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Flugplanung

Herausforderungen und Risiken sicher bewerten

Foto: Aerokurier

Bin ich fit genug für mein Flugvorhaben? Die Antwort auf diese Frage verlangt eine gehörige Portion Reflexionsvermögen. Zwei junge Piloten haben ein Tool entwickelt, mit dem sich Piloten selbst bewerten können.

Die Planung eines Fluges ist eine komplexe Angelegenheit, bei der eine Vielzahl von Variablen berücksichtigt wird, angefangen von Wetter und Flugroute über Treibstoffberechnung und Weight and Balance bis hin zu Start- und Landestrecken. Bei der Mehrzahl dieser Punkte werden Sicherheitsfaktoren und Zuschläge für Unvorhergesehenes einkalkuliert. Die nachfolgend dargestellte Methode soll eine Anregung sein, Flugvorhaben systematisch nach Anforderungen zu bewerten, mögliche Risiken zu identifizieren und zu vermeiden sowie Verbesserungsmöglichkeiten für die eigenen Fertigkeiten zu entdecken.

Die sechs Dimensionen eines Fluges

Der Pilot definiert für den Flug verschiedene Dimensionen, deren jeweils wichtigstes Merkmal es ist, dass hier die Fertigkeiten und die Anforderungen für sich betrachtet werden können und sich nicht mit denen der anderen Dimensionen gegenseitig beeinflussen. Anhand der sechs folgenden Dimensionen, die wir als beispielhaft herausgearbeitet haben, und ihnen zugeordneter Fragen lassen sich die Herausforderungen des Fluges analysieren:

1.) Navigation und Lufträume

  • Ist mir das Gelände bekannt, über das ich fliegen werde? (Orientierung, Berge, Flüsse, Auffanglinien)
  • Kenne ich die Landmarken und Orientierungspunkte?
  • Welche Lufträume werde ich durchfliegen, sind sie freigabepflichtig oder nicht?
  • Weiß ich, was mich in den Lufträumen erwartet und wie ich mich darin verhalten muss?

2.) Flugplätze

  • Auf welchen Flugplätzen werde ich fliegen, starten, landen, rollen und parken?
  • Sind mir die Flugplätze bekannt?
  • Kenne ich mich auf den Flugplätzen aus (Anflugverfahren, Orientierung am Boden etc.)?
  • Sind mir die Verfahren bekannt, und wie gut beherrsche ich sie?
  • Welche rechtlichen und meteorologischen Anforderungen gelten?
  • Was sind die Öffnungszeiten der Flugplätze?

3.) Passagiere

  • Fliege ich mit Passagieren?
  • Wenn ja, wie gut kenne ich die Passagiere?
  • Könnten die Passagiere in Panik geraten oder etwas Unvorhergesehenes tun?

4.) Wetter

  • Wie gut ist das Wetter?
  • Wird es einfach oder schwierig sein zu starten, zu fliegen und zu landen?
  • Ist mein Flug so lang oder weit, dass sich das Wetter grundlegend ändern kann?

5.) Flugzeug

  • Wie gut kenne ich das Flugzeug?
  • Wo bewege ich mich bezüglich der Flugleistungen?
  • Passen Reichweite, Beladung, Schwerpunkt, Startstrecke, Steigleistung, Landestrecke etc.?
  • Sitzen alle Checklisten und Handgriffe?
  • Wie sieht es mit Notfall-Checklisten aus?

6.) Ausdauer und Belastbarkeit

  • Habe ich schon einen ähnlich langen oder weiten Flug gemacht und mir das entsprechende Sitzfleisch antrainiert?
  • Bin ich ein ganzes Wochenende oder mehrere Tage hintereinander unterwegs?
  • Übernachte ich auf einem fremden Platz, schlafe ich in einer Pension oder unter der Fläche?

    Diese Liste ist weder vollständig noch soll sie es sein. Jeder Pilot kann und muss seine eigenen Dimensionen und Fragen finden, nach denen er seinen bevorstehenden Flug aufteilt.

Subjektive, ehrliche Bewertung ist notwendig

In jeder Dimension bewertet jetzt der Pilot seine Fertigkeiten und die Anforderungen, die der Flug an ihn stellt. Beide Bewertungen sind vollkommen subjektiv, zugegebenermaßen nur schwer quantifizierbar und hängen zudem mit Sicherheit auch von der Tagesform ab. Daher ist es wichtig, dass beide Bewertungen gemeinsam vorgenommen werden, denn nur so haben sie einen gemeinsamen Maßstab und sind miteinander vergleichbar.

Die Fertigkeiten des Piloten sind seine Fähigkeiten, beispielsweise mit bestimmten Eigenschaften des Fluges umzugehen oder auf sich ändernde Wetterbedingungen oder Probleme der Passagiere einzustellen. Im Gegensatz zu Wissen sind Fertigkeiten viel flüchtiger und müssen durch regelmäßige Übung erhalten werden.

Die Bewertung der Fertigkeiten beantwortet die Fragen:

  • Wie kompetent und sicher fühle ich mich in dieser Dimension?
  • Wie viel aktuelle Übung und Erfahrung habe ich in dieser Dimension?
  • Was sagen die objektiven Daten, z. B. meine aktuellen Starts und Flugstunden, angewendet auf das Trainingsbarometer aus?

Sich nicht „in Sicherheit lügen“

Die letzte Frage, also nach den objektiven Daten, ist bei der Einschätzung der eigenen Fertigkeiten der wichtigste Punkt. Gemeint sind damit quantifizierbare Daten, die etwas über die eigenen Fertigkeiten aussagen. Am bekanntesten ist sicherlich das weit verbreitete Trainingsbarometer, bei dem die Anzahl der Starts und die Anzahl der Flugstunden in den letzten Monaten zu einem Trainingsstand zusammengefasst werden. Aber es könnte auch einfach ein Blick ins eigene Flugbuch sein, um zu zählen, wie oft ich selbst wirklich zu diesem oder zu jenem Platz geflogen bin. Zudem haben einige Organisationen und Flugschulen eigene Zählungen, Trainingstabellen und Kennzahlen entwickelt, die einem Piloten dabei helfen, seine eigenen Fertigkeiten objektiv zu beurteilen und sich eben nicht „in Sicherheit“ zu lügen, um einen bestimmten Flug unbedingt durchführen zu können.

Anforderungen sind die Eigenschaften des Fluges in seiner geplanten Form, denen jeder Pilot, unabhängig von seinen Fertigkeiten, ausgesetzt wäre. Üblicherweise lassen sich diese Eigenschaften gut quantifizieren. Folgende Fragen ermöglichen es, die Anforderungen eines Flugs zu bewerten:

  • Wie sehr wird mich der geplante Flug in dieser Dimension herausfordern?
  • Was kann der geplante Flug mir an unvorhersehbarer Anstrengung abverlangen?
  • Wie viel „Luft nach oben“ habe ich in dieser Situation, bevor mich etwas Unvorhergesehenes überfordert?

Fertigkeiten müssen größer sein als Anforderungen

Die Kapazität schließlich ist der Abstand zwischen der Bewertung der Fertigkeiten und der Bewertung nach den Anforderungen in den einzelnen Dimensionen. Die Kapazität gibt dem Piloten den Spielraum und die Reserve zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Deshalb muss die Kapazität immer positiv sein, heißt, die Fertigkeiten müssen größer sein als die Anforderungen.

Je kleiner die Kapazitäten für einen Flug werden, desto vorhersehbarer ist, dass die Arbeits-belastung steigt. Für die Allgemeine Luftfahrt gilt üblicherweise, dass eine steigende Arbeitsbelastung zu einer schlechteren Leistung (Performanz) des Piloten im Cockpit und zu einem geringeren Situationsbewusstsein führt.

Praxisbeispiel: Ein einfacher Flug

Ein einfacher Flug bildet die Grundlage für die Entwicklung der eigenen fliegerischen Fertigkeiten. Entlang der oben definierten Dimensionen kann er wie folgt dargestellt werden:

  1. Navigation und Lufträume
    Ich plane einen Lokalflug zu einer Burg auf einem Berg in der näheren Umgebung. Dorthin bin ich schon einmal gewandert, kenne die Landmarken und habe auf der Karte geprüft, dass ich nur durch nicht freigabepflichtigen Luftraum fliegen werde. Ich kenne auch den anderen „Sightseeing-Verkehr“, der sich am Wochenende ebenfalls die Burg ansieht.
  2. Flugplätze
    Ich starte und lande auf meinem Heimatflugplatz. Ich kenne den Flugleiter und die Verfahren. Ich kann in meinem Flugbuch nachlesen, wie oft ich schon Ab- und Anflüge geflogen bin.
  3. Passagiere
    Ich fliege alleine.
  4. Wetter
    Ich fliege an einem ruhigen Tag, an dem es weder zu windig noch zu heiß ist.
  5. Flugzeug
    Ich fliege das Flugzeug, mit dem ich den Großteil meiner Ausbildung geflogen bin. Ich kenne die Leistungen, die Verfahren, die Checklisten, die Handgriffe und das Kennzeichen.
  6. Ausdauer und Belastbarkeit
    Der Flug dauert höchstens eine halbe Stunde, und ich fliege erst am späten Nachmittag, weil ich mich dann bereits von meinem Mittagstief erholt habe und fit genug bin.
Foto: Aerokurier
Beispiel einfacher Flug: Der Pilot hat in allen Dimensionen ausreichende Fertigkeiten, um die erwarteten Anforderungen zu meistern. Dadurch hat er freie Kapazitäten für Unvorhergesehenes.

Mit diesen Überlegungen sind bereits alle Einschätzungen zu Fertigkeiten und Anforderungen abgeschlossen. Überträgt man sie in eine Spinnennetz-Grafik, in der die Dimensionen sternförmig um das Zentrum herum angeordnet sind, und trägt in jeder Richtung Fertigkeiten und Anforderungen ab, ergeben sich daraus die Kapazitäten aus der Differenz der beiden Werte. Die obere Grafik zeigt, dass für diesen Sightseeing-Flug die Kapazitäten rundherum hoch sind, da der Trainingsstand des Piloten hoch ist und der Flug nur geringe Anforderungen stellt.


Geringe Kapazitäten in einer oder mehreren Dimensionen führen zu einer höheren Arbeitsbelastung. Als Pilot bin ich näher an meiner Leistungsgrenze.

Geringe Kapazitäten vermeiden

Liegen in meinem Flugvorhaben die Anforderungen in mehreren Dimensionen nahe an meinen Fertigkeiten, so ist absehbar, dass ich eine große Arbeitsbelastung bewältigen muss und eine geringere Performanz erbringe. Die Kapazitäten, die ich als Pilot zur Verfügung habe, um „sicher“ mit unvorhergesehenen Ereignissen zurechtzukommen, sinken. Kurzfristig geänderte Anflugverfahren, Systemfehler oder das Verhalten eines Passagiers können dann schnell bedrohlich werden.

Ein Flug zu einem unbekannten Platz in einem unbekannten Flugzeug ist ein klarer Fall einer doppelten Anforderung. Ein solcher Flug ist in der unteren Grafik visualisiert: Deutlich erkennbar sind die hohen Anforderungen und gleichzeitig geringen Kapazitäten in den Dimensionen „Flugplätze“ und „Flugzeug“. Dies ist ein Flug mit einem geringen Spielraum für Unvorhergesehenes. Ich muss diesen Flug anders planen.

Wenn ich einen Flug plane, bei dem ich erkenne, dass die Kapazitäten rundherum, in allen Dimensionen, gering sind, dann ist das ein guter Zeitpunkt, die ganze Planung abzubrechen. Denn noch einmal: Geringe Kapazitäten bedeuten eine schlechte Leistung von mir als Piloten und keinen Spielraum für Unvorhergesehenes. So einen Flug führe ich nicht durch!

Foto: Aerokurier
Beispiel für einen schwierigen Flug: In den Dimensionen „Flugzeug“ und „Flugplätze“ liegen Fertigkeiten und Anforderungen eng beieinander, Kapazitäten für Unvorhergesehenes gibt es hier kaum.

Fertigkeiten gezielt entwickeln

Geringe Kapazitäten in einzelnen Dimensionen eines geplanten Fluges müssen nicht schlecht sein. Vielmehr können sie als Herausforderungen genutzt werden, um im Rahmen von gezielten Übungen die eigenen Fertigkeiten auszubauen und fortlaufend zu verbessern – oder zumindest zu erhalten.

Dazu kann ich einen Flug planen, bei dem genau eine Dimension mit einer geringen Kapazität übrig bleibt, in der ich meine Fertigkeiten gezielt entwickle. In dem oben beschriebenen Fall habe ich dazu zwei Möglichkeiten, nämlich erstens, den geplanten Flug zwar mit dem unbekannten Flugzeug, aber zu einem bekannten Platz durchführen, um meine Fertigkeiten in der Dimension „Flugzeug“ zu entwickeln, oder zweitens, den geplanten Flug zu dem unbekannten Platz, aber mit einem bekannten Flugzeug durchführen, um meine Fähigkeiten in der Dimension „Flugplätze“ zu entwickeln. In beiden Fällen bleibt nur eine Anforderung übrig, an der ich gezielt und konzentriert arbeite. Auf genau diese Weise lassen sich auch alle anderen Dimensionen einzeln verbessern und dann kombinieren. Außerdem habe ich die Möglichkeit, einen Kameraden oder Fluglehrer anzusprechen, um mich bei der Entwicklung meiner Fertigkeiten zu unterstützen – sei es durch Durchsprechen der zu erwartenden Anforderungen oder einfach Mitfliegen.

Foto: privat
Dr. Fritz Adrian Lülf (l.) und Dr. Christoph Santel haben beide Luft- und Raumfahrttechnik studiert, sind aktive Piloten und befassen sich mit der Thematik Flugsicherheit. Für ihr Tool wurden sie vom Magazin „Luftsport“ ausgezeichnet.

Fazit

Die vorgestellte Methode bietet einen Rahmen für die Selbsteinschätzung, wie groß die Arbeitsbelastung für einen geplanten Flug werden könnte und wie groß der Abstand zwischen den eigenen Fertigkeiten und den Anforde- rungen eines Fluges sein werden. In voneinander unabhängigen Dimensionen schätzt der Pilot Anforderungen ein und erhält mit einer einfachen Visualisierung einen Überblick über seine freien Kapazitäten für den geplanten Flug.Wichtig ist es dabei, parallel auftretende geringe Kapazitäten in mehreren Dimensionen zu identifizieren und ihnen zu begegnen. Die Anforderungen sollen allerdings nicht vom Fliegen abhalten, sondern gezielte Schwerpunkte für die eigene Verbesserung bieten. So kann ein Pilot auch ganz bewusst Entscheidungen treffen, um sich selbst – im besten Sinne – herauszufordern und durch Fokussieren auf die Situation weiterzuentwickeln, solange in keiner anderen Dimension eine ähnlich große Anforderung besteht.

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