05.10.2017
Erschienen in: 09/ 2017 aerokurier

GP von ItalienSegelflug-Grand-Prix Varese

Richtige und falsche Entscheidungen zwischen seichtem Geblubber und brachialem Hangwind: Tilo Holighaus berichtet über seine Flüge am Rande der Alpen.

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Urlaubsfeeling am Lago di Varese – darauf deuten zumindest die Fotos hin, die mancher Teilnehmer der sechsten Station des Segelflug-Grand-Prix mitbrachte. Vom 10. bis 17. Juni wurde der Wettbewerb am Flugplatz des Aero Clubs Adele Orsi westlich von Varese ausgetragen.

Sieben deutsche Piloten gingen in Varese an den Start, Tilo Holighaus und Mario Kießling flogen in der Gesamtwertung auf den zweiten und dritten Rang. Bei den mitunter schwierigen Bedingungen konnte der neue Ventus von Schempp-Hirth einmal mehr seine Leistungsfähigkeit beweisen – auch der Gesamtsieger Giorgio Galetto pilotierte das neue 18-Meter-Flaggschiff der Kirchheimer und machte den Dreifachsieg des Musters perfekt. Mit seinen OLC-Kommentaren gab Tilo Holighaus interessante Einblicke in die fliegerischen Herausforderungen, welche die Piloten zu meistern hatten:

Tag 1: Ein harter Kampf

Varese – Clusone – Mendrisio – Albino – Finish. 306,42 Kilometer

Der Tag ist ein harter Kampf! Viele Wolken beim Abflug, die aber bei der schlechten Sicht kaum auszumachen sind. Ich entscheide mich nach dem Abflug gegen die Hänge links und für die Cumuli im Flachen. Das klappt gut, immer wieder 1 bis 1,5 m/s Steigen. Galetto ist mit seinem neuen Ventus ein prima Guide – bei Bergamo verlieren wir ihn allerdings. Ab da wird es extrem schwierig: Abschirmung und schlechte Sicht. Ich taste mich vorsichtig in die milchige Suppe – immer hoch genug, um in das landbare Gelände bei Bergamo ’rausgleiten zu können. An der Wende bin ich völlig allein und entscheide mich für die ganz sichere Alternative fast 90 Grad links vom Kurs. Dort kreist unter einer Wolke ein Drachen, aber ich finde den Bart nicht. Es blubbert nur. Nachfolgende Teilnehmer ha- ben hier mehr Glück und holen mich dadurch wieder ein.

Der Rückflug ist aufregend: Jede Menge Quergräten sind zu überspringen, der nächste Bart kommt erst an der vorletzen. Mutiger geworden, fliege ich einen flotten Stiefel zur zweiten Wende, wo ich deutlich unter Hangkante ankomme. Danach versuche ich, im Hangaufwind tief geradeaus weiterzufliegen, dazu reicht aber die Brise nicht aus. Am Boletto bin ich so tief, dass ich nach Süden ausweichen muss. Kurz vor Alzate finde ich dann ganz unten im Flachen einen schwachen, rettenden Bart. Ich sortiere gedanklich um, vielleicht geht es heute nur ums Rumkommen. Prompt bin ich unterhalb Roncola so tief, dass ich schon den Turbo ziehen will. Aber ein Gleitschirm und zwei Bussarde helfen mir beim Ausgraben.

An der Wende finde ich wieder schwaches Steigen, aber selbst die gut sonnenbeschienenen Hänge auf dem Rückflug bringen kaum noch was. Wieder komme ich extrem tief unterhalb Roncola an – der Bart von eben steht aber nicht mehr. Mit wenigen Metern Reserve schaffe ich es gerade ins nächste Tal und finde knapp über den Bäumen „satte“ 0 bis 0,1 Meter Steigen. Um überhaupt an Höhe zu gewinnen, muss ich eng und langsam kreisen. Und da fühle ich mich im neuen Ventus richtig sicher.

Mühsam gewinne ich Meter für Meter Höhe, und zum ersten Mal seit mehr als einer Stunde keimt die Hoffnung wieder auf, es doch noch nach Hause zu schaffen. Mit viel Geduld klappt das letztlich auch, und ich bin nach der Landung ebenso erledigt wie glücklich.


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