25.10.2017
Erschienen in: 10/ 2017 aerokurier

Inklusion in der FliegereiMitflugtag in Kiel

Der Luftsportverein Kiel beweist an seinem Mitflugtag für Menschen mit und ohne Behinderung, dass Inklusion auch in der Fliegerei gelingen kann.

Nummer 43?“, ruft der Mann mit der Kladde. An diesem Samstag ist er Herr über das Boarding vor der Halle des Luftsportvereins Kiel. Plötzlich wirkt Daniel nicht mehr ganz so souverän wie während der Wartezeit. Mit Nummer 43 auf seinem Ticket konnte er sich das Schauspiel, wie die Mitglieder des Vereins Motorflugzeuge beinahe so professionell abfertigen wie die Ramp Agents in der kommerziellen Luftfahrt, lange genug anschauen. In dieser Zeit erzählt er, dass er sich für Motoren und Flugzeuge interessiert und selbst einmal fliegen wollte, seit sein Vater mit einem Bekannten mitflog und davon erzählte. „In meiner Behindertenwerkstatt habe ich ein Plakat über den Mitflugtag gesehen und mich sofort angemeldet.“

Jetzt, als sein Vater Andreas Daniels Rolli zur Cessna mit der Kennung D-ECAO schiebt und der Moment naht, auf den sich der 28-Jährige schon so lange gefreut hat, ist alles anders. „Ich habe echt ein bisschen Angst“, sagt er. Doch Pilot Carl-Wilhelm Süverkrüp beruhigt ihn. „Das wird toll, freu dich einfach auf den Flug!“ Hundertprozentig überzeugt ist Daniel noch nicht, aber zurück – und damit sein Gesicht verlieren – will er natürlich auch nicht. Mit einem Minenspiel, das Vorfreude und Respekt gleichermaßen spiegelt, lässt er sich von seinem Vater und einem Helfer aus dem Rollstuhl heben und in die Cessna verfrachten. Angeschnallt, Headset auf, Tür zu. Der Motor heult auf, und die Maschine rollt mit Daniel und zwei weiteren Mitfliegerinnen zur Piste von Kiel-Holtenau. Gestartet wird heute in Richtung 26, dann geht es über die Förde, am Marineehrenmal Laboe vorbei zu einem kurzen Abstecher über die Stadt und wieder zurück.

Zehnmal Fliegen ohne Limit

In diesem Jahr begeht der LSV Kiel ein kleines Jubiläum. Zum zehnten Mal organisieren die Mitglieder ihr „Fliegen ohne Limit“. Für einen Außenstehenden ist die Veranstaltung etwas Besonderes, selbst wenn man schon etliche Flugtage erlebt oder selbst mitorganisiert hat. Die explizite Einladung auch an Menschen mit Handicap, vorbeizukommen und die Lust am Fliegen zu erleben, ist schon für sich ungewöhnlich. Mehr noch aber staunt man, wie die Kieler den Gedanken der Inklusion leben. Berührungsängste? Fehlanzeige! „Die sind auch komplett fehl am Platz, wenn man einen Gelähmten aus seinem Rollstuhl in eine Cessna hebt“, sagt Thomas Nimphy, der von allen – mutmaßlich aufgrund seiner wilden Haarpracht – nur „Zottel“ gerufen wird. „Da muss man zupacken, sonst wird das nichts.“ Überwindung habe ihn das nicht gekostet. „Ich bin kein scheuer Mensch, und als im vergangenen Jahr Helfer gesucht wurden, war ich natürlich dabei. Klar ist es erst mal ungewohnt, wenn man sich auf einmal so vielen Menschen gegenübersieht, die auf verschiedenste Art und Weise Hilfe benötigen. Aber das ist okay, und man findet dann gemeinsam für jede Herausforderung eine Lösung.“ Und in einem seien Behinderte und „Normalos“ völlig gleich, schiebt „Zottel“ nach. „Das Feedback ist überwältigend. Völlig egal, wer da ins Flugzeug steigt – nach der Landung haben sie alle ein Grinsen im Gesicht.“

Andere Sinne – gleicher Spaß

Das Grinsen kann sich auch Sandra Gunia aus Lübeck nicht verkneifen. Sie hat gerade eine doppelte Premiere erlebt, denn sie saß das erste Mal in einem Motor- und danach in einem Segelflugzeug. Dass Sandra fast blind ist, fällt eigentlich erst auf, wenn ihr Blindenhund in der Nähe ist. „Meine Sehkraft ist nahezu nicht mehr messbar, ich kann eigentlich nur noch farbige Flächen erkennen.“ Durch diese Einschränkung sind ihre anderen Sinne umso schärfer. „Ich achte viel mehr auf Geräusche, und auch das Gefühl für Bewegungen und Beschleunigungen ist möglicherweise ausgeprägter als bei jenen, die den allergrößten Anteil an Informationen ihrer Umwelt visuell aufnehmen.“ Vielleicht ist das der Grund, dass der Segelflug mit Windenstart Sandra noch viel mehr beeindruckt hat als die gemütliche Runde mit der Cessna. „Es war der Wahnsinn! Das Fehlen des Motorenlärms, die Windgeräusche, die stärkere Bewegung, da fühlt man sich einfach viel freier.“ Doch auch im Motorflugzeug habe sie viel mitgenommen. „Der Pilot hat mir erklärt, was draußen zu sehen ist, so konnte ich es vor meinem inneren Auge auch sehen.“

Tatsächlich merkt man den Piloten und Bodenhelfern an, dass sie im Laufe der Zeit ein sehr gutes Gespür für den richtigen Umgang mit ihrer „speziellen Kundschaft“ entwickelt haben. So wird das für Sehende Offensichtliche blinden Fluggästen detailliert beschrieben, kommt sofort jemand mit einem Klapptritt angelaufen, wenn ein Gebrechlicher aus der Cessna steigt, oder finden sich schnell drei starke Männer, um einen schwerbehinderten Jungen aus dem Rollstuhl zu heben und im Cockpit anzuschnallen – einschließlich Atemhilfsgerät. Wo die meisten Freizeitflieger wohl mit dem Kommentar „Das ist unmöglich“ abwinken würden, machen es die Kieler einfach.

Inklusion nicht nur als PR-Nummer

Tatsächlich ist Inklusion beim LSV Kiel nicht nur eine Phrase, die einmal im Jahr für eine PR-Aktion auf Plakate gemalt wird. Auf seiner Internetseite stellt der Verein klar, dass eine Behinderung kein Argument gegen Luftsport sein muss. Und selbst wenn körperliche Einschränkungen das eigenständige Steuern eines Flugzeugs nicht zulassen, gebe es immer noch genug Betätigungsfelder für Interes-sierte. Sich als Zweiter im Cockpit um Navigation und Funk kümmern, am Boden organisatorisch helfen oder im Winter bei der Werkstattarbeit unterstützen – all das gehe je nach persönlicher Neigung auch mit Handicap. „Derzeit haben wir ein Vereinsmitglied mit Behinderung, das ist in der Sparte Fallschirmsprung aktiv“, sagt Ute Hölscher. Die Mitt-fünfzigerin hat beim Fliegen ohne Limit die Fäden in der Hand und die Veranstaltung kurz nach ihrem Vereinseintritt das erste Mal organisiert. „Ich bin Blindenlehrerin und habe zuerst einen Flugtag für Menschen mit Sehbehin-derung initiiert“, erzählt sie. Nach zwei erfolgreichen Anläufen sei das Ganze dann allgemein auf Menschen mit – und ohne – Behinderung ausgeweitet worden. „Mitflugtage für Behinderte gibt es auch an anderen Flugplätzen. Aber ich finde, das widerspricht ein Stück weit dem Gedanken der Inklusion. Vielmehr sollte es über das Fliegen hinaus ein Tag der Begegnung sein und alle Menschen zusammenbringen.“

Mancher Vereinskamerad sei anfangs durchaus skeptisch gewesen, aber es hätten sich immer genügend Mitstreiter gefunden. „Seit einigen Jahren ist unser Verein zudem in der Initiative „InTuS“ aktiv, einem Netzwerk, das vereinsübergreifend inklusive Sportangebote koordiniert.“, sagt Ute. „Auch damit wollen wir uns etwas vom elitären Image des Sports für Besserverdienende lösen und zeigen, dass bei uns wirklich jeder willkommen ist.“

Inzwischen ist auch die „Alpha Oscar“ wieder aufs Vorfeld des LSV gerollt. Kaum steht der Propeller, sind Daniels Vater und einige Helfer am Flugzeug. Daniel sieht müde aus. Aber zufrieden. Mit vereinten Kräften bugsieren sie ihn wieder in seinen Rollstuhl. „Ein bisschen schwindlig ist mir noch, und das Headset hat ziemlich gedrückt, aber die Viertelstunde in der Luft war richtig toll! Das war bestimmt nicht das letzte Mal.“ Auch Sandras Tochter Charlyne, die bei diesem Flug auf der Rückbank saß, grinst über das ganze Gesicht. Damit bestätigt sie das, was „Zottel“ gesagt hat. Am Ende sind sie alle zufrieden. Und zwar nicht nur die 153 Passagiere, die an diesem Tag geflogen sind, sondern auch jene, die es möglich gemacht haben.

aerokurier Ausgabe 10/2017

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Lars Reinhold


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