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Kleiner Thüringer

UL-Hubschrauber COAX 2

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Ursprünglich hieß er Flip 2, und seine Entwicklung stammt aus Russland. Inzwischen wurde der Koaxial-Helikopter in Thüringen unter dem Namen COAX 2 weiterentwickelt. Anja Ernst und ihr Team von edm aerotec wollen den Zwei­sitzer für die UL-Heli­kopterklasse in Serie bauen.

UL-Hubschrauber COAX 2

Geisleden ist auf den ersten Blick ein verschlafenes Dorf am Westrand Thüringens. Ganz im Gegensatz dazu steht der Firmenkomplex von edm aerotec im Industriegebiet. Hier arbeiten unter der Geschäftsführung von Anja Ernst 22 engagierte Mitarbeiter an dem kleinen, kompakten Helikopter COAX 2, der, wenn alles nach Plan läuft, der erste echte UL-Helikopter in Deutschland sein wird. 

Aber der Reihe nach: Engelbert Dreiling, Inhaber eines Maschinenbauunternehmens in Geisleden, mit heute 130 Mitarbeitern, hat als leidenschaftlicher UL-Pilot die Idee, ein eigenes Luftsportgerät zu entwickeln. Entsprechende Werkzeuge und Formen könnten kostengünstig im eigenen Betrieb gefertigt werden. Er hat Kontakte zu Konstrukteuren aus Russland, und als 1999 erste Überlegungen reifen, in Deutschland eine eigene Klasse für UL-Helikopter zu etablieren, konkretisieren sich die Pläne in Richtung Drehflügler. Tochter Anja und ihr Mann teilen die  fliegerische Leidenschaft, auch sie sind seit 2007 UL-Piloten.

Da bereits früh feststeht, dass der Bruder einmal die Maschinenbaufirma übernehmen wird, erlernt Anja, heute 38 und Mutter zweier technisch begeisterter Söhne, den Beruf des Augenoptikers. Später arbeitet sie in der Konstruktionsabteilung und in der Verwaltung im elterlichen Unternehmen mit. Als klar wird, dass aus dem Projekt Helikopter was „Reales“ wird, gründet sie im April 2011 auf einem angrenzenden Areal von 2400 Quadratmetern ihre eigene Firma: die edm aerotec GmbH. Die Buchstaben edm stehen für Engelbert Dreiling Maschinenbau. Hauptaufgabe ist die Entwicklung und Fertigung von Leichthubschraubern, darüber hinaus werden dort auch Maschinen und Anlagen repariert und montiert. 

Die russischen Kontakte führen zum Prototyp Flip 2. Das Besondere: Der kompakte, leichte Zweisitzer hat einen Koaxialrotor mit vier Rotorblättern auf zwei gegenläufigen Ebenen. Das spart den Heckrotor, der beim klassischen Helikopter für den Ausgleich des Drehmoments zuständig ist. Die Flugtests in Russland verlaufen vielversprechend, denn die Russen haben großes Know-how im Bau von Koaxial-Hubschraubern. Im Laufe der Zeit entwickeln sich die Vorstellungen aber auseinander, und edm aerotec übernimmt die Weiterentwicklung des Fluggeräts in eigener Regie, baut Prototyp 2, unterstützt von Helikopter-Ingenieuren aus Deutschland. Chefkonstrukteur wird Markus Gebhardt. Die leichte Carbonzelle sitzt auf einem Rahmengestell aus genietetem Aluminiumblech. Das ausgereifte Koaxialsystem ist ausgesprochen eigenstabil und wird komplett übernommen. Die Carbon-Rotorblätter mit symmetrischem Profil werden im eigenen Betrieb nach einem selbst entwickelten Verfahren gefertigt. Der kompliziert aufgebaute Rotormast und das Getriebe sowie alle Formen und Maschinenteile stammen aus dem väterlichen Betrieb. Anja Ernst versichert, dass man dieses Know-how keinesfalls in fremde Hände geben werde. „Wir legen großen Wert auf die Sicherheit. Jedes Teil unserer Hubschrauber wird auch signiert und codiert. So kann man immer nachvollziehen, was in welcher Maschine verbaut ist. Damit halten wir das Risiko so klein wie möglich, dass etwas verbaut wird, was nicht durch uns autorisiert ist.“ Zudem kommen in der Erprobungsphase hochsensible Sensoren zum Einsatz, die exakt Abstände und Winkel der Blätter in der schnellen Bewegung im Fluge messen können und Aufschluss darüber geben, in welcher Situation und in welchem Ausmaß die Rotorblätter flappen, das heißt ausschlagen. 

COAX mit derzeit zwei Motorvarianten

Beim aerokurier-Besuch in Geisleden gibt es zwei Prototypen: Der COAX 2D, noch mit der ursprünglichen Zelle und  dem belgischen D-Motor (130 PS), absolviert mit Pilot Mario Grebenstein Flugtests auf dem nahe gelegenen Flugplatz Göttingen-Heilbad Heiligenstadt (Günterode). Rund 100 Flugstunden hat er absolviert. Beim COAX 2R, der jetzt eine neu designte Zelle hat, wird gerade der neue Rotax-Motor 912 iS eingebaut. Anja Ernst und ihr Team sind mit den ersten Leistungsergebnissen aber noch nicht zufrieden. „Da ist noch einiges Feintuning erforderlich.“ Die neue Zelle hingegen findet Gefallen. Sie ist runder, macht das Erscheinungsbild des Zweisitzers damit auch gefälliger. Hier stimmen die Proportionen, auch das Verhältnis zum hohen Mast des Koaxialrotors. Der schlanke Heckausleger mit Stabilisierungsflosse ist jetzt aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff, hat eine höhere Stabilität als der aus Aluminiumrohr gefertigte Heckausleger und ist zudem vibrationsärmer. 

Die Türen des COAX 2R gehen nach hinten auf, was nicht nur den Ein- und Ausstieg erleichtert, sondern auch den Ein- und Ausbau der Türen. Aufwendige Scharniere im Rahmen der Zelle sind somit überflüssig. Zur Verbesserung der Sichtverhältnisse sollen die Türausschnitte künftig eine erheblich größere Glasfäche bekommen. 

Das Doppelsteuer gehört zum Standard. Fliegt nur ein Pilot, in Deutschland vom rechten Sitz aus, kann die Steuereinheit der linken Seite per Schnellmontage entfernt werden, übrig bliebt ein kleines Stück Rohr, das am Boden aus der Mittelkonsole herausragt.  Im angenehm hohen Cockpit muss der Panelpilz noch etwas in Richtung Frontscheibe verlagert werden, um auch größeren Piloten ausreichend Kniefreiheit zu ermöglichen. Die bisher einfach ausgelegten Pedale werden mehrstufig justierbar. Die Instrumentierung erhält moderne Displays. Unterhalb des Motorraums gibt es noch Platz für ein Gepäckfach, denn unter den Sitzen befindet sich kein Stauraum, wie dies beispielsweise bei der zweisitzigen Robinson R22 der Fall ist. Das ist auch eine Gewichtsfrage, denn viel Spielraum gibt es in der UL-Klasse nicht. Das Leergewicht des COAX beträgt 250 Kilogramm, bei einer maximalen Startmasse von 450 Kilogramm, dem für UL-Hubschrauber festgelegten gültigen Grenzwert. Das Team in Geisleden arbeitet eng mit dem DULV (Deutscher Ultraleichtflug Verband) zusammen, um die erforderlichen Flüge mit geeigneten Erprobungspiloten zügig durchführen zu können. Die Entscheidung, ob und wann es in Deutschland eine eigene UL-Hubschrauberklasse geben wird, soll 2015 fallen. Bis dahin sollen die Zulassungsvorgaben für den COAX aber schon so weit erfüllt sein, dass eine mögliche Serienproduktion sofort starten könnte. Schließlich wurde schon viel Geld investiert, und zahlreiche Arbeitsplätze sind davon abhängig. 

Zur weiteren Nutzung des COAX gebe es schon Anfragen seitens der Polizei, sagt die edm-Chefin. Auch über ein Sprühsystem zur Mückenbekämpfung sowie über den Einsatz für Arbeits- und Überwachungsflüge sei schon laut nachgedacht worden. 

Dennoch rechnet Anja Ernst zuerst einmal mit Verkäufen für den reinen Spaßbereich. Dafür ist der UL-Helikopter ja schließlich auch ausgelegt. 180 000 bis 200 000 Euro soll er übrigens kosten.

Technische Daten

Daten COAX 2R

Hersteller: edm aerotec GmbH, Heuthener Str. 10, 37308 Geisleden, www.edm-aerotec.de 
Besatzung: 1+1 Antrieb: Rotax 912 iS Leistung: 74 kW/100 PS

Abmessungen:
Gesamtlänge: 5,55 m
Kufenbreite: 1,65 m
Höhe: 2,81 m 
Rotordurchmesser: 6,50 m

Massen und Mengen:
Leergewicht: 250 kg
max. Startmasse (MTOW): 450 kg
Tankvolumen: 48 l

Flugleistungen
Reisegeschwindigkeit: 150 km/h
Reichweite: 400 km

aerokurier Ausgabe 09/2014

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