08.04.2017
Erschienen in: 03/ 2017 aerokurier

Flight TrainingSegelfliegen Sicherheitstraining

Mit Stall und Trudeln sind viele Segelflieger überfordert, ist Michael Zistler von der Fränkischen Fliegerschule Feuerstein überzeugt. Regelmäßige und konsequente Übung dieser Situationen könnte helfen, manchen Unfall zu vermeiden.

ae 03-2017 Segelflug Sicherheitstraining (01)

Wichtigstes Lernziel muss sein, einen überzogenen Flugzustand zu erkennen. Wird er schnell beendet, kommt es erst gar nicht zum Trudeln. Foto und Copyright: Lars Reinhold  

 

IN DIESEM ARTIKEL

Nicht nur im Motorflug, sondern auch im Segelflug finden sich überzogene Flugzustände oder gar Trudeln regelmäßig als Ursache von Unfällen in den Statistiken der BfU. Die Demonstration von Grenzflugzuständen und das Zurückführen in die Normalfluglage sind in der Ausbildung zur Segelfluglizenz vorgeschrieben. Aber unabhängig davon, wie intensiv, einprägsam und vor allem verständlich und somit beherrschbar das für den Flugschüler geübt wird, scheint zumindest für die Zeit nach dem Scheinerhalt festzustehen: Die teilweise sehr dynamischen und plötzlich auftretenden Flugmanöver mit ihren ungewohnt rasanten Bewegungen um die Achsen überfordern viele Piloten im Ernstfall! Ein harmloser Ausgang solcher „Schrecksekunden“ hängt dann oft maßgeblich von den Bedingungen der Ausgangssituation ab, etwa davon, wie viel Höhe das Flugzeug zum Zeitpunkt des Stalls noch hat oder wie schnell der Pilot Denk- und Handlungsblockaden überwinden und wieder handeln kann. Allemal entstehen für den ungeübten und überraschten Piloten hierbei in Sekundenschnelle Bedrohungssituationen mit massiver Ausschüttung von Stresshormonen, die seine kognitiven Fähigkeiten für den Moment massiv einschränken.

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Geht das Flugzeug ins Trudeln, sind viele Piloten überfordert. Wird das Ausleiten regelmäßig trainiert, können die Handlungsabläufe automatisiert werden. Foto und Copyright: Lars Reinhold  

 

Die Evolution hat für solche Stresssituationen eine Fluchtreaktion vorgesehen. Das ist aber eine denkbar schlechte Option, wenn man fest angeschnallt in einem gerade abkippenden oder trudelnden Segelflugzeug sitzt!

Man könnte Flugsicherheit mit der Formel fliegerische Fertigkeiten mal mentale Leistungsfähigkeit definieren. Durch die Multiplikation beider Faktoren soll deren Gleichwertigkeit ausgedrückt werden. Denn: es nützt mir nichts, wenn ich im Training etwas hundertprozentig beherrsche, dieses Können aber in der entsprechenden Situation durch mentale Blockaden erst gar nicht anwenden kann. Mal Null ist eben Null! Besser sind demnach die Erfolgschancen selbst bei fliegerisch weniger Versierten, die aber im Fall der Fälle die Übersicht und mentale Belastbarkeit behalten und die richtigen Reaktionen und Steuerbewegungen umsetzen können.

Schauen wir uns die beiden Faktoren einzeln an. Fliegerisches Können, bezogen auf unser Szenario „unusual attitudes recovery“, heißt zunächst, eine solche Situation in ihrer Entstehung erst einmal als Problem zu erkennen. Meiner Überzeugung nach ist das mit Abstand beste Mittel, Trudel-unfälle zu vermeiden, ganz einfach, das Trudeln selbst zu vermeiden – und erst in zweiter Linie zu lernen, das Trudeln zu beherrschen. Geringe Geschwindigkeit und hoher Anstellwinkel, das sind die primären Ausgangsbedingungen für überzogene Flugzustände. Wir sollten zunächst lernen, unsere Flugzeuge in genau diesem Zustand zu verstehen. Wir müssen sehen, hören und spüren, wie das aussieht, wie sich das anhört und anfühlt, wenn wir mit Mindestfahrt am Himmel umherschwabbeln wie eine reife Pflaume. Wie fühlen sich die Ruder in dieser Situation an? Idealerweise kommen wir in eine Art Dialog mit unserem Flugzeug und können sagen: Ja, ich verstehe dich. Ich weiß, dass du jetzt gleich zickst, wenn ich noch etwas ziehe. Okay, jetzt fällt der Flügel, das Fahrtgeräusch ist gleich ganz weg. Wie weich sind denn deine Ruder jetzt ...

Kunstflieger sind hier unter Umständen im Vorteil, weil sie ihre Flugzeuge häufig und vor allem bewusst in diese Bewegungen steuern, sie deren Reaktionen genau beobachten und dann möglichst punktgenau, ja fast intuitiv wieder ausleiten. Trudelrotationen brauchen verdammt viel Höhe, und schnelles Handeln ist deshalb angesagt. In anderen Gefahrensituationen – beispielsweise beim Seilriss im Windenstart – sind die meisten Segelflieger etwas besser vorbereitet, unter anderem auch deshalb, weil diese abrupten Startabbrüche mental besser präsent sind (guter Startcheck) und auch in der Praxis viel häufiger geübt werden.


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Lars Reinhold


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