in Kooperation mit
Schempp-Hirth

DAeC

Der Luftsport-Lobbyist

Stefan Klett ist seit April Präsident des Deutschen Aero Clubs. Im Interview spricht er über die Herausforderungen, einen Verband mit mehr als 100 000 mittelbaren Mitgliedern zu führen, die Notwendigkeit strategischer Reformen und die Bedeutung von Ehrenamt und Jugend­förderung.

Stefan, seit der AERO im April bist du Präsident des Deutschen Aero Clubs und damit oberster Interessenvertreter von gut 100000 Luftsportlern in Deutschland. Dein Resümee der ersten sechs Monate in einem Satz?

Das ist nicht einfach, aber ich versuche es: Die ersten sechs Monate führten mich in hoch spannende Themenfelder, brachten Ge­spräche mit interessanten Personen und Organisationen und Einblicke in den DAeC-Bundes­verband, die ich von der Landesebene aus nur erahnen konnte und die meine Wahrnehmung des DAeC verändert haben.

Du bist mit 51 Jahren ins höchste Amt des DAeC gewählt worden, alle deine Vorgänger waren meist deutlich älter als du und an der Basis auch gerne als Cordsakko-Träger belächelt worden. Inwiefern wird sich das Auftreten des DAeC mit deinem Amtsantritt ändern? Bricht der Aero Club in die Moderne auf?

Ich glaube nicht, dass es allein damit getan ist, dass ich jünger bin. Der Unterschied ist, dass ich noch voll im Berufsleben stehe und es dadurch für mich notwendig ist, mein Amt operativ und effektiv zu führen. Ich will nicht dadurch glänzen, dass ich viele Urkunden und Medaillen verleihe – wenngleich ich das im Ehrenamt für eine wichtige Motivation halte –, sondern indem ich den strategischen Überblick behalte. Mein Vorteil gegenüber älteren Kameraden könnte indes sein, dass viele Player in Verbänden, Vereinen und Behörden in meinem Alter sind. Das vereinfacht erfahrungsgemäß die Kommunikation.

Eines deiner Ziele ist, um gegenseitiges Verständnis zu werben, damit sich alle Luftsportarten als Solidargemeinschaft verstehen und mit einer Stimme sprechen. Ambitioniert – angesichts der Tatsache, dass viele Sportler ihre eigene Sportart für die einzig wahre halten und sich schon am Flugplatz aus dem Weg gehen. Wie kann hier eine Einigung beginnen?

Die Basis der gemeinsamen Organisation aller Luftsportarten im DAeC ist die Faszination fürs Fliegen. Wir sind eine privilegierte und dabei für jeden offene Minderheit, die die dritte Dimension erleben darf. Das allein sollte schon Grund genug sein, an einem Strang zu ziehen. Wichtig ist, dass sich alle vergegenwärtigen, dass wir selbst zusammen mit allen bei uns organisierten Luftsportlern, also rund 105 000 Mitgliedern, nur eine winzige Lobby haben. Sich dann in Grabenkämpfen zu verlieren ist widersinnig. Zentrale Themen wie die Luftraumproblematik betreffen alle. Mein Beispiel ist da immer das Stadion: Das hat auch eine Laufbahn, Sprunggrube, Rasenfläche, wobei jede Sportart nur einen Teil davon nutzt. Aber am Ende brauchen sie alle das Stadion und müssen sich gemeinsam dafür einsetzen, dass es erhalten bleibt. Das möchte ich vermitteln.

Weitere Ziele deiner Amtszeit sind unter anderem bessere Kommunikation zwischen Bundesverband, Landes- und Monoverbänden, die Sicherung des Luftraumes, neue Konzepte für die Flugsicherheit, Förderung überregio­naler Jugendarbeit und ein klares Bekenntnis zum Natur- und Umweltschutz. Klingt ambitioniert und wirft die Frage auf, ob dir deine Vorgänger nicht ein reichlich unbestelltes Feld hinterlassen haben …

Zugegeben, diesen Eindruck hatte ich als Präsident des Aeroclubs NRW regelmäßig. Ich bin immer kritisch gewesen, habe meine Meinung gesagt. Es hilft aber nichts, auf gestern zu schauen, denn jetzt bin ich selbst in der Pflicht, von mir kritisierte Punkte anders und besser zu machen. Der Verband hat sich für meine Begriffe zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und das wird auch außerhalb wahrgenommen und schwächt die eigene Position. Daher sehe ich das Präsidentenamt in erster Linie als das des obersten Lobbyisten für den Luftsport. Ich möchte dauerhaft Türen in Behörden und Ministerien öffnen, sodass wir stets unsere Anliegen platzieren können. Auf diese Weise lässt sich eine Vielzahl von Themen auf allen Arbeitsebenen ansprechen, ein gutes Netzwerk ist dafür das A und O. Die zweite wichtige Aufgabe wird sein, als Moderator alle im DAeC für einen Kurs zu gewinnen.

Strittig ist seit 2015 die Position des Segelfluges innerhalb des DAeC. Mit der Aufnahme des Deutschen Segelflugverbandes (DSV) gibt es jetzt für den Segelflug als letzte Luftsportart einen eigenen Monoverband. Die Gemüter sind erhitzt, persönliche Diskrepanzen prägen die Kommunikation. Welche Lösungsansätze gibt es hier?

Es hilft nur, miteinander zu reden! Ich hatte Ende August ein sechsstündiges, konstruktives Gespräch mit Vertretern der Buko Segelflug und der DSV-Spitze, wie wir den Segelflug innerhalb des DAeC künftig aufstellen können. Die Atmosphäre hat sich grundlegend geändert, alle Beteiligten sind an einer guten Lösung interessiert. Ich bin der Meinung, dass der DSV mit allen Rechten und Pflichten im DAeC aktiv sein sollte. Diese Integration hat gleichzeitig die De­batte angestoßen, welche Bedeutung Mono- und Multiluftsportverbände, also die Landesverbände, künftig innerhalb des DAeC haben müssen, damit sie ihre jewei­ligen Stärken voll ausspielen können.

Lars Reinhold
Stean Klett im Gespräch mit aerokurier-Redaktionsleiter Lars Reinhold.
Wie siehst du die künftigen Aufgaben von Mono- und Multiverbänden?

In den Monoverbänden muss vor allem die sportfachliche Arbeit gebündelt werden. Dafür ist dort unglaublich viel Kompetenz vorhanden, und die müssen wir in Koordination mit der top Arbeit unserer Bukos nutzen! Die Landesverbände hingegen sind an der Basis Dienstleister für die Vereine vor Ort. Ihre Aufgaben sind beispielsweise die Beschaffung von Fördermitteln, denn viele Programme der Sportförderung werden auf Länderebene ausgeschrieben. Auch Baustellen wie Flugplatzangelegenheiten – Stichwort Windenergieanlagen –, Ausbildung und Technik sehe ich derzeit hier verortet, da diese vielfach von den Landesluftfahrtbehörden beziehungsweise lokalen Baubehörden betreut werden. Da ist Nähe entscheidend, die der Bundesverband nicht leisten kann. Es ist notwendig, dass wir bei den internen Planungen ganz genau über-legen, welche Aufgaben zentral und welche regional am besten erledigt werden. Ich erwarte eine offene Diskussion ohne Denkverbote, einen Neuanfang auf der grünen Wiese. Und das alles mit größtmöglicher Transparenz und unter Mitwirkung aller Beteiligten.

Hand aufs Herz: Der DAeC ist ein riesiger Verband, in dem fürchterlich viele Interessen seitens der Sparten-ver­treter und Landesverbände zu­sammentreffen. Wie schwer fällt es dir, da den Überblick zu behalten?

Auch hier hilft wieder nur, mit allen zu reden. Man muss die Struktur des DAeC kennen und Interesse an der Auseinandersetzung haben. Ich habe bereits einige Landes- und Monoverbände in ihren Geschäftsstellen besucht, um zu erfahren, wer sie sind und was sie genau machen. Kontakt halten und zu aktuellen Themen austauschen, das will ich leisten. Und ich muss dabei auch kritikfähig sein und auf Zwischentöne achten. Am Ende muss ich, auch wenn ich leidenschaftlicher Segel- und Motorflieger bin, mit dem gesamten Vorstand Lösungen finden, mit denen alle gut leben können.

Themenwechsel: Die Diskussion um den U-Space, der in bis zu 150 Meter AGL für Drohnen Vorfahrt gewähren soll, ist ein weiteres Top-Thema. Dass der Luftsport im ersten EASA-Entwurf dazu überhaupt keine Erwähnung fand, spricht doch Bände über die Bedeutung, die uns beigemessen wird, oder? Wie will der DAeC hier argumentieren?

Ich war geschockt, als ich erfahren habe, dass die GA da außen vor war. Wir haben daraufhin bei der EASA und beim Bundesverkehrsministerium unseren Standpunkt mit einem Positionspapier klargemacht: Bemannt geht vor unbemannt, Drohnen müssen bemannten Fluggeräten ausweichen, und sie müssen sich im Rahmen der Standardised Rules of the Air (SERA) in den bestehenden Luftraum integrieren. Einen U-Space lehnen wir ab. Im Zuge dessen haben wir im BMVI auch mal die Bedeutung der Allgemeinen Luftfahrt aufgezeigt: Allein der Luftsport hat 4,08 Millionen Flugbewegungen jährlich, dazu kommen 4,1 Millionen IFR-Flüge der Business Aviation sowie nochmal 1,8 Millionen Flugbewegungen an Modellfluggeländen. Alles in allem knapp 10 Millionen Bewegungen im Luftraum G. Jetzt haben wir die Zusage von Andreas Scheuer und EASA-Chef Patrick Ky, in den Informa­tionsaustausch mit eingebunden zu werden. Und ich habe den Eindruck, dass man uns durchaus als Partner betrachtet.

Die Einrichtung des IFR-Anflugs in Schönhagen hat zwölf Jahre gedauert. Sieht sich der DAeC in der Pflicht, bei ähnlichen Verfahren künftig unterstützend mitzuwirken, oder seht ihr als Interessenvertretung für den Luftsport da eher die AOPA am Zug?

IFR ist eine sehr spezielle Sache, in der die AOPA gute Arbeit leistet. Ich würde es so formulieren: Wo Interessen der Allgemeinen Luftfahrt berührt sind, müssen wir zumindest abchecken, ob das für den Luftsport relevant ist und ein Statement erfordert.

Gibt es generell eine Zusammenarbeit zwischen euch oder agiert ihr isoliert?

Wir reden mit allen, die für die Interessen der Luftfahrt eintreten. Einer meiner ersten Termine war ein Gespräch mit Elmar Giemulla, Präsident der AOPA Germany. Wir haben vereinbart, uns bei Themen, die beide Verbände betreffen, eng abzustimmen und regelmäßig über Aktuelles auszutauschen.

Ist dabei auch die ZÜP ein Thema?

Gutes Beispiel! Alle aktiven Flieger und sogar Teile der Politik wissen, dass die ZÜP unverhältnismäßig ist und in der Praxis nicht wirken kann, weil jeder ausländische Lizenz-inhaber in Deutschland ohne Überprüfung fliegen kann. Es läuft ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik, und ich denke, wir müssen weiterhin gemeinsam mit der AOPA zu diesem Sach­verhalt aufklären, um die politische Meinung zu beeinflussen. Auch die gerade geplante Ausweitung der ZÜP vor Beginn der Aus-bildung ist ein No-Go; eine klare Stellungnahme unsererseits liegt dem Bundesinnenminister per Präsidentenbrief bereits vor.

Viele Dinge in der Luftfahrt dauern – wie IFR in Schönhagen – viel zu lange. Ein weiteres heißes Eisen sind die 600-Kilogramm-ULs, die jetzt nach Jahren des Wartens endlich in Fahrt kommen. Könnt ihr zusammen mit anderen Verbänden, etwa dem DULV, für Beschleunigung sorgen?

Nicht direkt, aber wir können in Gesprächen mit Behörden wie dem LBA immer wieder unsere Unzufriedenheit über die aktuelle Lage äußern.

Stichwort Klimaschutz: Die politische und gesellschaftliche Stimmung richtet sich derzeit stark gegen die Luftfahrt, insbesondere gegen die kommerzielle Luftfahrt. Wie siehst du in dieser Debatte den Luftsport positioniert, und welche Folgen drohen der Allgemeinen Luftfahrt in Deutschland aus einer eventuellen CO2-Steuer?

Bei Diskussionen um Umweltthemen, die die Belange des Luftsports betreffen, muss sich der DAeC beteiligen. Wir nehmen das ernst und engagieren uns hier nicht erst seit gestern. Hingewiesen sei auf unsere Broschüren und das Positionspapier zum umweltschonenden Fliegen. Weiterhin können wir argumentieren, dass Luftsportler auch Habitatschutz betreiben, indem sie ihre Flugplätze pflegen. Die Elektrifizierung der Fliegerei wird in den Akademischen Fliegergruppen vorangetrieben, der Ingenieursnachwuchs speist sich vielfach aus dem Luftsport – das sind alles Punkte auf der Haben-Seite. Natürlich ergeben sich beispielsweise aus der Energiewende, Stichwort Windräder, auch Konfliktpotenziale. Hier wollen wir dafür eintreten, dass die Entwicklung nicht zulasten der Sicherheit im Luftsport geht.

Du hast seit deinem Amtsantritt schon etliche Besuche in Behörden und Ministerien absolviert. Wie reagieren die Gesprächspartner auf den neuen DAeC-Präsidenten und seine Anliegen?

Tatsächlich sind viele von ihnen überrascht, weil Luftfahrt für sie Neuland ist. Zumeist trifft man aber auf offene Ohren und Verständnis für die eigenen Anliegen. Und wichtig ist dabei, dass ich den DAeC als Single Point of Contact, also zentralen Ansprechpartner, positionieren will. Wenn es Fragen betreffend den Luftsport oder die Allgemeine Luftfahrt gibt, soll man uns als kompetenten Partner ansprechen. Wir können dann überlegen, wer innerhalb des Verbandes derjenige ist, der die Antwort geben kann. So werden wir als starke Inte­ressenvertretung wahrgenommen.

Das Problem des fehlenden Nachwuchses ist seit Jahren auch beim DAeC Thema, wenngleich die Mitgliederzahl seit 2010 recht konstant und zuletzt sogar gestiegen ist. Die Luftsport­jugend als Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche hat sich aber in den letzten Jahren wenig ernst genommen gefühlt. Wie willst du da zu einem neuen Weg im Umgang beitragen?

Entscheidend für mich ist, die Jugend mit einzubeziehen. In NRW ist die Jugend mit einem Vertreter in jedem Organ vertreten, und das wünsche ich mir auch auf Bundesebene – mit einem angemessenen Stimmrecht für die Luftsportjugend auf der Hauptversammlung. Und natürlich müssen wir alten Säcke dann auch deren Kritik aus­halten und ihre Ideen ernst nehmen.

In anderen Ländern wie beispielsweise den USA oder der Schweiz haben Industrie und Militär die Bedeutung von GA und Luftsport als Hort des fliegerischen Nachwuchses längst erkannt und unterstützen entsprechend. Warum ist das in Deutschland, dem größten GA-Akteur in Europa, nicht so?

Ich weiß es nicht. Aber auch das Thema müssen wir anpacken. Die Segelflugaus­bildung angehender Luftwaffenoffiziere, über die der aerokurier jüngst berichtet hat, ist ein erster Schritt, um dem Militär die Bedeutung des Luftsports vor Augen zu führen. Und was die Industrie angeht, scheint es ein beidseitiges Versäumnis zu sein. Den Firmen ist nicht bewusst, welches fachliche Know-how hier liegt, Stichwort Akafliegs und Pilotennachwuchs. Dem DAeC ist es in der Vergangenheit offenbar nicht gut genug gelungen, das der Industrie zu kommunizieren. Erste Kontakte konnte ich diesbezüglich jüngst auf der 1. Deutschen Luftfahrtkonferenz in Leipzig knüpfen.

Der DAeC lebt überwiegend von ehrenamtlichem Engagement. In unserer Dienstleistungs- und Erlebnisgesellschaft geht es aber zunehmend um den eigenen Spaß nach dem Motto „Unterm Strich zähl‘ ich“. Wie ist der Stand beim DAeC? Muss der Verband künftig verstärkt auf hauptamtliche Kräfte setzen? Oder sollte er eher das Ehrenamt attraktiver machen?

Das Hauptamt ist sicher ein Thema, das an vielen Stellen helfen kann, um die Arbeit überhaupt zu bewältigen, vor allem in der Bundesgeschäftsstelle in Braunschweig. Es birgt aber auch die Gefahr der Abkopplung, gemäß dem Motto: Lass den mal machen, der macht das beruflich. Gute Chancen, die Verbandsarbeit attraktiver zu machen, sehe ich in mehr projektbezogener Arbeit, weil so für jeden einzelnen auch mal ein Ende absehbar ist. Ganz generell muss der Luftsport die Rhöngeist-Denke überwinden und Modelle finden, mit denen sich das Fliegen in die moderne Gesellschaft mit ihren enger getakteten Zeitplänen integrieren lässt. Und wir müssen darauf achten, dass Erfahrungen und Kenntnisse der Älteren sukzessive an die Jugend weitergegeben werden.

Du hast noch weitere Ehrenämter, unter anderem beim Aeroclub und Landessportbund in NRW. Wird das nicht zu viel oder sorgt mitunter für Interessenskonflikte?

Den NRW-Vorsitz gebe ich im November ab. Die Funktion des Vizepräsidenten Finanzen im LSB behalte ich aber, weil das Netzwerk auch für die Arbeit im DAeC wichtig ist. Tatsächlich ergeben sich viele Ehrenämter automatisch, wenn man irgendwo aktiv ist.

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