in Kooperation mit
Familie Krell

Erinnerungen

Meine Segelflieger-Kindheit

Sabine Krell hat ihre Kindheit zum größten Teil auf dem Segelflugplatz verbracht. Noch heute erinnert sie sich gern an diese Zeit, in der es für Kinder das Größte war, die Welt des Flugplatzes zu erkunden und hin und wieder einen Mitflug zu erleben.

Malmsheim, Sommer 1974.

Mein Bruder Georg und ich dürfen wieder einmal mitfliegen. Im Janus, hinten, mit Fallschirmgurt und Fliegerhut, so einer mit schmalem Rand rundherum. Die Sonne scheint, es ist Nachmittag, die meisten Segelflieger haben ihre Runden bereits gedreht, die Letzten sind noch in der Luft; die Winde schleppt heute von Richtung der Straße her. Manchmal steht sie auch oben am Wald.

"Wofür ist dieses Bändchen?", frage ich meinen Vater, als sich die Kuppel schließt und ein roter, etwa zehn Zentimeter langer Wollfaden sichtbar wird, der dort am höchsten Punkt aufgeklebt ist.

"Es zeigt die Flugrichtung an", antwortet er. Ich begreife sofort. "Wenn es senkrecht nach oben steht, haben wir ein Problem." Er lacht. Dann wird es ernst. Der Funkspruch – Alpha, Bravo, Charly, Delta, Echo, Foxtrott: mein Vater hat mir die ersten Buchstaben des Fliegeralphabeths beigebracht. Mein Bruder sitzt direkt vor mir, Diethard hält eine Tragfläche fest, damit der Janus in der Horizontalen bleibt. Ein paar Schritte noch läuft er mit, während die Winde – woooooooow – das Seil anzieht. Es holpert und rappelt, und es drückt meinen Bruder auf mich und mich in den Schalensitz. Endlich heben wir ab, sehen nur das Blaue des Himmels über uns, meinen Papa vor uns, seine weiß-orange gefleckte Mütze, die Nase des Flugzeugs und ich fühle mich so aufgeregt und geborgen, weil ich weiß, dass mein Papa dafür sorgt, dass dieses Abenteuer wunderbar wird.

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Mit dem Janus ging es von Malmsheim aus in die Luft.

Noch ein Moment, dann ein Klack, das Flugzeug begibt sich in die Horizontale zurück. Noch ein Funkspruch und dann ist Stille. Pures Glück. Wir spüren, wie wir von der Luft getragen werden unter dem sanften Schwingen der langen, schmalen Tragflächen. Die Sonne lacht uns zu, und wir spüren, dass die Luft draußen kalt ist, in dieser Höhe, etwa 300 Meter sind es, wenn das Seil ausgeklinkt wird. Es ist wunderbar. Wohl dem, der einen solchen Papa hat, denke ich. Na ja, vielleicht habe ich auch gedacht, dass mein Bruder ein bisschen vorrutschen sollte, weil es so eng ist und der Sitz so hart, und ich auch mal runtergucken möchte auf die Wiesen, Straßen, auf den Wald, den betonierten Landeplatz, den die Amerikaner und die Bundeswehr für ihre Fallschirmübungen benutzen und auf dem ich noch vor zwanzig Minuten mit meinem Roller langgefahren bin. Unten, am Ende des Platzes, beginnen meine Mutter und die Anderen, den Grillabend vorzubereiten, mit dem die Mitglieder der Segelfliegergruppe Ditzingen diesen Tag ausklingen lassen werden. So war es oft in den 70er und 80er Jahren. Ein glückliches, freies Leben, und dieser Blick von oben so unwirklich.

Fliegerlatein im Vereinsheim

Dann die Geschichten, die man sich erzählte und die mir durch den Kopf gehen, über die ich lachen muss, weil mein Vater sie immer so witzig erzählte, Georg und mir. Zum Beispiel saßen er und die Anderen, in den 70ern junge Familienväter, manche auch noch ledig, im "Casino", so hieß das bewirtete Vereinsheim des Leonberger Segelfliegervereins am Flugplatz in Malmsheim. Einer bestellte ein Schnitzel, und während die Anderen warten mussten, bis sie ihres endlich erhielten, probierten sie schon mal das Essen des Kameraden, der nach drei Minuten auf den leeren Teller sah, weil ein Schnitzel für zehn Jungs nun mal ziemlich wenig ist. Oder mein Onkel Günter, der Bruder meines Vaters, dem immer schlecht wurde während des Fluges. Die obligatorische Speitüte, die er bei jedem Flug füllte, die sehnsüchtigen Blicke, die er an einem gemeinsamen Fliegerausflug morgens der Schwarzwälder Kirschtorte schenkte, während er zum Käsebrot griff, um beim anschließenden Flug die Tüte nicht über Gebühr zu strapazieren; die Geschichten von einer gefundenen Tüte vor der eigenen Haustür (die natürlich geschwindelt war und dafür umso lustiger); die Fliegertaufe, die daraus bestand, dass der Neuling nach seinem ersten Freiflug nach der Landung vom gesamten Mitgliedertross empfangen wurde, der sich der Reihe nach aufstellte, um – jedes einzelne Mitglied – auf den nur mit einer Unterhose bekleideten Hintern einen Schlag zu platzieren, der den Neuling am Ende zu einem gestandenen Flieger machte. Eine Mordsgaudi, die die Männer natürlich immer unter sich ausmachten. Wir Kinder haben das nie mitbekommen.

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Das Fliegen in Samedan - immer ein Erlebnis.

Manchmal gab es auch gemeinsame Ferien, in denen sich die Männer mit ihren Familien in Samedan trafen, einem Dorf in den Schweizer Alpen mit einem kleinen Flugplatz. Die Männer flogen, Frauen und Kinder wanderten oder fuhren auf dem Gletscher Schlitten. Die faszinierenden Filmaufnahmen wurden später mit Musik unterlegt und allen Mitgliedern bei einem Treffen gezeigt. Meistens war die Musik eine Panflöte, und die Aufnahmen waren so kraftvoll im Ausdruck, die Berge mächtig, der glitzernde Schnee des Gletschers darüber und dieses Gefühl der unendlichen Freiheit, ich spüre das noch heute. Fliegen ist irgendwie magisch. Ich habe dieses Gefühl als Kind ganz intensiv wahrgenommen, auch dieses Glück, das die Männer empfunden haben, schon morgens, wenn mein Vater seinen Bruder angerufen hat, abgesprochen, wann man sich trifft. Sie hatten eine Telefonkette. Dann das Packen des Proviants, der orangene Kühlkoffer, den meine Mutter mit Fleisch, Grillwürsten, Nudelsalat und Getränken füllte, diese Aufgeregtheit, was wohl heute passieren würde, wer dort wäre, welche Abenteuer einen erwarteten.

Abenteuer nicht nur in der Luft

Für uns Kinder gab es nämlich nicht nur das Abenteuer in der Luft. Nein, nein! Die Fliegeranwärter zum Beispiel mussten sich auch um den Rückholwagen kümmern, das Fahrzeug, das das 1000 Meter lange Seil nach einem Windenschlepp wieder zum Startpunkt der Segelflugzeuge zurückholt, damit wieder neu eingeklinkt werden kann. Die Wagen hatten allesamt keinen TÜV, die Jungs noch keinen Führerschein – der Flugplatz war Privatgelände. Wir Kinder fuhren mit, nach dem Start einen Kilometer hin zur Winde, Seil holen, dann einen Kilometer wieder zurück zum Startplatz. Unterwegs wurden Kunststücke ausprobiert, das Fahren auf zwei Rädern, Schleudern auf dem Hartplatz, Vollbremsung. Wir Kinder übten uns im Umfallen auf den Rücksitzen – falls dort überhaupt Rücksitze waren. Erst kürzlich erzählte mir mein Vater, dass der allererste Rückholwagen ein Opel ohne (!) Karosserie gewesen sei. Ein wildes, freies Leben, auch für uns Kinder. Wir waren den ganzen Tag in der Sonne, spielten auf dem Gelände, keiner, der uns maßregelte oder kontrolliere; wir erkundeten den Wald, manchmal flogen wir mit, doch das gelang nicht immer, der Janus war sehr begehrt – auch die Fluglehrer brauchten ihn ja.

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Flugplatzszenerie 1974.

Georg und ich waren trotzdem oft auf solchen Flügen dabei. Zu Fliegen war besonders, aber doch auch wieder nicht, wir wuchsen ja damit auf. Meistens dauerten die Flüge nicht lange, waren oft nur Platzrunden, weil die Thermik nachlässt, wenn der Tag zuende geht. Es war immer schön und aufregend, der Start schöner als die Landung, aber auch die Landung hatte etwas. Mein Vater setzte den Flieger immer ganz weich auf die Wiese – der Betonplatz blieb dem Militär vorbehalten. Alles war gut organisiert. Sofort kamen ein, zwei Kameraden, die die Kuppel öffneten, uns Kindern heraushalfen und diskutierten, wer noch fliegt und wann man zusammenpackt. Es war eine intakte Gemeinschaft, bei der alle mithalfen. Fast alle hatten einen Spitznamen. Mein Papa war "Noah", mein Onkel "Aki", ein Korntaler Fluglehrer und bis heute ein guter Freund meiner Eltern ist "Mowe" (sprich: Moffe – die Abkürzung kam von der Signatur auf seinen Modellfliegern: Mo und We, für "Modell Weckerle"), einer hieß "Vetter", weil er der Vetter eines der Kameraden war, dann gab es noch "Schwäfi" (schwätzt viel …) und Bärtle (Norbert – Norbertle …). Ich kann mich nicht mehr an alle erinnern, aber es fühlte sich besonders an, diese Gemeinschaft, und für uns Kinder war das toll. Ein Tag, an dem mein Vater in der Luft war, war immer ein zufriedener Tag. Er strahlte dann Glück aus, an dem wir teilhatten. Es war eine tolle Zeit.

Die Zeit vergeht

Als wir an diesem Tag, von dem ich erzähle, aus dem Flugzeug stiegen, waren wir noch klein, fünf und sechs Jahre alt. Damals wussten wir noch nichts davon, dass die Gruppe Jahrzehnte später, durch Tod und gesundheitliche Probleme dezimiert werden würde. Mein Vater wurde irgendwann Vorstand bei den Ditzingern. Er hörte 2013 auf, "weil ich siebzig war", erzählt er "und weil ich nicht wollte, dass es heißt, Achtung, da kommt der Alte, da müssen wir aufpassen, dass das heute gut geht".

Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch zu dritt gewesen, mein Vater, Onkel Günter und Olaf. Mitte der 2010er Jahre schließlich löste mein Vater den Verein auf. Die Segelfliegergruppe Ditzingen bestand fast 40 Jahre, das ist enorm, vor allem, weil anfänglich gar nicht klar war, ob man überhaupt auf längere Zeit bestehen würde, weil man sich eigentlich nur zusammengeschlossen hatte, um aus dem Ursprungsverein bei den Korntalern herauszukommen, in dem es zu einer Zweilagerbildung gekommen war. Zu dieser Zeit arbeiteten sie immer donnerstagabends in einer Metallfirma, spendeten das Geld dem Verein, und konnten sich bald den ersten Flieger kaufen, dann den zweiten. In ihren besten Jahren besaß die Gruppe mit rund 15 Mitgliedern vier Flugzeuge! Im Winter stand immer eines davon zur Überholung bei uns in der Garage, dann wussten wir, dass die Saison bald wieder beginnen würde.

Familie Krell
Wolfgang "Noah" Hübner, Vater der Autorin, ist Dreh- und Angelpunkt an ihre Erinnerungen an die Segelfliegerkindheit.

Diese Zeilen schreibe ich aus meiner Erinnerung. Ob alles wahr ist, weiß ich natürlich nicht, man möge mir gegebenenfalls an der einen oder anderen Stelle eine von den Fakten abweichende Darstellung nachsehen. Ganz sicher ist, dass diese Faszination und dieses Gefühl von Glück und Sonne und Wärme und Freiheit für immer in meiner Erinnerung und in meinem Herzen bleiben werden, egal, wie alt ich werde, dieses Gefühl, ganz im Augenblick aufzugehen, dieses Gefühl, dass es etwas gibt, das uns trägt, einfach, weil wir leben.

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