28.08.2017
Erschienen in: 08/ 2017 aerokurier

KunstflugKFAO: Zehn Jahre im Aufschwung

Im Sommer 2007 gründete eine Handvoll Enthusiasten den Kunstflugförderverein „Aufschwung Ost“. Seitdem erobern die Ossis nicht nur die Acro-Szene in den neuen Bundesländern.

Wenn eine ganze Meute von Piloten auf einem Flugplatz sitzt, kritisch in den Himmel starrt und fast beiläufig Kommentare wie „nicht sauber, die Linie“, „da fällt er raus“ oder „das wird ein Weibchen“ fallen lässt, dann geht es ganz sicher um Kunstflug. Vermisst man dazu noch das charakteristische Bollern eines bulligen Lycoming-Sechsenders, ist klar: Hier turnt ein Segelflieger durch die Box.

Der Leidenschaft für das lautlose Figurenfliegen wird auf dem Flugplatz Stölln/Rhinow im Havelland schon seit Jahrzehnten gefrönt. Regelmäßig treffen sich hier Segelflieger, um sich im Kunstflug aus- und weiterbilden zu lassen oder vor den kritischen Augen ihrer Kameraden Wettbewerbs-programme einzustudieren. „2007 fand in Stölln der Salzmann-Cup, die zentralen Vereinsmeisterschaften im Segelkunstflug, statt“, erinnert sich Alexander Wagner, heute Vorsitzender des Kunstflugfördervereins ,Aufschwung Ost‘, kurz KFAO. „Wie man da so zusammensaß und palaverte, entstand der Wunsch nach festen Strukturen, um die Kunstfliegerei auch im Osten besser zu organisieren.“

In den alten Bundesländern gab es damals bereits Vereine, die sich explizit um die Förderung des Segelkunstfluges kümmerten. So hatten sich Piloten im Baden-Württembergischen Luftsportverband bereits 1985 zum Förderverein für Segelkunstflug im BWLV zusammengeschlossen, in Rheinland-Pfalz und Bayern gibt es ebenfalls Kunstflug-Fördervereine, und im Norden Deutschlands ist zudem die kleine „Interessengemeinschaft Segelkunstflug Nord“ (ISN) aktiv. „Aber im Osten fehlte das völlig – obwohl der Segelkunstflug zu DDR-Zeiten in der GST durchaus praktiziert wurde.“ Schnell fiel seinerzeit der Entschluss, einen Förderverein zu gründen. Treibende Kräfte waren Jan Golze, damals Vorsitzender des FSV Stölln, und Kunstfluglehrer Michael Schopka. „Bis dato hatten sich die Stöllner Vereinsmitglieder nebenbei um die ganze Organisation der Lehrgänge gekümmert, das übernahm dann der KFAO.“

Wanderzirkus

In der Anfangszeit ging es vor allem darum, sich zu strukturieren, Kontakte aufzubauen und nicht zuletzt Fluglehrer zu gewinnen. „Wenn man so was neu aufzieht, schlägt einem nicht selten erstmal Skepsis entgegen“, sagt Alexander. Entsprechend schwierig sei es gewesen, für den ersten Lehrgang an Flugzeuge zu kommen. Unterstützung gab es vor allem aus Westdeutschland. „Die Interessengemeinschaft Segelkunstflug Nord hat uns am Anfang massiv unterstützt, weil die Kameraden dort gesehen haben, dass wir wirklich was bewegen wollen.“ Dennoch mussten die Aufschwung-Piloten vor manchem Kunstfluglager mit zwei bis drei ASK 21 durch halb Deutschland touren, um sie nach Stölln zu bringen und zu fliegen. In der Szene sprach sich aber schnell herum, dass die 25 Gründungsmitglieder ihre Sache ernst nahmen. 

Man organisierte Ausbildungs- und Trainingslager, kümmerte sich um die Schulung von Kunstfluglehrern und sogar von Schiedsrichtern für Wettbewerbe. Dabei wurde der KFAO zu einer Art Wanderzirkus, denn nicht nur in Stölln, sondern auch auf anderen Flugplätzen in den neuen Bundesländern wurde geflogen. „Wir wollten Präsenz zeigen und auf diese Art Segelflieger für den Kunstflug begeistern“, sagt Alexander. Reinsdorf, Lüsse, Laucha – der KFAO kommt herum und wächst.

Bis heute ist das Organisatorische das Kerngeschäft geblieben. Eigene Hardware, sprich Flugzeuge, hat der KFAO nicht. Allerdings hat sich der Verein mit der Organisation von Kunstfluglehrgängen und -wettbewerben einen Namen gemacht. „Mit der Zeit wurde es immer einfacher, das Equipment zusammenzubekommen“, ergänzt Rigo Rose, als Kassenwart des Vereins Herr über die Zahlen im KFAO, und schiebt gleich hinterher: „109 Mitglieder sind heute dabei, auch viele aus den alten Bundesländern.“ Das erklärt er damit, dass der Süden Deutschlands mit den Vereinen in Baden-Württemberg und Bayern recht gut abgedeckt ist, in Nord- und Mitteldeutschland aber auch in den alten Bundesländern Strukturen fehlen. „So sind wir beispielsweise für Leute aus Niedersachsen oft erster Ansprechpartner, wenn es um den Segelkunstflug geht.“ „Allerdings“, wirft Alexander ein, „sehen wir uns nicht in Konkurrenz zu den anderen. Das wäre in solch einer kleinen Szene kontraproduktiv. Vielmehr unterstützen wir uns gegenseitig, vor allem mit Manpower.“ Dementsprechend seien viele KFAO-Mitglieder auch in anderen Kunstflug-Fördervereinen aktiv.

Besonders freut den Vorstand, dass immer häufiger Segelflugvereine auf den KFAO zukommen und auf ihrem eigenen Flugplatz eine Kunstflugausbildung organisieren wollen. „Die Turnerei wird dabei nicht mehr nur rein sportlich gesehen, zunehmend tritt der Sicherheitsgedanke auf den Plan. Denn im Kunstflug lernt man, sein Flugzeug in allen Situationen sicher zu beherrschen, und zwar weit über das in der Ausbildung geforderte Trudeln hinaus.“

Zwei Lehrgänge

Inzwischen haben sich der Frühjahrs- und der Herbstlehrgang als feste Termine im KFAO-Kalender etabliert. Das Besondere dabei: Ein Lehrgang findet stets auf einem Platz mit höhenschlepptauglicher Winde statt. So wird die Ausbildung auch für Schüler und Studenten oder Piloten mit geringem Einkommen erschwinglich. „In Bezug auf die Höhenschlepps haben wir durchaus Pionierarbeit geleistet und unter anderem Windenfluglager in Neuhardenberg und Magdeburg-Cochstedt veranstaltet“, berichtet Alexander. „Da ist einiges an Erfahrung zusammengekommen, und wir können zufrieden sagen, dass Kunstflug aus der Winde sehr gut geht.“

Zum Zehnjährigen war der KFAO erneut Ausrichter des Salzmann-Cups. „Aber auch hier leben wir Kooperation“, sagt Alexander und verweist darauf, dass man die Veranstaltung gemeinsam mit dem FSV Stölln/Rhinow und dem Förderverein für Segelkunstflug im BWLV stemmte. Wie immer waren die 50 Plätze rasch vergeben – denn niemand konnte ahnen, dass der Wettergott die Acroflieger vor ganz besondere Herausforderungen stellen würde. Nachdem am ersten Wettbewerbstag von 7 Uhr früh bis 20 Uhr am Abend zwei komplette Wertungsdurch-gänge gelangen, musste der Folgetag für alle Klassen neutralisiert werden. Wind von 25 Knoten und mehr in der Box war einfach zu viel, außerdem schauerte es immer wieder. Am letzten Tag wurde – teils mit gekürzten Programmen – noch ein Durchgang für jede Klasse geflogen. „Organisieren können wir, aber das Wetter haben wir halt nicht in der Hand“, kommentiert Alex lakonisch.

aerokurier Ausgabe 08/2017

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Lars Reinhold


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