13.09.2015
Erschienen in: 07/ 2014 aerokurier

Matevž Lenarčič im InterviewFliegen ist Selbstfindung

Matevž („Mateusch“) Lenarčič liebt das Extreme. Mit dem UL hat er die Welt umrundet und den Nordpol überflogen. Was ihn dabei antreibt und warum er sich um die Erde Sorgen macht, erzählt er im Interview.

Pilot Matevz Lenarcic

Pilot Matevž Lenarčič gibt sich im Interview mit dem aerokurier zutiefst entspannt. Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

Du hast zwei Mal die Welt umrundet und bist über den Nordpol geflogen – und das alles mit dem UL. Was treibt dich an?
Ganz einfach: Ich möchte meine Träume leben. Die Welt ist schrecklich kompliziert und auch ein bisschen verrückt. Aus dem Cockpit habe ich eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Ich lasse mich inspirieren und finde zu mir selbst.

Muss es gleich so extrem sein?
Als ich 2002 mit einer STOL CH 701 startete, wollte ich für ein Buch eigentlich nur durch Russland fliegen. Herausgekommen ist eine Dreiviertel-Weltumrundung, die wegen sturer Behörden vorzeitig in Kanada endete.

Mit einem gerade mal 115 PS starken Motor fliegst du über unwirtliche Gegenden und überquerst Ozeane. Warum nimmst du das Risiko in Kauf?
Ich bin jetzt 54 Jahre alt und weiß genau, was ich tue. Um solche Reisen zu unternehmen, solltest du mit dir selbst im Reinen sein und deine Emotionen im Griff haben. Ich denke, das ist bei mir der Fall.

Das klingt jetzt beinahe philosophisch. Gab‘s denn nie eine Situation, in der du es mit der Angst zu tun bekommen hast?
Natürlich gab‘s die. Das Wetter sorgt immer wieder für Adrenalinschübe. Insbesondere Gewitter sind oft nicht vorhersehbar. Vereisung ist auch so ein Punkt, an dem es mit der Einmot schnell ungemütlich wird. Bei meinem Flug über den Nordpol gab es einige Momente, die nicht lustig waren. Mit meinem Kollegen Domen Grauf habe ich da aber exzellente meteorologische Unterstützung in der Heimat – übers Satellitentelefon sind wir immer in Kontakt, wenn es kritisch wird. Am Ende gehört halt auch ein kleines bisschen Glück dazu.

Technisch lief also immer alles rund?
Nicht ganz. In Namibia hat mal der Turbolader des Rotax 914 Öl gespuckt. Da war ich heilfroh, dass ich den 25 Meilen entfernen Flugplatz Keetmanshoop gerade noch im Gleitflug erreicht habe. In Kanada hatte sich Wasser im Seitenruder gesammelt, das gefroren war und im Flug für heftige Schwingungen sorgte. Trotzdem: Mit dem slowenischen Flugzeugbauer Pipistrel habe ich einen exzellenten Partner, dem ich voll vertraue.

Mit 247 km/h um die Erde

Warum fliegst du solche Strecken ausgerechnet mit einem Leichtgewicht wie der Virus SW?
Mit größeren Flugzeugen wäre so etwas doch langweilig. Die Virus ist schnell und unglaublich effizient. Bei meiner Weltumrundung vor zwei Jahren hatten wir eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 247 km/h bei einem Verbrauch von 18 Litern in der Stunde. Ich war auf Tuchfühlung mit dem Mount Everest und habe in 369 Stunden 91 000 Kilometer zurückgelegt. Ich möchte einfach auch zeigen, welches Potenzial in dieser Flugzeugklasse steckt. Nicht umsonst stehen die Flüge unter dem Motto ‚GreenLight WorldFlight‘ – es geht um effizientes und umweltfreundliches Fliegen. Fairerweise muss ich aber sagen, dass Pipistrel das Flugzeug für Langstrecken modifiziert hat und es nicht ganz der Serie entspricht. Es wurde aufgelastet und hat größere Tanks.

Klein und leicht – ist das also die Zukunft der Allgemeinen Luftfahrt?
Natürlich. Deregulierung ist die Lösung! Die Probleme in der Allgemeinen Luftfahrt sind doch überall auf der Welt dieselben. Die vielen Vorschriften machen das Fliegen doch eher gefährlicher statt sicherer. Die Kosten laufen aus dem Ruder. Die Ultraleichtklasse hingegen zeigt, was im Limit von nur 450 Kilogramm Abflugmasse alles möglich ist. Viele der Flugzeuge sind so gut, dass sie auch problemlos mit 700 Kilogramm Abflugmasse starten könnten, wenn es denn erlaubt wäre. Auch der Aufwand, den PPL zu machen, ist viel höher als bei der UL-Lizenz. Übrigens, noch ein schönes Beispiel für Behördenwillkür: Als ich die Beringstraße zwischen Russland und Alaska überqueren wollte, wurde ich über IFR-Routen 800 Kilometer weit aufs eisige Meer hinaus geschickt, statt dass die Lotsen mich direkt hätten nach Sichtflugregeln fliegen lassen. Das wären dann nur 100 Kilometer übers Wasser gewesen.

Umweltschutz ist auch so ein Thema, das dir am Herzen liegt.
Ja, von Haus aus bin ich Biologe, auch wenn ich schon lange nicht mehr in diesem Beruf gearbeitet habe. Das Flugzeug ist mit Sensorik ausgerüstet, die die Feinstaubkonzentration in der Atmosphäre misst. Das ist aber nur ein Aspekt. Es ist erschreckend, welche Auswirkungen der Umweltverschmutzung man aus dem Cockpit schon mit bloßem Auge sieht. Tote Wälder, gigantische Dunstglocken, schmelzende Gletscher. Dann gibt es auch Ecken, die so unglaublich schön sind, dass es einem glatt den Atem verschlägt. Die Erde ist so zerbrechlich!

All das dokumentierst du mit beeindruckenden Fotos.
Ja, das gehört definitiv dazu! Schließlich habe ich ein Unternehmen für Luftbildfotografie und Kartographie. Mit Bildbänden verdiene ich mir ein paar Euro dazu.

Mal ehrlich: Kann man mit solchen Flügen Geld verdienen?
Nein, definitiv nicht. Ich habe zwar Sponsoren wie Pipistrel, MT-Propeller und Rotax, unterm Strich kosten die Reisen aber auch viel privates Geld. Auch das Flugzeug habe ich gekauft.

Hast du eigentlich Kontakt zu anderen Weltumrundern?
Ja, die Earthrounders treffen sich regelmäßig, dieses Jahr zum Beispiel in Sankt Petersburg. Da trifft man echt viele interessante Typen.

Was hast du als Nächstes vor?
Ideen habe ich durchaus, aber man muss ja nicht alles verraten.

Hintergrund: Einmotorig um die Welt

Virus SW in Eureka in Kanada

Abstellplatz in Eureka im äußersten Norden Kanadas. Foto und Copyright: Matevž Lenarčič  

 

Zweimal ist der slowenische Pilot Matevž Lenarčič mit dem UL um die Welt geflogen. 2004 ging es mit dem UL-Motorsegler Sinus ostwärts rum, 2012 in der Virus SW westwärts. Im Frühjahr 2013 hat er zudem dem Nordpol einen Besuch abgestattet (Foto). Der Flugzeughersteller Pipistrel hat seinen Composite-Schulterdecker Virus SW für das Projekt GreenLight WorldFlight umgerüstet. 4000 Kilometer Reichweite, bis zu 9000 Meter Flughöhe und die Fähigkeit, bei Temperaturen zwischen minus 50 und plus 50 Grad Celsius zu operieren, zeichnen das Flugzeug aus. Zugelassen ist diese Virus mit 750 Kilogramm MTOW als Experimental.

aerokurier Ausgabe 07/2014

Mehr zum Thema:
Patrick Holland-Moritz


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