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Tobias Barth
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Segelflug-Fotografie: Kein Motiv ist Zufall

Segelflug-Fotografie Kein Motiv ist Zufall

Wenn Tobias Barth ins Flugzeug steigt, ist die Kamera immer dabei. Seit einigen Jahren verbinden sich bei ihm die Leidenschaft fürs Fliegen und die Lust am Fotografieren geradezu symbiotisch. Dabei entstehen Bilder, in denen sich die ganze Anmut des Segelfliegens konzentriert.

Das Foto mit der Stemme über dem Wattenmeer ist so ein Bild, das – Stammtischparolen folgend – theoretisch jeder Pilot hätte machen können. Fenster auf, Kamera raus, abgedrückt. Die Vollautomatik wird’s schon richten. Theorie und Praxis sind aber gerade in der Fotografie zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. "Mehr als ein Jahr Vorbereitungszeit hat mich das Bild gekostet", erinnert sich Tobias. "Zunächst musste ich die Idee mit der FH Aachen, die die Stemme betreibt, absprechen. Dann galt es, den richtigen Ort für das Foto zu finden und den Tidenkalender zu studieren. Und das Licht erst... Es musste alles stimmen: Hintergrund, Wasserstand, Position des ,Fotomodells‘ und das Licht. Am 17. August 2016 war es dann so weit. Mit einer Dimona ging es raus auf die Nordsee, die Stemme flog rechts querab. Trotz eines intensiven Briefings vor dem Start passten erst nach über einer Stunde Flugzeit alle Randbedingungen zusammen. Dann drückte ich auf den Auslöser. Es war der perfekte Moment!"

Keine Schnappschüsse

Wer den Fotokalender Segelfliegen 2017 durchblättert, erlebt die Ergebnisse vieler solcher perfekter Momente. Momente, die sich nicht zufällig ergeben wie bei manch tollem Schnappschuss, der jedem Segelflieger schon gelungen ist. Vielmehr sind es Momente, die durch Planung, Erfahrung und auch ein Quäntchen Glück zu solch perfekten wurden. "Kein einziges meiner Bilder ist ein Schnappschuss", sagt Tobias. "Einfach alles ist mit Bedacht gewählt, angefangen vom Fluggebiet, in dem das Shooting stattfindet, über die Manöver, die der Pilot des anderen Flugzeuges fliegt, bis hin zu den Kameraeinstellungen."

Auch wenn sich das nach der Arbeitsphilosophie eines professionellen Fotografen anhört, ist Tobias eher ambitionierter Laie – der aber inzwischen einen immensen Erfahrungsschatz hat, wenn es um die Kombination seiner zwei Leidenschaften geht. "Für das Fliegen habe ich schon immer gebrannt", blickt er zurück. "Ich habe mit acht Jahren mit dem Flugmodellbau angefangen. Als sehr lebhaftes Kind hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Hobby, bei dem ich mich konzentrieren und ruhig arbeiten musste. Und tatsächlich gelang mir das auch."

Der Leiter der Modellflieger baute kurz nach der Wende den Fliegerclub Wolf Hirth in Pritzwalk mit auf, und seine Einladung "Willste nicht mal mitkommen?" verfehlte ihre Wirkung nicht. Dem ersten Segelflugstart mit zwölf Jahren als Fluggast folgt die Ausbildung im Fliegerclub Wittstock. Nach der Bundeswehr lernt Tobias Leichtflugzeugbauer bei Aeroconcept am Flugplatz Aachen-Merzbrück. "Da ich Abitur hatte, konnte ich mich hin und wieder für Weiterbildungen von der Berufsschule freistellen lassen. Das passierte natürlich an Tagen mit bestem Wetter, und auf den Zetteln, die ich dann in der Schule abgeben musste, stand als Grund ,fliegerische Weiterbildung‘", sagt er grinsend. Schon als Lehrling wird er Mitglied der Flugwissenschaftlichen Vereinigung Aachen; hier fängt er sich auch den Spitznamen ein, unter dem man ihn in der Segelflugszene kennt: Stift.

Nach seiner Ausbildung schreibt er sich zum Studium der Luft- und Raumfahrt ein. "Nebenbei habe ich Brüche repariert und mir so das Studium finanziert." Seit seiner Diplomarbeit 2008 beim CTC Stade ist Tobias als Luftfahrtingenieur bei der Airbus-Tochter tätig.

In guten Jahren ist er seinerzeit bis zu 300 Stunden in der Luft, dabei gilt sein Interesse zunächst ausschließlich der Fliegerei. "Das mit der Fotografie hat vor vier Jahren bei einem gemeinsamen Urlaub in Afrika angefangen, weil meine Lebensgefährtin sehr gerne fotografiert", sagt Tobias. Zwar habe er selbst schon zu Studienzeiten viel mit Photoshop ’rumprobiert, für eine ordentliche Kameraausrüstung war aber nie Geld da. "Das ging ja alles ins Fliegen!" Selbst als er 2007 den legendären Claus-Dieter Zink in Frankreich "bei einem Bier in einer Runde mit Klaus Ohlmann" kennen lernt, spielt die Fotografie noch keine große Rolle.

"Richtig los ging das bei mir so um 2012. Ich habe zunächst viel vom Boden aus fotografiert, und als die ersten guten Air-to-air-Fotos entstanden, habe ich mir einen Flickr-Account zugelegt und die Bilder hochgeladen. Die Resonanz war von Anfang an gut, und mir wurde klar, ich mache das nicht nur für mich, es interessiert auch andere."

Von da an beginnt Tobias, sich intensiv mit den Möglichkeiten der Fotografie aus dem Segelflugzeug heraus auseinanderzusetzen. Die Fotos macht er anfangs direkt durch die Plexiglashaube, was aber die Qualität zu sehr beeinträchtigt. Als Alternative entwickelt er Rumpfhalterungen für seine Kameras und probiert verschiedene Bodys und Objektive aus. Er wechselt von einem namhaften Kamerahersteller zum nächsten, um das für seine ausgefallenen Fotoideen optimale Setup zu finden.

Die Herausforderung: Fliegen und fotografieren

"Das Kernproblem ist und bleibt der Konflikt, sich zum einen auf das zu konzentrieren, was die Kamera gerade sieht, und zum anderen das eigene Flugzeug weiter sicher zu fliegen", erklärt Tobias die Herausforderung. Auch aus dem Doppel-sitzer heraus habe er es probiert, aber das funktionierte nicht wirklich. "Bis der Pilot das Steuerkommando von mir umgesetzt hat, vergeht zu viel Zeit, und ob er dann genau richtig steuert, ist auch nicht sicher." So kristallisierte sich die One-Man-Show als Mittel der Wahl heraus.

Die hat Tobias optimiert bis ins Detail. Es beginnt schon damit, dass er einen speziellen Kamerahalter hat, den er ans Gurtzeug klippt. "Eine im Cockpit herumfliegende Kamera ist ein No-Go, weniger der teuren Technik wegen, sondern eher aus Gründen der Flugsicherheit." Auch sein Flugzeug, eine Glasflügel Mosquito b, hat er für die Fotofliegerei optimiert. Am auffälligsten ist die modifizierte Haube, zudem hat er eine Smartphone-Halterung mit Sonnenblende konstruiert. Auf diese Weise kann er sich das Kamerabild jederzeit direkt auf den Schirm holen kann. "Das war auch nicht einfach, Geräte zu finden, die miteinander vernünftig kompatibel sind. Aber so kann ich die Kamera aus dem Fenster halten und sehe genau, was die Linse auch sieht, ohne mir den Kopf zu verdrehen."

Doch selbst wenn die Technik optimiert ist, bleiben die Nuancen, die den Hobbyknipser vom Fotografen unterscheiden: das Gefühl für Komposition, für Farben und Kon-traste. Auch die Bildwinkel spielen angesichts der großen Spannweiten der "Models" eine entscheidende Rolle. "Es dauert höchstens zwei Minuten, dann weiß ich, ob eine Motividee funktioniert oder nicht. Dann heißt es, entweder das Foto machen oder umdisponieren. Denn an Tagen ohne Thermik ist die Zeit, die man zum Fotografieren hat, stark begrenzt. Für langwieriges Rum-probieren reicht es meist nicht."

Aber auch bei besten Bedingungen gelingen die Bilder nicht immer. Das Problem liegt dann aber weniger bei der Technik oder dem Wetter als vielmehr bei den Piloten. "Es gibt genug Leute, die gerne mit mir einen Fotoflug machen wollen, aber nur ,mal eben schnell für `ne Viertelstunde‘. Und das funktioniert nicht. Hektik ist da völlig fehl am Platz, denn für die Fotos muss man recht eng und präzise in Formation fliegen. Der Pilot des anderen Flugzeugs muss mir sehr genau folgen können. Das verlangt Konzentration und geht nicht zwischen Tür und Angel." Und egal, wie gut eine Fotosession auch vorbereitet ist – der Ausschuss bleibt dennoch hoch.

Dezente Bildbearbeitung

Zurück am heimischen Rechner, werden die Fotos sanft aufbereitet. Die klassischen Dunkelkammertechniken wie Tonwert- und Belichtungskorrektur – wenngleich heute in Lightroom umgesetzt – reichen Tobias. "Eine starke Nachbearbeitung sieht schnell unnatürlich aus. Und das mag ich selber nicht."

Bereits 2013 keimt die Idee, selbst einen Kalender zu gestalten. "Der Fotokalender Segelfliegen von Claus-Dieter Zink war immer eine Institution, denn Zink war der erste, der die Ästhetik des motorlosen Fliegens so richtig im Bild eingefangen hat", zollt Tobias seinen Respekt. "2015 hatte ich dann zwölf tolle Motive zusammen, aber mir fehlte das passende Titelbild.

Wie es der Zufall will, kommt in jenem Jahr ein Kontakt zwischen Tobias und Annette Siegle zustande. Ihr Mann Marek hatte nach Zinks Tod 2010 die Rechte an dessen Fotoarchiv erworben und sorgt dafür, dass der Fotokalender Segelfliegen jedes Jahr aufs Neue erscheint. "So konnte ich einige Aufnahmen für die Ausgabe 2016 beisteuern. Die Rückmeldungen waren so gut, dass die Siegles mir eine dauerhafte Kooperation anboten."

Auch die 2017er-Ausgabe des Fotokalenders Segelfliegen zieren etliche Motive von Tobias und zeigen die Anmut des Segelfliegens in ähnlicher Intensität wie einst die Aufnahmen des Fotokünstlers Claus-Dieter Zink. Und es dürften sicher noch viele beeindruckende Bilder hinzukommen. "Also von den Typen her interessieren mich schon die neuen Muster, der neue Ventus und die JS3 zum Beispiel, aber auch Schleichers ASG 32 oder, ganz weit vorn, der US-amerikanische 15-Meter-Segler Duck Hawk, der technisch in dieser Klasse Maßstäbe setzt", sagt Tobias. Was die Landschaft als Kulisse für seine Motive angeht, hat er auch einen Traum: "Ein Fotoshooting über den Fjorden Norwegens. Ich glaube, das wäre für mich der absolute Höhepunkt."