29.10.2013
aerokurier

OLC Glider RacePremiere auf der Wasserkuppe

Es geht um nicht weniger, als den sportlichen Segelflug neu zu erfinden: Das OLC Glider Race, das jetzt auf der Wasserkuppe zum ersten Mal ausgetragen wurde, ist Luftrennen pur.

Geissler

Finale: Christof Geißler wird direkt zur Siegerehrung gezogen. Foto und Copyright: Lothar Schwark  

 

In jeder anderen Sportart ist es so: Im Wettbewerb beginnt mit Öffnung der Startlinie für alle Teilnehmer die Uhr zu laufen. Wer die vorgegebene Aufgabe nicht vollendet, endet erhält keine Punkte. Derjenige, der als Erster die Ziellinie überquert, hat gewonnen. Nicht so im Segelflug. Unter Verweis auf die Abhängigkeit vom Wetter wird die Wahl des Abflugzeitpunkts freigestellt, und dann hängt die Wertung davon ab, wie viele Konkurrenten die Aufgabe vollendet haben. Das kann man noch nachvollziehen. Geradezu undurchschaubar aber wird die Wertung, wenn es um eine Speed Task geht, sie ist einem Nicht-Mathematiker kaum mehr zu erklären.

Wie viel einfacher geht es doch da bei der Formel 1, einem Radrennen oder einer Segelregatta zu. Für jeden wechselt die Startampel zur selben Zeit auf Grün. Das Rennen entwickelt sich unter den Blicken des Publikums, und der Erste im Ziel ist dann auch der Sieger.

Mit dem Segelflug-Grand-Prix wurde die Idee vom Regattastart, einer Formel-1-Wertung und der unmittelbaren Einbindung des Publikums aufgegriffen OLC-Erfinder Reiner Rose verfolgt diese Idee nun mit dem OLC Glider Race. Ende Juli/Anfang August fand die Premiere auf der Wasserkuppe statt.
Bei renommierten Wettbewerbspiloten stieß diese Art des Wettbewerbs auf reges Interesse, und so war das erste OLC Glider Race auch gleich mit der Maximalzahl von 20 Teilnehmern besetzt. Geflogen wurde mit Standard-Klasse-Flugzeugen.

Das Wetter hatte alles zu bieten

OLC Race-1

Markante Startsituation am zweiten Tag: Unmittelbar nach dem Start teilt sich das Feld, das Peloton geht nach rechts und eine Fünfergruppe schwenkt nach links.  

 

In der Wettbewerbswoche hatte das Wetter alles aufgeboten: Hitzetage, Sturm, Regen, Knofe und kühle Temperaturen. Das große Hammerwetter war nicht dabei. Mal mussten sich die Piloten bei tropischen Temperaturen mit schwacher Blauthermik auseinandersetzen, mal forderten Abschirmungen und Schauer die Teilnehmer heraus. Insgesamt kamen die Piloten zu vier Flügen, wobei ein Tag ohne Zielankünfte blieb.
Den historischen ersten Sieg erzielte Christof Geißler aus Freudenstadt. Auf den Plätzen folgten Anton Lugtenburg (FC Eichstätt), der bereits in Chile Grand-Prix-Erfahrung gewonnen hatte, und Franz Poch (FLG Blaubeuren). Sie hatten sich durchgesetzt gegen Christoph Nacke, Junioren-Weltmeister 2005, Ramona Riesterer, die Zweite der Deutschen Frauenmeisterschaften 2010, und Gerd-Peter Laur, Deutscher Meister und WM-Pilot.

Das schnellste Tagesrennen brachte der 27. Juli. Hier triumphierte Christian Schneiders (FV Celle) mit 91,5 km/h über 175 km. Er lag vier Sekunden vor Franz Poch und Daniel Seitzinger (AC Ansbach), die zeitgleich die Linie querten. Der 1. August brachte eine 220 km große Aufgabe. Freddy Hein (FG Schwäbisch Gmünd) löste sie mit 77,5 km/h am flottesten. Die 174-km-Strecke, die am folgenden Tag verlangt wurde, meisterte Christof Geißler mit 72,1 km/h am schnellsten. Die Sprintdistanz über 128 km am späten Nachmittag des 3. August absolvierte Dirk Windmüller (SFG Schwäbisch Hall) mit 86,6 km/h als Tagessieger.

Auf der Wasserkuppe flogen die Konkurrenten vor großem Publikum. Die Wasserkuppe zieht mehr als 800000 Tagestouristen im Jahr an. Viele suchen ihr Vergnügen auf den drei Rodelbahnen oder im Kletterpark. Wanderwege rund um die Kuppe werden gerne genutzt. Mit dem OLC Glider Race bekamen die Besucher nun eine neue Attraktion. Moderator Frank Thies hielt sie auf dem Laufenden.
Gut kamen beim Publikum die Umrundungen der Wasserkuppe an. Einigen Piloten konnte es bei der Wende fast ins Cockpit schauen.

Schon vor dem Start füllte sich die Terrasse des Luftsportzentrums. Gerade die Phase vor der Startlinienfreigabe fesselte das Publikum sichtlich. Auf einer großen Projektionswand im Luftsportzentrum konnten die jeweils sechs erstplatzierten Piloten bei ihren Luftrennen beobachtet werden.

Völlig neue taktische Herausforderungen

OLC Race 2

Ein packendes Etappenfinish boten Daniel Seitzinger, Patrick Kharardi und Gerd Peter Lauer am dritten Tag. In rund 200 m über Grund kamen sie als erste über dem Etappenziel Wasserkuppe an, um dann vor den Augen der Zuschauer und exakt über der Startbahn, noch dazu im Lee der Kuppe präzise und diszipliniert in einem erst schwachen Bart aufzukreisen.  

 

Im Vergleich mit konventionellen Wettbewerben stellte das OLC Glider Race die Piloten vor völlig neue taktische Herausforderungen. So prägt schon der Start in Regattamanier entscheidend den Verlauf der Wertungsflüge. Es ergeben sich Aspekte, wie man sie von anderen Sportarten her kennt. Gleich nach dem Abflug ist hochinteressant, wo das Haupt-feld den ersten Bart annimmt oder ob es sich schon vorher teilt, so geschehen am zweiten Tag. Wie in der Formel 1, wo die erste Kurve über den Ausgang des Rennens entscheiden kann, zeigte sich auch hier, dass der erste Bart von entscheidender Bedeutung ist.
Im weiteren Streckenverlauf gibt es absolut faszinierende Analogien zum Radrennsport: Kleine Ausreißergruppen versu-chen dem Hauptfeld zu enteilen, aber in der Regel werden sie eben vom Peloton über kurz oder lang wieder aufgesogen. Eine echte Chance hat ein Ausreißer eigentlich nur dann, wenn er unmittelbar vor dem Ziel seine Chance wahrnimmt, davoneilt und gewissermaßen im Sprint über die Ziellinie geht. So hat es am dritten Tag Christof Geissler gemacht.Das Fliegen unmittelbar gegeneinander erfordert eine völlig andere Taktik als gewohnt. Hier ist man erst am Anfang. Es könnten sich Teams formieren, die für ihren Boss fliegen und ihm helfen, eine Lücke zwischen dem Hauptfeld und einer Ausreißergruppe zu schließen. Ein „lonely wolf“ hat hier dann fast keine Chance mehr.

Viel Spannung bringt die Streckenkonfiguration: Die Gesamtstrecke des OLC Glider Race setzte sich aus Etappen in Form von zwei in etwa gleich großen Dreiecken zusammen, die über der Wasserkuppe zusammengefügt wurden (Schmetterlingskonfiguration). Das Überfliegen (Wenden) des Startorts nach der ersten Etappe ließ das Publikum die Dramatik des Rennens hautnah miterleben.
Die Premiere hat auch gezeigt: Es gibt noch viel Verbesserungspotenzial. So müssen die Tracking-Systeme deutlich verbessert werden. Zum einen muss die Darstellung präzise in Echtzeit ablaufen und die Aufzeichnungsraten so getaktet sein, dass das Bild nicht ruckelt. Zum andern müssen die Teilnehmer selbst eine derartige Tracking-Darstellung an Bord haben, um immer zu wissen, wo denn die Gegner stecken, damit sie ihre Taktik entwickeln können.

Der OLC jedenfalls setzt jetzt voll und ganz auf das Grand-Prix-System und wird es auf der Wasserkuppe entsprechend weiterentwickeln.

Die Fliegerschule Wasserkuppe mit Schulleiter Harald Jörges waren perfekte Gastgeber. Das OLC Glider Race wurde reibungslos in den normalen Flugbetrieb auf der Kuppe integriert. Über dem Radom kreisten die Gleit-schirmflieger, die Modellflieger übten am Weltenseglerhang, während SG-38-Mannschaften den Gummiseilstart trainierten.




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