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Corona-Shutdown: Die Krise und die Luftfahrt
Christoph Graif

Luftsport und Corona

Ausstieg aus dem Lockdown

Seit Ende Februar ist der Luftsport angesichts der Corona-Krise nahezu völlig zum Erliegen gekommen. Jetzt mehren sich Stimmen, Szenarien für eine schrittweise Wiederaufnahme des Flugbetriebs zu enwickeln. Rheinland-Pfalz prescht vor.

Die Appelle von DAeC-Präsident Stefan Klett, der Bundeskommission Segelflug und mehrerer DAeC-Landesverbände waren eindringlich: Seid solidarisch und fliegt nicht, solange das Virus am Boden das Leben weitgehend lahm legt. Da in den meisten Allgemeinverfügungen der Länder auch eine Schließung der Sportstätten festgelegt ist und klassischer Vereinsbetrieb untersagt wird, sahen die meisten Luftspotvereine keine andere Möglichkeit, als ihren Flugbetrieb einzustellen oder den Saisonstart auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Allerdings: Die Debatte um die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen schwelte die ganze Zeit, schien doch das Risiko für eine Ansteckung bei aller notwendigen Vorsicht vergleichsweise gering. Zentrales Argument der Befürworter des Flugverzichts war die erwartete schlechte Außenwirkung, wenn Luftsportler trotz Corona-Shutdown ihrer ohnehin oft kritisch gesehenen Freizeitbeschäftigung nachgehen. Inzwischen mehren sich allerdings Stimmen, die eine vorsichtige Wiederaufnahme der Freizeitfliegerei befürworten, und mancher Pilot hat seinem Ärger über die DAeC-Position bereits Luft gemacht. Unter letzteren ist Buchautor Winfried Kassera, der auf seiner Website harsche Kritik an der Linie des DAeC übt, dessen Aufgabe es seiner Meinung nach sei, das Fliegen zu ermöglichen und nicht, es zu verhindern.

Voran geht jetzt der Luftsportverband Rheinland-Pfalz. In einem Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer, mehrere Ministerien und alle Landtagsabgeordneten bittet dessen Präsident Ernst Eymann die Verantwortlichen darum, zu prüfen, inwiefern es möglich sei, den Luftsport unter bestimmten Bedingungen in eingeschränktem Maße wieder möglich zu machen. Eymann nennt diesbezüglich mehrere Punkte, die die Luftsportler dafür zu erfüllen bereit seien:

  • einhalten des vorgegebenen Mindestabstandes zwischen einzelnen Personen – auch bei flugbetrieblich notwendigen Einrichtungen wie der Flugleitung oder dem Windenbetrieb; eine unvermeidbare Unterschreitung bedarf der Nutzung eines Mundschutzes bei allen Beteiligten;
  • die Flugzeugbesatzung besteht nur aus einer Person, ausgenommen Mitglieder eines Haushaltes;
  • Reduzierung von Überprüfungsflügen auf das notwendige Maß, dabei zwingende Verwendung von Mundschutz bei Fluglehrer und Pilot;
  • bis auf weiteres Verzicht auf Schulflüge
  • Briefings nicht in geschlossenen Räumen und unter Einhaltung des Mindestabstandes
  • Anpassung der hygienischen Bedingungen an Flugplätzen (Handwaschplätze, Händedesinfektion)
  • weiterhin Aussetzen aller klassischen Vereinsaktivitäten wie Versammlungen, Ausflüge, Grillabende etc.

In einer Mail an den Verband erklärt Eymann sein Verständnis für den Ärger vieler Luftsportler, bei bestem Wetter am Boden bleiben zu müssen. "Wir haben das Glück, durch die Umsicht und Disziplin unserer Bürger und unser hervorragendes Krankensystem aktuell noch ganz gut durch die Pandemie zu kommen. Aus diesem Grund kann ich nur bitten, die Energie, die Einzelne entwickeln und 'Wer fliegen kann' und 'Wer darf' und 'Wer nicht kann' und 'Wer nicht darf' sein zu lassen und eure Energie in Lösungsvorschläge und Gespräche mit Behörden zu stecken, um unsere Situation zu erleichtern und Machbarkeiten zu finden." Dies gehe nicht durch Forderungen oder Beschimpfungen der zuständigen Behörden, sondern nur im Dialog. Aus diesem Grund wolle Eymann auf die Verantwortlichen zugehen und Lösungsvorschläge anbieten und bekommt auf Facebook dafür durchaus Unterstützung.

DAeC-Präsident Klett mahnt zur Zurückhaltung

Auch DAeC-Präsident Stefan Klett hat sich zur aktuellen Situation geäußert und auf ein Positionspapier zur Wiederaufnahme des vereinsbasierten Sporttreibens des Deutschen Olympischen Sportbundes verwiesen. Darin erklärt der DOSB, dass den Vertretern des Sportes in Deutschland die Verantwortung in der aktuellen Situation bewusst sei und man daran mitwirken wolle, das Sportgeschehen auf einem akzeptablen Maß wieder zu ermöglichen. Ziel sei, durch angepasste Regeln im Sport einerseits ein bestmögliches Maß an "sozialer Distanz" zu ermöglichen, um dabei auch weiterhin die Zahl der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus auf einem für das Gesundheitssystem beherrschbaren Niveau zu halten und andererseits auch der durch Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen resultierenden Vereinsamung und dem Bewegungsmangel sowie den hohen sozialen und psychischen Belastungen in den Familien entgegenzuwirken.

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Klett wies auf bevorstehende Abstimmungen zwischen der Bundesregierung und den Ländern hin und äußerte die Hoffnung, dass Ende der Woche der Shutdown in seinem aktuellen Ausmaß endet. Dann sei es an der Zeit, für die Aktivierung des Luftsports in Deutschland wieder einzutreten – ohne die Gesellschaft zu gefährden. Er sei sicher, dass dies unter Akzeptanz gelingen werde, wenn umsichtig agiert werde. "Der Luftsport muss, wie alle Sportarten in Deutschland auch, wieder seiner gemeinwohlorientierten Rolle als Stütze des gesellschaftlichen Zusammenlebens gerecht werden."

Allerdings übte Klett in einer Rundmail an DAeC-Gremien auch erneut Kritik an jenen, die sich bisher nicht an die Appelle hielten und weiter geflogen sind: "Die wenigen Egoisten, die unser gemeinsames Anliegen noch nicht verstanden haben, werden hoffentlich bald ein Einsehen haben. Danke nochmal beispielhaft an die Buko Segelflug für die klare Stellungnahme – der Luftsport braucht genau solche Signale."

Was die Wiederaufnahme des Flugsports angehe, müssten die Entscheidungen der nächsten Tage abgewartet werden, so Klett.

AOPA mit offensiven Forderungen

Die deutsche Aircraft Owners and Pilot Association stellt indes massiv die Forderung, die Luftfahrt wieder in Gang zu bringen. Auf ihrer Website hat sie unter dem Titel "Wenn es irgendwie geht - macht die Flugplätze wieder auf!" ein Statement zur aktuellen Situation abgegeben. Der Interessenverband verweist zunächst darauf, dass es in Deutschland keine generelle Ausgangssperre gebe, infolge derer sich jeglicher Freizeitflugbetrieb tatsächlich verböte. Wenn es aber als unschädlich betrachtet werde, trotz Covid-19 Auto zu fahren und im Kreise der Familie spazieren zu gehen, spreche auch nichts dagegen, mit seinen Familienangehörigen in die Luft zu gehen.

Die Verkehrslandeplätze, an denen – wenngleich mit Einschränkungen wie PPR – noch geflogen werde, zeigten, dass auch angesichts der Bedrohung durch das Virus sicherer Flugbetrieb möglich sei. Auch argumentiert die AOPA, dass viele Sonderlandeplätze derzeit geschlossen seien, weil man behördlicherseits unterstellt, dass dort ausschließlich Flugsport betrieben werde, und da Sportstätten geschlossen seien, das auch für Stätten des Luftsports gelten müsse. Dies sei der falsche Ansatz, weil Sonderlandeplätze vielmehr Teil der Verkehrsinfrastruktur seien. Dementsprechend sollte man es den Betreibern überlassen, ob sie den Betrieb aufrecht erhalten oder nicht.

Ob tatsächlich Sonderlandeplätze geschlossen worden sind, weil Behörden dort primär sporliche Aktivitäten verortet haben, konnte die AOPA auf Nachfrage nicht bestätigen. Klar dürfte aber sein, dass zahlreiche von Luftsportvereinen betriebene Sonderlandeplätze vom jeweiligen Platzhalter vorerst gesperrt wurden, weil die Allgemeinverfügungen vielfach explizit die Zusammenkunft in Vereinen und Sportstätten untersagen. Und man darf vermuten, dass es unglaubwürdig ist, wenn ein Verein, der regelmäßig Sportförderung beantragt oder den Begriff "Sport" im Namen trägt, ausgerechnet jetzt glaubhaft machen will, dass er keine primär sportlichen Ziele verfolgt, nur, damit er seinen Flugbetrieb aufrecht erhalten kann. Solange die Allgemeinverfügungen hier nicht entsprechend angepasst werden, ist das Anliegen der AOPA verständlich, wird sich aber kaum durchsetzen lassen.

Weiterhin kritisiert die AOPA, dass viele Verkehrsflughäfen aktuell komplett geschlossen seien, weil es kaum noch Linienverkehr gibt, der die Bereitstellung des Flughafenpersonals rechtfertigt. Hier werde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, heißt es, denn man könnte laut AOPA durchaus die Kontrollzone deaktivieren und den Flugbetrieb der Allgemeinen Luftfahrt im unkontrollierten Luftraum mit einer Minimalbesatzung an Bodenpersonal aufrechterhalten.

Schließlich bekräftigt die AOPA, dass es angesichts der Tatsache, dass die ganze Welt unter Covid-19 leide, für die Allgemeine Luftfahrt kein Business-As-Usual gebe und keiner jetzt Lustflüge zu tollen Destinationen durchführen und sich hinterher mit bunten Bildern in den sozialen Medien dafür feiern lassen wolle. Aber man sei der Ansicht, dass angesichts dieser schwierigen Zeiten in der Allgemeinen Luftfahrt so viel Normalität wie möglich beibehalten werden sollte. Nichts spreche gegen einen Rundflug, der den Motor vor Korrosion schütze, es dem Piloten erlaube, ihren Sicherheitsstandard zu halten und kleinen Charterunternehmen helfe, zu überleben. Gut für die Moral sei er in jedem Fall.

Hinweis: Der Artikel wurde am 15. April um 15.20 Uhr um den AOPA-Abschnitt ergänzt.

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