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GP von Italien

Segelflug-Grand-Prix Varese

5 Bilder

Richtige und falsche Entscheidungen zwischen seichtem Geblubber und brachialem Hangwind: Tilo Holighaus berichtet über seine Flüge am Rande der Alpen.

Urlaubsfeeling am Lago di Varese – darauf deuten zumindest die Fotos hin, die mancher Teilnehmer der sechsten Station des Segelflug-Grand-Prix mitbrachte. Vom 10. bis 17. Juni wurde der Wettbewerb am Flugplatz des Aero Clubs Adele Orsi westlich von Varese ausgetragen.

Sieben deutsche Piloten gingen in Varese an den Start, Tilo Holighaus und Mario Kießling flogen in der Gesamtwertung auf den zweiten und dritten Rang. Bei den mitunter schwierigen Bedingungen konnte der neue Ventus von Schempp-Hirth einmal mehr seine Leistungsfähigkeit beweisen – auch der Gesamtsieger Giorgio Galetto pilotierte das neue 18-Meter-Flaggschiff der Kirchheimer und machte den Dreifachsieg des Musters perfekt. Mit seinen OLC-Kommentaren gab Tilo Holighaus interessante Einblicke in die fliegerischen Herausforderungen, welche die Piloten zu meistern hatten:

Tag 1: Ein harter Kampf

Varese – Clusone – Mendrisio – Albino – Finish. 306,42 Kilometer

Der Tag ist ein harter Kampf! Viele Wolken beim Abflug, die aber bei der schlechten Sicht kaum auszumachen sind. Ich entscheide mich nach dem Abflug gegen die Hänge links und für die Cumuli im Flachen. Das klappt gut, immer wieder 1 bis 1,5 m/s Steigen. Galetto ist mit seinem neuen Ventus ein prima Guide – bei Bergamo verlieren wir ihn allerdings. Ab da wird es extrem schwierig: Abschirmung und schlechte Sicht. Ich taste mich vorsichtig in die milchige Suppe – immer hoch genug, um in das landbare Gelände bei Bergamo ’rausgleiten zu können. An der Wende bin ich völlig allein und entscheide mich für die ganz sichere Alternative fast 90 Grad links vom Kurs. Dort kreist unter einer Wolke ein Drachen, aber ich finde den Bart nicht. Es blubbert nur. Nachfolgende Teilnehmer ha- ben hier mehr Glück und holen mich dadurch wieder ein.

Der Rückflug ist aufregend: Jede Menge Quergräten sind zu überspringen, der nächste Bart kommt erst an der vorletzen. Mutiger geworden, fliege ich einen flotten Stiefel zur zweiten Wende, wo ich deutlich unter Hangkante ankomme. Danach versuche ich, im Hangaufwind tief geradeaus weiterzufliegen, dazu reicht aber die Brise nicht aus. Am Boletto bin ich so tief, dass ich nach Süden ausweichen muss. Kurz vor Alzate finde ich dann ganz unten im Flachen einen schwachen, rettenden Bart. Ich sortiere gedanklich um, vielleicht geht es heute nur ums Rumkommen. Prompt bin ich unterhalb Roncola so tief, dass ich schon den Turbo ziehen will. Aber ein Gleitschirm und zwei Bussarde helfen mir beim Ausgraben.

An der Wende finde ich wieder schwaches Steigen, aber selbst die gut sonnenbeschienenen Hänge auf dem Rückflug bringen kaum noch was. Wieder komme ich extrem tief unterhalb Roncola an – der Bart von eben steht aber nicht mehr. Mit wenigen Metern Reserve schaffe ich es gerade ins nächste Tal und finde knapp über den Bäumen „satte“ 0 bis 0,1 Meter Steigen. Um überhaupt an Höhe zu gewinnen, muss ich eng und langsam kreisen. Und da fühle ich mich im neuen Ventus richtig sicher.

Mühsam gewinne ich Meter für Meter Höhe, und zum ersten Mal seit mehr als einer Stunde keimt die Hoffnung wieder auf, es doch noch nach Hause zu schaffen. Mit viel Geduld klappt das letztlich auch, und ich bin nach der Landung ebenso erledigt wie glücklich.

Tag 4: Spannung pur

Varese – Barro Monte – Chiedo – Finish. 115,37 Kilometer

Fünf Prozent beträgt die Chance zu fliegen, heißt es am Morgen. Gegen Mittag steigt der Optimismus, am Nachmittag um drei Uhr geht’s los. Abflug knapp unter den anderen, also nicht optimal. Auf Ostkurs gibt es zwei Wolkenoptionen. Da sich das Gros des Pulks für den rechten Cumulanten entscheidet, nehme ich die linke Wolke – ein Fehler. Der Pulk steigt mit über 1,5 m/s weg, und bei mir zuckt es nicht mal. Aber noch bin ich sicher, südlich von Como ähnlich gutes Steigen unter den Wolken zu finden. Fehlanzeige!

Also weiter nach Osten zur Hügelkette kurz vor Alzate. Wieder nichts Gescheites. Ich bin schon ziemlich tief, sodass ich 30 Grad ab vom Kurs ins Flache muss und nur zusehen kann, wie sich die anderen unter den Wolken am Boleto ein Stockwerk höher vergnügen ... Wenigstens finde ich nach vielen vergeblichen Suchkreisen kurz vor den Seen nordöstlich von Alzate brauchbares Steigen, welches ich demütig mitnehme. Zwölf Kilometer vor der Wende kommen mir die ersten entgegen – somit habe ich in der ersten halben Stunde 25 Kilometer verloren!

Nach der Wende den anderen hinterherfliegen hilft beim Grand Prix nicht, also fliege ich fast 45 Grad ab vom Kurs links unter schönen Wolken. Und dort finde ich 1,8 bis 2,2 m/s Steigen! Nachdem es weiter auf Kurs gar nicht mehr so gut aussieht, steigt mein Optimismus, auch weil ich noch andere Flugzeuge sehe, es also Chancen auf ein paar „Gnadenpunkte“ gibt. Immer noch weit weg vom Kurs und den Bergen steuere ich südlich von Como einen einzelnen Cumulus an. Mir fehlen noch gut 200 Meter auf den Endanflug, und unter der Wolke sehe ich Christoph Limpert ordentlich steigen. Yippie! Im Endanflug sehe ich, völlig überrascht, mehrfach kreisende Flugzeuge unter mir – und das trotz meines enormen anfänglichen Rückstandes. Tatsächlich meldet sich nur Giorgio Galetto vor mir zur Landung, und ich passiere als Zweiter die Ziellinie. Wer hätte das gedacht!

Tag 6: Im Hangrausch

Laveno Start – Tamaro – Masino Sud – Varzo – Gavirate – Finish. 265,36 Kilometer

Nach dem Start über den Lago de Varese strahlt mir der Monte Rosa entgegen, kurz darauf liegt der Lago Maggiore majestätisch unter uns. Zunächst machen wir am Hausberg Campo di Fiori Höhe, bis wir sicher zur Abfluglinie bei Luino gleiten können. Dort geht es mühsam, aber stetig, nach oben. Ab 1500 Meter kann man in eine schwache Welle einsteigen, die auf Abflughöhe trägt.

Der Knackpunkt heute ist die erste Wende auf dem Berg südlich von Locarno. Direkt von Süden durchs Lee darauf zuzufliegen, traue ich mich nicht, also steuere ich mit den anderen außenrum um die Wende ins Luv. Dort aber kommt man im reinen Hangwind nicht zum Gipfel – der Wind steht noch nicht ausreichend stark auf den Hang. Es ist ein Kampf um jeden Meter. Erst der von Christoph Limpert weit draußen im Tal aufgemachte Bart trägt uns zum Gipfel. 

Weiter geht es überwiegend geradeaus im dynamischen Hangflug – brachiale Urgewalt! In den Turbulenzen fliegt mir meine halbe Ausrüstung durchs Cockpit! Aber es macht Spaß, die Hänge entlangzubrettern! Besonders gut geht der Legnone am Eingang zum Addatal. Oft ist man verleitet, gute Bärte mitzunehmen – richtig schnell geht es aber geradeaus im Hangwind an den Graten. Die Wende in Varzo ist noch mal eine Herausforderung, der enge Tal-einschnitt kanalisiert den Wind, das Saufen ist extrem. Kaum rum, schnell wieder zurück zum Taleingang Cento Valle – und tatsächlich geht es unten raus im Hang. Ruck, zuck wieder auf Endanflughöhe, die mir aber nichts nützt, weil Berge im Weg stehen. Noch zwei Kreise mit rund 4 m/s, dann langt es.

Überraschenderweise sind vor mir nur Jürgen und Giorgio am Platz – das macht Rang drei für heute und die Silbermedaille insgesamt. Die Quali für den World Grand Prix in Chile ist sicher. 

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