13.07.2015
Erschienen in: 10/ 2014 aerokurier

UL/LSATragschrauber-Duo

Mit zwei Gyrokoptern in Formation unterwegs. Dieses Rundflugkonzept funktioniert, denn es bietet den Passagieren ein besonderes Flugerlebnis im offenen Fluggerät.

igentlich stand ich Tragschraubern immer recht skeptisch gegenüber. Mir als Flächenpilot schienen die Fluggeräte strukturell etwas zu sehr abgespeckt, sodass ich gerne einen Bogen um die Gyrokopter machte. Doch dann kam unsere Silberhochzeit, und unsere Nachbarn überraschten meine Frau und mich mit einem besonderen Geschenk: einem Forma­tionsflug mit zwei Tragschraubern. Angefangen vom Geschenkgutschein bis zur Präsentation im Internet machte das Ganze einen soliden und sympathischen Eindruck. Also haben wir unsere Kalender verglichen und uns auf einen Termin geeinigt, an dem wir in die Luft gehen wollten. Sichtflug.com bestätigte den Termin, und die Uhr tickte.

Zum vereinbarten Zeitpunkt treffen wir in Bonn/Hangelar ein. Robert Krause (42), Inhaber von Sichtflug.com und Pilot einer der beiden Tragschrauber, empfängt uns. Dann stößt auch Uwe Pütz (46), Inhaber von Gyro-Sky.de, mit seinem ebenfalls knallorange lackierten Gyrokopter dazu, und beide weisen uns bei einem Rundgang um die Tragschrauber in die Technik des MTOsport von AutoGyro ein. Direkt hinter dem Passagiersitz verrichtet ein Rotax 912 seinen Dienst und gibt seine Kraft an den Druckpropeller und bei Bedarf an den Rotor ab, der für den Auftrieb dieses Luftsportgeräts sorgt. Bei sommerlichen Temperaturen ziehen wir uns die schwarzen Overalls an, besprechen die gewünschte Flugstrecke und entern die Passagiersitze. Meine Frau fliegt bei Uwe mit, ich sitze – mit Kamera bewaffnet – hinter Robert. Über das im Helm integrierte Headset mit Intercom ist die Verständigung laut und klar. Aufrollen auf die Piste, den Rotor auf Drehzahl bringen, und schwupp ist der MTOsport nach wenigen Metern in der Luft. Er steigt wie Hulle, und in kürzester Zeit sind wir auf Reiseflughöhe. Obwohl ich die Region aus dem Einmot-Cockpit schon gefühlte tausendmal gesehen habe, begeistert mich die Sicht aus dem offenen Cockpit. Ich habe das Gefühl, auf einem bequemen Gartenstuhl mit Logenplatz am Himmel zu sitzen. Uwe schließt mit seinem Gyrokopter auf der rechten Seite zu uns auf. Die Plexiglasscheibe vor dem Passagier hält den Fahrt- und Rotorabwind gut ab. Trotzdem ist es ganz schön zugig, und die Overalls leisten gute Dienste.

Robert Krause hatte sich bereits früher schon mal mit der Fliegerei beschäftigt, aber hatte den richtigen Einstieg nicht gefunden. Als vor sieben Jahren die Tragschrauber auch in Deutschland aufkamen, sprang der Funke auf ihn über, und er machte in Hildesheim seine Tragschrauberlizenz. Dort traf er Uwe Pütz, und die beiden beschlossen, nach der Ausbildung fliegerisch gemeinsam etwas zu wagen. Nach etlichen Flugstunden, dem Erwerb der Lehrberechtigung und Anfragen von Fotografen und potenziellen Passagieren nach Mitfluggelegenheiten gründeten beide jeweils eine Firma, um Rundflüge mit Tragschraubern gewerblich anzubieten. Sie suchten sich bewusst Bonn/Hangelar als Standort aus, „denn von dort ist man innerhalb kurzer Zeit über interessanten Zielen“, begründet Robert die Standortwahl. Obwohl beide eine eigene Firma haben, sind ihre Spezialität doch Partnerrundflüge. Dieses Angebot sprach sich schnell herum, und nun sind sie regelmäßig als Gyrokopter-Duett mit Passagieren unterwegs.

Neben dem Rhein und der Kölner Innenstadt und Bonn fliegen die beide Piloten ihre Passagiere zum Beispiel zum Drachenfels, in die Eifel, an die Mosel, zum Nürburgring, über den Vergnügungspark Phantasialand oder zum Tagebau im Rheinischen Braunkohlenrevier.

Mitfliegen kann fast jeder

ae 10-2014 Gyrokopter (01)

Start mit dem Gyrokopter. Foto und Copyright: Thomalla  

 

„Man sollte mindestens zwölf Jahre alt sein und einen gewissen Reifegrad mitbringen, um mitzufliegen“, erläutert Robert. Nach oben hingegen gibt es keine Altersgrenze. Er erinnert sich gern an seinen ältesten Passagier, einen ehemaligen Piloten, der mit 92 Jahren in den MTOsport zu ihm gestiegen ist. „Wir haben auch Stammkunden, die mehrmals wiederkommen“, berichtet Robert. Selbst auf die Ostfriesischen Inseln zum Inselhüpfen sind die beiden schon mit Passagieren geflogen.

Anfänglich hatten sie gedacht, dass es sich um ein reines Saisongeschäft handeln würde, doch mittlerweile fliegen Robert und Uwe auch im Winter. Dann allerdings mit elektrisch beheizter Kleidung und Sturmhaube unter dem Helm. Trotz der Vibrationen, die der Technik des Tragschraubers geschuldet sind, eignet sich das Fluggerät auch hervorragend für Luftbildfotografen. Regelmäßig bedienen die beiden Piloten Anfragen von Fotografen für Landschafts- oder Immobilienaufnahmen.

Als Golf-Oscar-Formation meldet uns Robert beim Tower von Köln/Bonn an. Uns wird ein tiefer Überflug über die Piste 14L genehmigt. Aus dieser offenen Perspektive habe ich den Flughafen auch noch nicht erlebt. Nach der Hälfte der Piste drehen wir in Richtung Turm ab und setzen Kurs auf Sierra. „Abhängig von der Verkehrssituation wird uns das nicht immer genehmigt“, sagt Robert. Über die Siegmündung geht es zurück in die Platzrunde von Hangelar. Der Anflug erscheint mir als Motorflieger viel zu hoch, aber kurz vor der Piste geht es wie im Fahrstuhl runter. Wir setzen auf, rollen kurz aus und biegen auf den Rollweg ab. Der zweite Gyro landet ebenfalls und rollt neben uns. Als die Rotoren stillstehen, geht es in Formation zurück zur Tankstelle. Meine Frau lächelt mir zu, und ich überlege, wo und wie ich meine Tragschrauberlizenz erwerben kann.

aerokurier Ausgabe 10/2014

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Volker K. Thomalla


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