruch lachen. „Also wäre Flugleiter vielleicht ein Job für mich.“

„Martin ist echt ein toller Typ“, sagt sein Vereinskamerad Robin Kemter. „Er ist ein Optimist, immer für einen Spaß zu haben und kann auch über sich selbst und über sein Handicap lachen. Das macht es für alle anderen viel leichter und baut Hemmungen ab.“ Kemter, selbst erfolgreicher Segelkunstflieger, sieht Martin in Zukunft schon mit der ASK 21 im Rückenflug über Sinsheim. „Der Kerl hat einfach Bock aufs Fliegen. Und er geht seinen Weg. Damit ist er ein Vorbild, nicht nur für Menschen mit Handicap.“

FSR Kraichgau
Arschversohlen und Gratulationen. Stehend - auf Augenhöhe - wie Martin Stolz berichtet.

Dass Martin auch nach der Ausbildung Ziele haben wird, dafür gab sein Verein jüngst mit der Entscheidung, eine DG-1001 anzuschaffen, reichlich Ansporn. Das neue Flugzeug soll nicht nur über eine Seitenruder-Handsteuerung verfügen, sondern auch über den FES-Antrieb. „Damit sind dann auch Überlandflüge kein Problem für mich, denn bei einer Außenlandung würde ich wirklich festsitzen“, sagt Martin und grinst. „Aber dank FES ist das ja nicht zu befürchten. In jedem Fall freue ich mich auf die Erlebnisse, die vor mir liegen.“

Hintergrund: Die Rolliflieger

Der Verein „Interessengemeinschaft Luftsport treibender Behinderter“, kurz und griffig „Rolliflieger“, wurde 1993 von einer Handvoll Piloten mit Behinderung gegründet, die es trotz ihres Handicaps ins Cockpit geschafft hatten. Ziel des Vereins ist es, den Erfahrungsaustausch zwischen behinderten Fliegern im In- und Ausland zu fördern, Erfahrungen an andere Interessierte weiterzugeben, außerdem die Beratung von Interessierten und Flugzeugkonstrukteuren bezüglich technischer Maßnahmen zur Kompensation der Behinderung und der Erlangung des fliegerärztlichen Tauglichkeitszeugnisses. Darüber hinaus verstehen sich die Rolliflieger als Mittler zwischen Luftsport treibenden Behinderten und Behörden, Ärzten und der Öffentlichkeit.