08.11.2016
Erschienen in: 03/ 2012 aerokurier

KrankentransportflügeTyrol Air Ambulance

Ihre Flugzeuge werden liebevoll „Gipsbomber“ genannt und bringen im Winter verunglückte Urlauber aus den Skigebieten nach Hause: Die Tyrol Air Ambulance aus Innsbruck ist Spezialistin für Krankentransportflüge.

Aufgereiht wie zu einer Katastrophenschutzübung  stehen die sieben Ambulanzfahrzeuge neben einem fast frischen Schneehaufen am Tor 4 des Flughafens Innsbruck-Kranebitten. Sie kommen heute aus allen Teilen Österreichs von Zell am See über Landeck bis Klagenfurt. Es ist aber keine Übung, die die Krankenwagen hierher geführt hat, sondern Tagesgeschäft: Sie transportieren Patienten, die noch bis vor wenigen Tagen fröhlich im Urlaub auf Skiern oder Snowboards standen, bis eine Verletzung den Urlaub jäh beendete und sie im Krankenhaus landeten. Nun warten sie in den Krankentransportern auf ihren Rückflug in die Heimat, denn mit dem eigenen Auto, mit dem sie in den Urlaub gekommen sind, können sie selbst nicht zurückfahren, da Arme oder Beine im Gips stecken oder schlimmere Verletzungen sogar einen Liegendtransport erfordern.

Die lila-gelbe Dornier 328 der Tyrol Air Ambulance (TAA) steht auf dem Vorfeld, als die Passagiere im Krankenwagen durch die Sicherheitsschleuse gebracht werden. Sie müssen wie jeder normale Passagier abgefertigt werden. Die beiden Piloten, Kapitän Gerhard Hertl und der Erste Offizier Harald-Hans Loidl, erledigen währenddessen ihren Vorflugcheck. „Erst werden die liegenden Patienten eingeladen, danach folgen die mit Gehbehinderungen, alle anderen gehen als Letzte an Bord“, erklärt Andreas Bagdahn, der heute den Flug als Arzt begleitet.

Ärzte und Pfleger sind bei jedem Flug mit an Bord

Eine speziell für die TAA konstruierte Rampe erlaubt den stufenlosen Zugang zum Flugzeug. An Bord kümmert sich neben medizinischem Personal auch eine Flugbegleiterin um die Passagiere. Die Zahl der Pfleger und Ärzte an Bord richtet sich nach den Patientenbedürfnissen. Heute fliegen zwölf Patienten, ein Arzt, zwei Pfleger und eine Flugbegleiterin mit.

„Die Flüge mit verletzten Skifahrern beginnen nach Weihnachten und gehen bis in den April hinein“, sagt Gerhard Hertl. „Die Dornier 328 ist für diese Flüge mit ihrer hohen Geschwindigkeit, den Kurzstart- und -landeeigenschaften sowie ihrer Endurance von fast sechs Stunden das ideale Fluggerät.“ Heute geht es von Innsbruck zunächst in die französischen Alpen nach Chambéry/ Aix-les-Bains, wo vier weitere Patienten aufgenommen werden. „Willkommen auf dem Flug nach Rotterdam mit einer Zwischenlandung in Chambéry“, begrüßt Captain Hertl die Fluggäste über die Lautsprecher beim Rollen zur Piste 26 in Innsbruck. Ein strahlend blauer Himmel erlaubt den Patienten nach dem Start einen traumhaften Ausblick auf die tief verschneiten Alpen.

Der Rückflug ist schonender und billiger für die Patienten

Der Lufttransport ist nicht nur schonender für die Patienten, sondern auch kostengünstiger für die Versicherungen als der Transport in einem Krankenwagen. Jeder Patient bräuchte je nach Schwere und Art der Verletzung einen begleitenden Arzt oder Pfleger, und bei einem Transport nach Holland verginge allein schon für die Anreise des Krankenwagens ein ganzer Arbeitstag.

Der Name „Gipsbomber“ für die Verletztenflüge entstand angesichts der Vielzahl von Patienten mit Gipsverband bei jedem Flug. Die Tyrol Air Ambulance betreibt diese Art der Repatriierungsfl üge bereits seit 1976. Rund 1600 Patienten werden pro Skisaison nach Hause gefl ogen, hauptsächlich in die Niederlande, nach England und Skandinavien. Über Kempten, Trasadingen und den Genfer See führt uns das Routing nach Chambéry zu einem Anfl ug über den Lac du Bourget und der Landung auf der Piste 18. Die Krankenwagen stehen schon aufgereiht vor dem Hangar des örtlichen Aero-Clubs. Zwei Patienten werden auf Tragen in das Flugzeug gebracht, zwei gehen an Bord. Vorher hat der Arzt mit jedem Patienten gesprochen und sich über seinen Zustand informiert.

Er entscheidet, ob jemand wirklich an Bord darf oder ob sein Zustand einen Transport nicht erlaubt. Nach knapp 30 Minuten lässt Gerhard Hertl die beiden Turboprop-Triebwerke wieder an, und wir rollen zur Intersection S der Piste 36, wo eine bulgarische Challenger 604 gerade landet. Die Towerlotsin gibt die Startfreigabe für das Leg nach Rotterdam, das rund eine Stunde und 40 Minuten Flugzeit dauern wird. Die 328 liegt gut 900 kg unter dem MTOW von 13 000 kg und spurtet flott los. Nach kurzer Rollstrecke geht das Flugzeug in den Steigfl ug. Wenig später wird das freigegebene Flight Level von 160 auf 260 erhöht. In der Kabine ist jetzt Zeit, um sich mit den Passagieren zu unterhalten.

Der Arzt verabreicht einer Patientin Schmerzmittel, andere erhalten eine Thrombosespritze. „Normalerweise ist die Stimmung an Bord recht gut“, sagt die Flugbegleiterin, „wenn die Patienten bei uns an Bord sind, wissen sie, jetzt geht es nach Hause.“ Kim Vanderweyer ist gleich mit der ganzen Familie an Bord. Da er sich im vergangenen Jahr eine Verletzung zugezogen hat, wollte er eigentlich gar nicht Skifahren, erzählt er. Er fuhr mit, stellte sich aber nicht auf die Bretter. Dann erwischte es seine Tochter mit einem Beinbruch – und als er sie im Krankenhaus besuchte, rutschte er auf einer Eisplatte aus – und sitzt nun ebenfalls mit einem Gips in der 328 der Tyrol Air Ambulance. „Was für ein Glück, dass ich vor dem Urlaub eine Versicherung abgeschlossen hatte“, sagt er. Die Versicherungen sind die Auftraggeber für die Heimflüge.

Sie organisieren auch den Rücktransport der Autos entweder per Fahrer oder per Pkw-Transporter. Ein anderer Patient nutzt die Zeit an Bord, um auf seinem iPad zu lesen. Er hatte sich beim Snowboardfahren die Bänder gerissen. „Junge Patienten verunglücken häufiger beim Après-Ski als auf der Piste“, beschreibt ein Pfl eger seine Erfahrungen mit den Unfallursachen. Es gibt auch Patienten, die mehrfach an Bord eines Flugzeugs der Tyrol Air Ambulance aus dem Wintersport nach Hause geflogen wurden. „Wir hatten gerade einen Passagier, der nur zwei Minuten auf den Skiern stand, als er hinfiel und sich verletzte“, sagt die Flugbegleiterin.

Die Krankenwagen stehen aufgereiht wie zur Parade

Dann beginnt der Sinkflug, die Anschnallzeichen gehen an – wie bei einem ganz normalen Linienflug. Draußen hat inzwischen die Dämmerung eingesetzt, es ist fast dunkel, als das Fahrwerk der 328 auf dem Flughafen von Rotterdam aufsetzt. Auf dem Vorfeld stehen bereits elf Krankenwagen und zwei Limousinen bereit, um die Patienten in die Krankenhäuser zur Weiterbehandlung beziehungsweise nach Hause zu fahren.

Die Reihenfolge ist jetzt umgekehrt: Zunächst werden die Patienten auf den Tragen umgeladen, dann helfen die Pfleger den Passagieren mit Gehbehinderungen, und als Letzte verlassen die anderen Fluggäste das Flugzeug. Für den Arzt und die Pfleger ist die Arbeit jetzt zu Ende, die Piloten haben noch ein Weg vor sich, den Rückflug nach Innsbruck. Die Rückflüge sind normalerweise Leerflüge. Aber es kommt auch vor, dass Fahrer mit an Bord sind, die die Autos der Verunglückten aus dem Urlaubsort abholen. Heute gibt es keine zusätzlichen Passagiere.

Nach der Landung in Kranebitten rollt die 328 vor den Hangar der Tyrol Air Ambulance und wird dem technischen Personal übergeben. Die Informationen für den nächsten Flug liegen schon vor. Über Nacht bauen sie die Kabine der 328 für den nächsten Gipsbomber-Einsatz um.

aerokurier Ausgabe 03/2012

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Volker K. Thomalla


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