22.12.2017
Erschienen in: 08/ 2011 aerokurier

AlpenüberquerungIm Sichtflug nach Süden - VFR über die Alpen

Die Überquerung der Alpen im Sichtflug gehört zu den schönsten fliegerischen Erlebnissen im Leben eines Privatpiloten. Respekt vor den Bergen ist angebracht, Angst vor dem Alpen-Transit muss dagegen bei richtiger Vorbereitung und Ausrüstung niemand haben.

Eine Alpenüberquerung im eigenen Flugzeug setzt eine gute Vorbereitung voraus. Erfahrung im Bergfliegen ist auch von Vorteil, damit man vor allem über die Wetter- und Windverhältnisse und Notverfahren in den Bergen Bescheid weiß. Eine Alpeneinweisung durch einen erfahrenen Bergflieger eröffnet auch einem unerfahrenen Piloten die Faszination einer Alpenüberquerung. Eine gute Flugplanung sowie eine gute Wetterberatung sind unabdingbare Voraussetzungen für eine genussvolle Überquerung der Alpen.

Wir stellen mit diesem Beitrag drei von mehreren möglichen Routen über die Alpen vor, um das größte europäische Gebirge von Nord nach Süd (und umgekehrt) im Sichtflug und ohne Mitnahme von Sauerstoff zu überqueren.

(Kartenübersichten inklusive Markierungen finden Sie in der Bilderstrecke zu Beginn und am Ende des Artikels)

Brennerpass

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Der Brennerpass ist leicht am Bahnhof zu identifizieren. Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

Der Brennerpass gehört zu den Klassikern unter den Transalp-Routen. Mit einer Passhöhe von 4508 ft (1374 m) ist er der niedrigste Pass des Alpenhauptkamms in den Österreichischen Zentralalpen. Letzte Navigationspunkte in Deutschland sind Garmisch-Partenkirchen (1) und Mittenwald. Über Scharnitz (3) und Seefeld (4)geht es durch das Karwendel-Gebirge. Der Einflug in das Wipptal (6) beginnt bei Innsbruck (5). „Ein Überfliegen der Kontrollzone Innsbruck ist nicht drin“, sagt Peter Müller, ein erfahrener Alpenpilot und Fluglehrer, der mit Aviationtraining-Tirol auch Gebirgseinweisungen ab Innsbruck anbietet. „Die Lotsen sind so lange freundlich, wie man sie mit den richtigen Informationen versorgt“, beschreibt er die Erfahrungen der Controller mit Alpentransit-Piloten. Ab dem Pflichtmeldepunkt Sierra von Innsbruck (Europabrücke der Brennerautobahn) folgt man der Autobahn Richtung Süden. „Mit 6000 ft Flughöhe ist man gut bedient“, so Müller.

Der Brennerpass und damit der Grenzübergang nach Italien ist am großen Bahnhof und dem (kleinen) Brennersee (7) leicht zu identifizieren. Das Tal wird dann in Richtung Süden wieder deutlich breiter. Bei Sterzing/Vipiteno (8) beschreibt die Autobahn eine Linkskurve und folgt dem Tal des Eisack-Flusses über Franzensfeste (9) und Brixen (10). Das machen wir auch. Rechts vom Flugweg faszinieren die Sarntaler Alpen, links davon stehen die mächtigen Felsen der Dolomiten. Besonders am späten Nachmittag bei tiefem Licht ist der Blick aus dem Flugzeug in die Dolomiten einfach spektakulär.

Kurz vor Bozen dreht die Brennerautobahn nach Westen, um sich danach wieder nach Süden zu wenden. Genau südlich von Bozen (12) liegt der Flugplatz mit seiner 1297 m langen Nord-Süd-Piste. Alternativ bietet sich eine Landung im rund 60 km weiter südlich gelegenen Trento an. Bei hervorragenden Wetterbedingungen bietet sich als Alternative ab Sterzing auch ein Flug über das Penser Joch (9a) durch das Penser Tal (10a) und das Sarntal (11a) an. Allerdings sind hier mehr Höhenreserven gefragt, denn das Penser Joch ist mit 2211 m höher als der Brenner und erfordert eine Mindestflughöhe von 9000 ft.

Reschenpass

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Hinter dem Reschenpass öffnet sich der Vinschgau zu einem breiten Tal in Richtung Meran. Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

„Die Route über den Reschen ist ein wenig anspruchsvoller als die über den Brenner“, sagt Peter Müller. Als Startpunkt der Strecke in Deutschland wird häufig Füssen (1) gewählt. Danach geht es über Reutte (2), Lermoos (3) und den Fernpass (4) in Richtung Inntal. Bei Imst (6) folgt die Route der Autobahn nach Südwesten. Ab Landeck (7) führt die Alpentransit-Strecke nach Südosten und folgt der Bundesstraße 180 vorbei an Pfunds (9) hoch zum Reschenpass (10). Der Pass ist mit 1504 m (4935 ft) rund 400 ft höher als der Brenner.

Um ausreichend Höhenreserve für Notfälle zu haben, sollte man die Route über den Reschenpass nicht unter 7000 ft Höhe befliegen. Südlich des Passes, nahe des Ostufers des Reschensees ragt der Kirchturm von Alt-Graun aus dem See, der als künstlicher Stausee angelegt worden ist. Jetzt geht es erst ein wenig nach Süden, dann macht der Vinschgau eine deutliche Richtungsänderung nach Osten. Links vom Flugweg ragen die Ötztaler Alpen mächtig in die Höhe, während im Süden langsam die Berge der Ortler-Gruppe in Sicht kommen. Über Schlanders (12), Naturns (13) und Meran (14) geht es weiter nach Bozen. Der Vinschgau gehört zu den größten Obstanbaugebieten Europas und bietet zwischen Reschen und Bozen so gut wie keine Außenlandemöglichkeit.

San Bernardino

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Der San-Bernadino-Pass ist einer der wichtigsten Alpenübergänge. Er hat eine Scheitelhöhe von 2065 m. Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

Um aus dem Raum nördlich des Bodensees ins Tessin zu gelangen, empfiehlt sich der San-Bernardino-Pass. So kann bei Lindau (1) der Bodensee überquert werden, dann folgt man auf Südkurs dem Rheintal, dem flachen Grenzgebiet zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Der Flug wird verschönert durch den Säntis auf Schweizer Gebiet, gegenüber, also in Flugrichtung auf der linken Seite, reicht der Blick weit in den Voralberg hinein. Bei Sargans (2) liegt eine große  Talverzweigung und ein Autobahnkreuz. Nach rechts, also Richtung Nordwesten, käme bald einmal der Walensee und später der Zürichsee. Unser Fixpunkt ist aber der Flugplatz Bad Ragaz (3), der westlich von Rhein und Autobahn liegt. Nach links zweigt nun das Tal des Prättigaus in Richtung Klosters und Davos ab, dem aber nicht gefolgt werden darf.

Wir bleiben am Rhein und an der Autobahn und treffen bald auf Chur (4), die Hauptstadt des Kantons Graubünden. Östlich von Chur, bei Bonaduz, treffen Hinterrhein und Vorderrhein zusammen. Wir halten nach links und folgen weiterhin der Autobahn. Bei Thusis (5) muss die minimale Höhe von 8000 ft erreicht sein, welche für die Passüberquerung notwendig ist. Hier gibt es eine weitere Talverzweigung: Wir bleiben auf Südkurs und fliegen dem Tal entlang, das später einen Knick macht Richtung Südwesten. Hier sind wir im Gebiet von Rheinwald, unten ist immer noch die Autobahn A13. Dieser folgen wir auch strikt, denn nach links zweigt der Splügenpass ab, der auf italienisches Gebiet zum Comersee führt.

Bei Hinterrhein (6) macht das Tal wieder einen Knick nach Süden, die Autobahn verschwindet im 6,6 km langen Tunnel. Hier überqueren wir die Passhöhe, die 6775 ft beträgt. Bei der Ortschaft San Bernardino (7), die diesem neben dem Gotthard zweitwichtigsten Alpenübergang der Schweiz den Namen gibt, taucht die Autobahn wieder aus dem Tunnel auf. Nun sind wir im Misox, das noch zum Kanton Graubünden gehört, die Bevölkerung aber bereits italienisch spricht. Zuunterst im Tal kommen wir am ehemaligen Militärplatz San Vittore (LSXV) vorbei, der noch für alpine Segelfluglager genutzt wird. Dann sehen wir schon Bellinzona (8), den Hauptort des Kantons Tessin und bald darauf folgt der Flugplatz Locarno-Magadino (9).

aerokurier Ausgabe 08/2011

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