27.12.2013
aerokurier

Geheimtipp in WalesHaverfordwest: Sprungbrett nach Irland

Haverfordwest liegt strategisch günstig im Westen von Wales. Der Flugplatz mit seiner lebendigen General-Aviation-Szene ist ein beliebter Zwischenstopp bei Flügen von und nach Irland. Er liegt in unmittelbarer Nähe zu Großbritanniens vielleicht schönster Küstenregion.

Haverfordwest, einer von sieben Flugplätzen in Wales, gehört zu den wenigen britischen Plätzen in öffentlicher Hand. Das Pembrokeshire County Council übernahm den Platz in den 1970er Jahren und investierte dort viel Geld. Die drei gekreuzten Bahnen sind typisch für ehemalige Militärplätze aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die aktiven Pisten 03/21 und 09/27 sind in sehr gutem Zustand. Die dritte Bahn mit der Ausrichtung 17/35 wird heute als Rollweg und gelegentlich auch als Abstellfläche genutzt.

Das Pembrokeshire County Council als Betreiber schätzt den Flugplatz als festen Bestandteil der lokalen Infrastruktur. Die Wirtschaft jedenfalls profitiert vom Flugplatz: die petrochemische Industrie rund um Milford Haven ebenso wie die Landwirtschaft und der Tourismus. Als Teil einer wirtschaftlich geförderten Sonderzone genießen die Unternehmen zudem einige Privilegien. Es gibt Gerüchte über mögliche Linienflüge nach Cardiff und Anglesey, doch eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Mit seinem modernen Towergebäude, Büros und einer Lounge  ist der Platz für den gewerblichen Flugbetrieb gut geeignet.

Zwischenstopp auf dem Weg nach Irland

Fliegerisch ist der Platz sehr einfach zu finden. Er liegt zehn Kilometer von der Küste entfernt im Norden der Stadt Haverfordwest. Die markante Küste, die Nähe zu Milford Haven und den Preseli-Bergen machen den Anflug auch ohne GPS-Unterstützung zum Kinderspiel. Allerdings ist die Gegend mit ihrem maritimen Klima bekannt für ihren Seenebel – Piloten sollten das bei der Flugplanung berücksichtigen. Luftraumbeschränkungen gibt es in unmittelbarer Nähe nicht.

Vier große Hangars stehen direkt am Vorfeld. Zudem hat der Flugplatzbetreiber etwas abseits einen weiteren 1000-Quadratmeter-Hangar mit Büros zur Vermietung an Luftfahrtunternehmen gebaut. 50 Flugzeuge der General Aviation sind in Haverfordwest stationiert, Kapazitäten für weitere sind vorhanden. Rund 8000 Flugbewegungen hatte der Platz zu seinen besten Zeiten pro Jahr zu verzeichnen. Die wirtschaftliche Krise hat auch in Haverfordwest ihre Spuren hinterlassen, so dass es heute nur noch 5000 Bewegungen sind.

Viele Flüge sind gewerblicher Natur, dazu kommen zahlreiche Besucher , die Haverfordwest auf ihrem Weg nach Irland ansteuern. Auf der Internetseite des Flugplatzes gibt es eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zu dem, was bei Flügen nach Irland zu beachten ist. Auch das Flugplatzpersonal steht Piloten mit Rat und Tat zur Seite.

Avgas und Jet-A1 sind stets verfügbar. Offiziell ist der Flugplatz von 9.15 bis 16.30 Uhr Ortszeit geöffnet. Piloten können in der Regel aber an sieben Tagen in der Woche zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang kommen. Wenn die Mitarbeiter gerade nicht im Dienst sind, übernimmt das Team vom Haverfordwest Flight Centre die Regie am Platz.

Piloten lieben die britische Küche

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Im "Propellers Cafe" geht es bodenständig zu. Das herzhafte Essen ist ein Genuss für Freunde der britischen Küche. Foto und Copyright: Geoff Jones  

 

Rund um den kleinen Tower sind Firmen und das beliebte „Propellers Café“ untergebracht. Emma James und Chris Rowland, so heißt es, bieten die beste Flugplatzküche in ganz Wales. Die Küche ist jedenfalls herzhaft: Shepherd’s Pie, Sandwiches mit Speck und noch mehr britische Spezialitäten stehen auf der Karte. Im Sommer kann man draußen sitzen, im Winter nimmt man in britisch-schlichtem Ambiente Platz.

Unterkünfte von der Bed-and-Breakfast-Pension bis hin zum Fünf-Sterne-Hotel gibt es in der Umgebung reichlich, schließlich  gehört der Tourismus zum Kerngeschäft in der Grafschaft Pembrokeshire.  Somit ist auch ein Taxi schnell zur Stelle.

Peter Hopkins und sein Team

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Peter Hopkins hält in Haverfordwest die Fäden in der Hand. Foto und Copyright: Geoff Jones  

 

Als ich dort lande, treffe ich Flugplatzmanager Peter Hopkins. Wann immer es die Zeit zulässt, hält der 49-Jährige mit seinen Kunden gerne einen Plausch. Hopkins ist selbst Pilot. Er arbeitete einst bei der Navy – erst als Koch in U-Booten, später als militärischer Fluglotse. Bei dieser Gelegenheit treffe ich auch die anderen Mitarbeiter, die gerade das Feuerwehrauto inspizieren. Ray Ormond arbeitet seit 28 Jahren am Flugplatz Haverfordwest und wird 2014 in den Ruhestand gehen. Tim Brickwood hat sieben Dienstjahre vorzuweisen. Terry Gover ist der Vierte im Bunde.

Die Gebühren am Platz sind teilweise etwas höher, als in Deutschland gewohnt. Eine Einmot zahlt 15 Pfund Landegebühr, umgerechnet knapp 18 Euro. Das Abstellen über Nacht kostet 13 Pfund, also 15,70 Euro. Der Liter Avgas schlägt dafür mit preiswerten 1,90 Pfund (2,30 Euro) zu Buche (Stand: Dezember 2013). Aktuelle Preise finden sich auf der Internetseite des Flugplatzes.

Auch Warbirdfans kommen auch ihre Kosten

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Das Welsh Spitfire Museum: Wer rein möchte, vereinbart am besten vorher einen Termin. Foto und Copyright: Geoff Jones  

 

Beim Rundgang zwischen den Hallen treffe ich den 68 Jahre alten Ralph Hull, der vor einem Jahr aus dem Osten Englands nach Haverfordwest gezogen ist. Ralph ist Inhaber eines kleinen Ingenieurbüros, Hull Aero, das sich auf Restaurierung und Wartung historischer Flugzeuge spezialisiert hat. In den Hangars von Haverfordwest betreut er während meines Besuchs gerade die Aufbauten einer Hawker Tempest und einer Spitfire. Verstärkung bekommt er dabei unter anderem von Pilot und Ingenieur Alun Lewis.

Wer sich für Warbirds interessiert, sollte unbedingt Ray Burgess einen Besuch abstatten. In seinem Welsh Spitfire Museum dreht sich alles um den britischen Jäger. Ein kleines Team hat sich formiert, um die Spitfire LF.VIII JG668, ein Fundstück aus Australien, wieder flugfähig zu machen. Das kleine Museum ist von Freitag bis Sonntag geöffnet. Wer zu anderen Zeiten kommen möchte, schreibt eine Mail an rburgess@welshspitfire.com.

Professionelle Wartung am Platz

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Simon Martlew ist der Spezialist in Sachen Wartung. Foto und Copyright: Geoff Jones  

 

Geht es um Wartung und Reparaturen, ist Simon Martlew der richtige Ansprechpartner. Seit 1996 ist er in Haverfordwest – zuletzt arbeitete er für den inzwischen geschlossenen Wartungsbetrieb Jane Air Engineering. Nach dem Aus seines ehemaligen Arbeitgebers hat sich Simon Martlew mit einem eigenen Wartungsbetrieb selbstständig gemacht. Er hat die bestehenden Genehmigungen der Luftfahrtbehörden übernommen und betreut in den alten Räumlichkeiten den Kundenstamm. Bei technischen Problemen steht Simon den Piloten an sieben Tagen in der Woche zur Seite.

Der größte Flugzeugbetreiber am Platz ist Fly Wales mit seinem Haverfordwest Flight Centre. Das Unternehmen ist die Dachgesellschaft für die AOC air taxi/charter operation und des Haverfordwest Flying Club. Die Firma gehört Jonathan Rees. Chefpilot und CFI bei Fly Wales ist Captain Gwyndaf Williams, der seit seinem 19. Lebensjahr fliegt. Fly Wales betreibt vier Cessna 150 und drei Cessna 172 für Schulung und Charter. Eine Cessna 150 kostet  pro Stunde 175 Euro nass, inklusive Landegebühr. Auf die Frage, ob der Kauf modernerer Muster geplant sei, antwortet Williams: “Wir sind zufrieden mit unseren Cessna 150. Sie gehören uns und sind bezahlt. Würden wir einen modernen Zweisitzer mit Rotax-Motor kaufen, müssten wir für die Finanzierung zahlen, ganz gleich, ob wir fliegen oder nicht.” Am oberen Ende der Skala betreibt Fly Wales zwei King Air.

Freier Luftraum und freundlicher Umgangston

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Mike Corbett (links) und Paul Bird fühlen sich in Haverfordwest pudelwohl. Foto und Copyright: Geoff Jones  

 

Im Hangar 1 treffe ich Mike Corbett und Paul Bird. Sie arbeiten an einem Motor von Mike Corbetts Twin Comanche. Mike Corbett ist auch einer, der bewusst von Blackbushe im Westen von London nach Haverfordwest gekommen ist. “Ich mag die entspannte Atmosphäre hier in Haverfordwest. Im freien Luftraum hier ist das Fliegen ein wahres Vergnügen!”

Schließlich sehe ich noch Malcolm Evans, den Vorsitzenden des 35 Mitglieder starken Pembrokeshire Flying Club. “Wir organisieren Sicherheitsvorträge, soziale Events und gemeinsame Ausflüge. Normalerweise fliegen wir nach Irland, aber auch die Schweiz stand bereits auf dem Programm.” Malcolm Evans ist ein erfahrener Pilot, der 1982 mit dem Fliegen angefangen hat und zwischenzeitlich 2300 Stunden in vielen Ländern der Erde geflogen hat. Er ist Mitglied der BPPA (British Precision Pilot Association), die sich einmal im Jahr in Haverfordwest trifft. Zwei Flugzeuge, eine Glasair IIs und eine Glastar, hat er selbst gebaut.

Zum Abschied gibt Flugplatzchef Peter Hopkins mir ein “Prynhawn da” mit auf den Weg – „guten Nachmittag“ auf Walisisch. Haverfordwest liegt auf der so genannten “Lansker line”. Südlich dieser Grenze wird Englisch als erste Sprache gesprochen, nördlich davon Walisisch.

Infos für Piloten

Internet: www.hwestairport.co.uk

Telefon:  +44 (0)1437 765283 (Montag bis Freitag von 8.30 bis 16.30 Uhr) oder +44(0)1437 760822 (Flying Club)

Fax: +44 (0)1437 769246 

E-Mail: peter.hopkins@pembrokeshire.gov.uk

Funk: “Haverfordwest radio” auf 122,200 MHz

Mehr zum Thema:
Geoff Jones/pat



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