28.08.2013
aerokurier

Teilnehmer Herbert Hocke berichtetLeserseminar Xwind+: So meistern auch Sie den Seitenwind

Machen Sie sich fit für den Seitenwind. Der aerokurier und das Team vom Seitenwindsimulator aus Itzehoe bieten gemeinsam Trainingsseminare von Piloten für Piloten an. Teilnehmer Herbert Hocke berichtet.

Schon lange hatte ich geplant, meine Fähigkeiten für Seitenwindlandungen zu verbessern. Bisher hatte ich mich nach der Methode „Versuch und Irrtum“ schrittweise selbst vorgewagt, natürlich immer mit einer gehörigen Portion Sicherheitsreserve. Jetzt wollte ich das Training aber professioneller angehen.
Ein Gespräch mit einem anderen Piloten brachte mich auf das Xwind Training Center Germany in Itzehoe. Der dort stehende Verfahrenstrainer ist bisher weltweit nur an sehr wenigen Orten verfügbar. Was mich reizte, war die Tatsache, dass man das Training ohne Risiko zunächst am Boden durchführen kann und zwar so lange, bis die Bewegungsabläufe in Fleisch und Blut übergegangen sind. Ich habe mich mit Krystian - einem befreundeten Piloten – darüber ausgetauscht. Und schon waren wir zwei, die das gleiche Ziel anstrebten. Kurz danach hat sich auch noch unser gemeinsamer Freund Stephan angeschlossen. In dieser Dreiergruppe wollten wir das Ziel nun erreichen.
Ein Termin mit Xwind in Itzehoe war schnell gefunden. Wir bekamen die Chance, am aerokurier-Leserseminar am 17. August 2013 teilzunehmen. Anja Wolffson, der Inhaberin des Training-Centers, sowie Trainer Rüdiger Braun, gleichzeitig Lufthansa-Kapitän, ausgesprochen freundlich begrüßt. Bei einem Snack haben wir Rüdigers theoretische Einführung in die Materie verfolgt. Er zeigte uns zunächst anhand von kurzen Videos gelungene und misslungene Seitenwindlandungen. Anhand eines Flugzeugmodells wurden danach die Wirkungen der verschiedenen Ruder vertieft. Nach der Theorie ging es zur Praxis.
Schnell wurde ich mit dem Simulator vertraut. Der Pilot sitzt angeschnallt wie im Flugzeug, hat aber nur Steuerhorn und Pedale zur Verfügung. Vor ihm wird auf einer großen Leinwand eine Runway ohne sichtbares Ende dargestellt.
Ziel ist es, zwei Laserpunkte auf der Leinwand so zu koordinieren, dass das Flugzeug nicht von der Centerline abdriftet. Zunächst versuchte ich es bei gleichmäßigem Seitenwind. Mit entsprechendem Vorhaltewinkel klappte das auf Anhieb, auch bei wechselnder Windstärke, drehenden Windrichtungen, Böen etc. Die Bedingungen regelte Rüdiger am Steuerpult.
In meiner bisherigen fliegerischen Vergangenheit habe ich versucht mir beizubringen, die Maschine kurz vor dem Aufsetzen mit Seitenruder so zu drehen, dass die Flugzeuglängsachse mit der Centerline eine Linie bildet. Meistens hat es geklappt. Wenn der Seitenwind aber zu stark war, wurde ich bei dieser Methode doch seitlich versetzt. Zudem besteht das Risiko, dass man die Drehung nicht rechtzeitig oder nicht koordiniert genug schafft. Es muss eine bessere Methode geben, die Rüdiger auch vermittelte.

Im Simulator an Grenzen herantasten

Seitenwindsimulator Anja Wolffson

Anja Wolffson betreibt den Seitenwindsimulator. Foto: Holland-Moritz  

 

Der Anflug erfolgt weiterhin mit Vorhaltewinkel, das Drehen der Längsachse des Flugzeuges auf die Centerline erfolgt etwas früher. Um das Abdriften zur Leeseite zu verhindern, kommt das Querruder zum Einsatz. Man nähert sich der Schwelle also mit gekreuzten Rudern in einem Slip-ähnlichen Flugzustand.

Im Simulator musste ich mich mit den beiden Laserpunkten vertraut machen. Der untere Laserpunkt, beeinflusst durch die Seitenruder, zeigt das Einhalten der Centerline im Anflug an. Der obere Laserpunkt zeigt die Ausrichtung der Flugzeugnase an. Mit etwas Übung gelangen mir so Landungen bei Seitenwindstärken, bei denen ich vor diesem Training niemals gestartet wäre. Auch Böen und drehende Winde konnte ich mit etwas Übung problemlos ausgleichen.

Im Laufe des Trainings sind mir die Laserpunkte lästig geworden. Also fragte ich Rüdiger, ob man das nicht auch „naturgetreu“ trainieren könne. Rüdiger schaltete die Laserpunkte aus. Jetzt fühlte ich mich wie im echten Flugzeug. Es war erstaunlich, die Koordination der Ruder gelang mir auch ohne diese Punkte sehr gut. Ich bat Rüdiger, alle Gemeinheiten ohne Ankündigung einzubringen. Der Simulatorsitz macht – angetrieben durch Motoren – die gleichen Bewegungen, wie man sie im Cockpit erlebt. Ich konnte kaum glauben, dass ich die Maschine in diesen wechselnden Situationen unter Kontrolle hielt. Als mir Rüdiger sagte, mit welchen Seitenwindstärken und Böen er bei mir „gespielt“ hatte, schaute ich ungläubig. Das Training hat mich einen Riesenschritt weitergebracht.

Am Ende des Trainingstages stand noch das Debriefing mit unserem Trainer Rüdiger. Er schien ebenso wie wir selbst mit unseren Erfolgen mehr als zufrieden zu sein. Wir hatten einen wunderschönen Tag, einen perfekten Trainer und eine Wohlfühlatmosphäre, um die sich Anja Wolffson sehr bemüht hat. Einfach ein rundherum gelungener Tag.
Immer wieder kommt die Frage auf, ab wann man solch ein Training mitmachen kann oder sollte. Eine ähnliche Frage habe ich gestellt, als ich kurz nach meiner praktischen Pilotenprüfung eine Alpeneinweisung absolvierte. Heute bin ich der Meinung: Alles so früh wie möglich, wobei sich ein präziser Zeitpunkt nicht definieren lässt. Er hängt von vielen Faktoren ab. Wenn man gerade die Ausbildung beendet hat, ist manches Wissen noch präsenter als bei langjährigen Piloten. Warum sollte man nicht auch ein Crosswindtraining irgendwie im Rahmen der Pilotenausbildung absolvieren? Aus meiner Sicht wäre es jedenfalls hilfreich, wenn ich an meine Ausbildung zurück denke.

Nach dem Training steht für mich fest, dass ich das im Simulator erreichte in der Praxis nicht ausreizen möchte. Im Simulator konnte ich risikolos trainieren. In der Praxis möchte ich immer eine Sicherheitsreserve haben.

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Herbert Hocke/pat



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