05.10.2017
Erschienen in: 09/ 2017 aerokurier

GP von Italien (Teil 2) Tag 4: Spannung pur

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Varese – Barro Monte – Chiedo – Finish. 115,37 Kilometer

Fünf Prozent beträgt die Chance zu fliegen, heißt es am Morgen. Gegen Mittag steigt der Optimismus, am Nachmittag um drei Uhr geht’s los. Abflug knapp unter den anderen, also nicht optimal. Auf Ostkurs gibt es zwei Wolkenoptionen. Da sich das Gros des Pulks für den rechten Cumulanten entscheidet, nehme ich die linke Wolke – ein Fehler. Der Pulk steigt mit über 1,5 m/s weg, und bei mir zuckt es nicht mal. Aber noch bin ich sicher, südlich von Como ähnlich gutes Steigen unter den Wolken zu finden. Fehlanzeige!

Also weiter nach Osten zur Hügelkette kurz vor Alzate. Wieder nichts Gescheites. Ich bin schon ziemlich tief, sodass ich 30 Grad ab vom Kurs ins Flache muss und nur zusehen kann, wie sich die anderen unter den Wolken am Boleto ein Stockwerk höher vergnügen ... Wenigstens finde ich nach vielen vergeblichen Suchkreisen kurz vor den Seen nordöstlich von Alzate brauchbares Steigen, welches ich demütig mitnehme. Zwölf Kilometer vor der Wende kommen mir die ersten entgegen – somit habe ich in der ersten halben Stunde 25 Kilometer verloren!

Nach der Wende den anderen hinterherfliegen hilft beim Grand Prix nicht, also fliege ich fast 45 Grad ab vom Kurs links unter schönen Wolken. Und dort finde ich 1,8 bis 2,2 m/s Steigen! Nachdem es weiter auf Kurs gar nicht mehr so gut aussieht, steigt mein Optimismus, auch weil ich noch andere Flugzeuge sehe, es also Chancen auf ein paar „Gnadenpunkte“ gibt. Immer noch weit weg vom Kurs und den Bergen steuere ich südlich von Como einen einzelnen Cumulus an. Mir fehlen noch gut 200 Meter auf den Endanflug, und unter der Wolke sehe ich Christoph Limpert ordentlich steigen. Yippie! Im Endanflug sehe ich, völlig überrascht, mehrfach kreisende Flugzeuge unter mir – und das trotz meines enormen anfänglichen Rückstandes. Tatsächlich meldet sich nur Giorgio Galetto vor mir zur Landung, und ich passiere als Zweiter die Ziellinie. Wer hätte das gedacht!

Tag 6: Im Hangrausch

Laveno Start – Tamaro – Masino Sud – Varzo – Gavirate – Finish. 265,36 Kilometer

Nach dem Start über den Lago de Varese strahlt mir der Monte Rosa entgegen, kurz darauf liegt der Lago Maggiore majestätisch unter uns. Zunächst machen wir am Hausberg Campo di Fiori Höhe, bis wir sicher zur Abfluglinie bei Luino gleiten können. Dort geht es mühsam, aber stetig, nach oben. Ab 1500 Meter kann man in eine schwache Welle einsteigen, die auf Abflughöhe trägt.

Der Knackpunkt heute ist die erste Wende auf dem Berg südlich von Locarno. Direkt von Süden durchs Lee darauf zuzufliegen, traue ich mich nicht, also steuere ich mit den anderen außenrum um die Wende ins Luv. Dort aber kommt man im reinen Hangwind nicht zum Gipfel – der Wind steht noch nicht ausreichend stark auf den Hang. Es ist ein Kampf um jeden Meter. Erst der von Christoph Limpert weit draußen im Tal aufgemachte Bart trägt uns zum Gipfel. 

Weiter geht es überwiegend geradeaus im dynamischen Hangflug – brachiale Urgewalt! In den Turbulenzen fliegt mir meine halbe Ausrüstung durchs Cockpit! Aber es macht Spaß, die Hänge entlangzubrettern! Besonders gut geht der Legnone am Eingang zum Addatal. Oft ist man verleitet, gute Bärte mitzunehmen – richtig schnell geht es aber geradeaus im Hangwind an den Graten. Die Wende in Varzo ist noch mal eine Herausforderung, der enge Tal-einschnitt kanalisiert den Wind, das Saufen ist extrem. Kaum rum, schnell wieder zurück zum Taleingang Cento Valle – und tatsächlich geht es unten raus im Hang. Ruck, zuck wieder auf Endanflughöhe, die mir aber nichts nützt, weil Berge im Weg stehen. Noch zwei Kreise mit rund 4 m/s, dann langt es.

Überraschenderweise sind vor mir nur Jürgen und Giorgio am Platz – das macht Rang drei für heute und die Silbermedaille insgesamt. Die Quali für den World Grand Prix in Chile ist sicher. 


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