29.01.2018
Erschienen in: 01/ 2018 aerokurier

PorträtPatric Leis und seine Pitts S1-E

Wie kommt der Rohbau eines Flugzeugs in ein Kinderzimmer? Warum sind Kaffeeflüge so langweilig? Und was hat die amerikanische Pilotenlegende Skip Stewart mit alldem zu tun? Antworten gibt die Geschichte über Airshow-Newcomer Patric Leis und seine Pitts S1-E.

Nur zwei Jahre liegt sein erster Auftritt vor großem Publikum beim Flugplatzfest in Betzdorf-Kirchen zurück. Heute steht der Name Patric Leis bei Airshows in ganz Deutschland in einer Reihe mit den bekannten Größen der Szene. Markenzeichen des 32-Jährigen ist die knallrote Pitts S1-E, Kennzeichen D-EPNL, die er gemeinsam mit seinem Vater aufgebaut hat. Sein Kunstflugprogramm ist von der amerikanischen Pitts-Legende Skip Stewart inspiriert – die beiden verbindet eine transatlantische Pilotenfreundschaft.

Ich treffe Patric am Rande der Flugplatzkerb Gelnhausen. Nach einem gewittrigen Freitag zeigt sich am Abend kurz die Sonne. Für unseren Fotoflug könnte das Licht nicht besser sein. Fotoplattform ist die Jak-52 von Airshow-Organisator Benjamin Schaum. Beim Briefing kommt Patric kurz ins Grübeln: „Ich mach’ so etwas aber zum ersten Mal.“ Unsere Bedenken zerstreuen sich nach dem Start. Wie an der Leine folgt die Pitts der Jak, streckenweise auch upside down. Hier sitzt ein Profi am Steuer.

Der Weg zum Airshow-Piloten war für Patric Leis eine glückliche Fügung. Bereits Vater Norbert, zunächst Modellflieger und später auch Pilot von manntragendem Gerät, war und ist Pitts-Fan. Es muss Weihnachten 1987 oder 1988 gewesen sein, da lag ein Toni-Clark-Modellbausatz der Pitts für den Vater unterm Baum (das Modell gibt es heute noch!). Der 80er-Jahre-Film „Cloud Dancer“ mit der Pitts in der Hauptrolle lief rauf und runter. „Dieses Flugzeug war mein Kindheitstraum“, sagt Patric. Mit 13 Jahren nahm er als Flugschüler im Cockpit eines Segelflugzeugs Platz. Schon damals zeichnete sich seine Leidenschaft fürs Turnen ab: „Ich habe viel lieber Kunstflug gemacht statt auf Strecke zu gehen.“

Vier, fünf Jahre dauerte die Segelflug-Episode, dann wandte er sich dem Modellflug zu. Einen 40-Prozent-Nachbau von Skip Stewarts Pitts namens „Prometheus“ hatte er sich vorgenommen. 400 Pferdestärken hat der Hot Rod im Original unter der Haube, konstruiert und gebaut ist er für spektakuläre Airshow-Auftritte.

Doch wie sollte Patric Leis an Pläne gelangen? Auf gut Glück schrieb er eine E-Mail an die amerikanische Airshow-Legende. Skip Stewart zeigte sich kooperativ, schickte Pläne, Fotos und beantwortete Fragen. Am Ende stand ein originalgetreues Modell, über das sogar ein amerikanisches Magazin berichtete. Der Kontakt zwischen den beiden Pitts-Fans blieb über den Bau hinaus bestehen. Im Raum stand ein verlockendes Angebot von Skip Stewart: „Komm doch einfach mal rüber!“ Bis es so weit war, sollte es aber noch eine Weile dauern.

Neuaufbau einer Pitts S1-E

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Der schönste Ort, um Träume wahr werden zu lassen: Im ehemaligen Kinderzimmer entsteht eine Pitts. Foto und Copyright: Holland-Moritz  

 

2011 stand fest, dass ein richtiges Flugzeug ins Haus musste. Vater Norbert ging da gerade auf die 50 zu. Es war vielleicht der ideale Zeitpunkt, um noch einmal etwas Neues anzupacken. Ein Doppeldecker sollte es sein. Ein Klassiker dazu. Dennoch fiel die Entscheidung für die Pitts diesmal nicht so leicht wie beim Modellbau. „Die Pitts gilt als anspruchsvoll, insbesondere ihr Landeverhalten hat es in sich“, erzählt Patric. Auf der Haben-Seite standen moderate Unterhaltskosten und ihre simple Bauweise, bestehend aus Stahlrohrrumpf und Holzflügeln. Also doch eine Pitts!

Vater und Sohn machten sich an den Neuaufbau einer Pitts S1-E, der Homebuilt-Version des Einsitzers. „Gebaut haben wir sie größtenteils in meinem ehemaligen Kinder­zimmer in Landstuhl bei Kaiserslautern“, sagt Patric. Gibt es einen schöneren Ort, um einen Kindheitstraum zum Leben zu erwecken? Bau der Zelle, Bespannung, Lackierung, Installation von Elektrik und Motor – zu tun gab es bis zum Erstflug 2014 genug.

2013 machte Patric im Verein in Pirmasens die PPL(A). „Mein Ziel war es, eines Tages mit unserer Pitts auf Airshows aufzutreten.“ Nach der Ausbildung auf der Katana sammelte er Spornraderfahrung auf Super Cub und Super Decathlon und erwarb die Schleppberechtigung. Erste Ausflüge mit einer Pitts machte er zusammen mit Oliver Klenk auf einer S-2B von Worms aus. Es folgten Soloflüge mit der Pitts, zunächst mehr oder weniger brav im Geradeausflug. Ein Jahr später sattelte er in Koblenz die Kunstflugberechtigung drauf. Kaffeeflügen hingegen kann Patric bis heute nichts abgewinnen; die Horizontale erlebt die D-EPNL allenfalls auf den Überlandetappen zur nächsten Airshow.

„Im Herbst 2015 war es so weit. Zur Airshow in Memphis, Tennessee, habe ich tatsächlich Skip Stewart besucht. Damals hatte ich die ersten beiden Auftritte hinter mir.“ Patrics Augen leuchten, als er von dem Treffen erzählt. Es war eine private Einladung mit Kost und Logis im Haus der Familie. Tagsüber waren die beiden auf der Airshow, an den Abenden redeten sie über die Pitts und ihre Besonderheiten. Themen wie Energiemanagement, Ablauf von Figuren und Aufbau eines Airshow-Programms standen auf der Agenda. „Skip Stewarts Antworten waren immer ehrlich und hilfreich“, sagt Patric. Nach einer Pause fügt er hinzu: „Ja, Skip ist schon ein verrückter Hund, aber irgendwas macht er richtig.“ Das Treffen hat Patrics Flugstil geprägt. „Figuren mit negativer Belastung, die halbe kubanische Acht mit den Shoulder Rolls abwärts habe ich mir bei Skip abgeschaut.“ Nur zum gemeinsamen Training kam es nicht: „Wir sind nie zusammen Pitts geflogen.“

Erster Airshow-Auftritt

Das theoretische Wissen in die Praxis umzusetzen war anstrengender als vermutet. „Insbesondere die negativen Belastungen haben anfangs für Kopfschmerzen gesorgt.“ Schwieriger noch als der fliegerische Part war es, einen Fuß in die Airshow-Szene zu bekommen. „Du kämpfst vor allem gegen Behörden. Anfangs will dich keiner fliegen lassen.“ Als es 2015 in Betzdorf-Kirchen zum ersten Mal klappte, war der sprichwörtliche Knoten geplatzt. Weitere Auftritte folgten; die Saison 2018 ist schon gut gebucht.

Die Pitts S1-E behandelt er gleichermaßen mit Euphorie und Respekt. „Wenn ich das Hallentor öffne, muss ich grinsen.“ Fliegerisch schätzt er den Doppeldecker als anspruchsvoll, aber ehrlich ein. „Die Pitts macht klar, wenn sie etwas nicht mag. Bisher hat sie mich noch nie in eine Situation gebracht, die ich nicht beherrschen würde.“ Auf Steuereingaben spricht sie erwartungsgemäß direkt an. 160 PS leistet der Lycoming O-320 mit Rückenflugvergaser und speziellem Schmiersystem – genug Dampf für den leer 365 Kilogramm leichten Einsitzer.

Spannend wird’s bei der Landung. Angeflogen wird die November Lima mit 80 mph im Slip. Die Kombination aus hartem Fahrwerk und schlechter Sicht machen insbesondere die Rollphase zur Herausforderung. „Das Aufsetzen ist einfach. Aber danach ist es schwierig, das Flugzeug auf der Bahn zu halten.“ Besserung brachte der Umbau auf ein verriegeltes Spornrad.

Knapp 100 Pitts-Stunden hat Patric Leis bisher im Flugbuch stehen. Sein Trainingsplan ist simpel: „Zweimal pro Woche fliegen.“ Hilfreich ist die Erfahrung im Modellflug. An seinem Heimatplatz Pirmasens hat er eine Genehmigung, um die Mindesthöhe zu unterschreiten. 20-mal im Jahr darf er das, 80 Euro kostet die jährliche Verlängerung beim Luftamt Hahn.

Die Haltergemeinschaft mit dem Vater ermöglicht es Patric, die ohnehin recht moderaten Unterhaltskosten zu stemmen.
Zehn Liter Avgas verwandelt der Lycoming in acht Minuten Flugspaß. Die Zelle in Gemischtbauweise ist solide und wartungsfreundlich. Der Motor sowie die meisten Teile sind solider Luftfahrtstandard. Apropos Vater: „Er fliegt unsere Pitts natürlich auch.“

Ganz große Pläne für die Zukunft hat Patric derzeit nicht  – das Ziel ist erst einmal erreicht. „Dass das mit den Airshows so ein Erfolg wird, hätte ich nie gedacht. Aber jetzt weiß ich, dass ich ein Glückskind bin!“

Pitts Special S1

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Letzte Fotos vor dem Sonnenuntergang. Die perfekte Einstimmung auf ein langes Airshow-Wochenende in Gelnhausen. Foto und Copyright: Holland-Moritz  

 

Curtis Pitts (1915 – 2005) und sein Freund Phil Quigley bauten die Urversion der Pitts in den 1940er Jahren. Ihr Ziel war es, ein kleines, agiles Kunstflugzeug mit einem kompakten Boxermotor auf die Fahrwerksbeine zu stellen. Das Urmodell wog leer rund 230 Kilogramm, hatte je nach Quelle 55 oder 65 Pferdestärken unter der Haube und startete – auch hier variieren die Angaben – 1944 oder 1945 zum Erstflug. Die Legende besagt zudem, dass der Jungfernflug zwar ohne Genehmigung, aber nicht ganz freiwillig vor den Augen der Vertreter der Luftfahrtbehörde stattgefunden haben soll.

Konstrukteur Curtis Pitts stellte mit dem Doppeldecker die Weichen für eines der erfolgreichsten Kunstflugzeuge in der Geschichte. Über die Jahre folgten weitere ein- und zweisitzige Varianten mit stärkeren Motorisierungen und unterschiedlichen Auslegungen. Die Flugzeuge hatten Spitznamen wie „Little Stinker“ oder „Big Stinker“. Zu den extremsten Pitts-Varianten zählt die rund 400 PS starke „Prometheus“ von Skip Stewart. Ein populärer Ableger der Pitts ist die Christen Eagle von Frank Christensen.

Technische Daten

Pitts S1-E

Spannweite: 5,28 m
Länge: 4,72 m
Leermasse: 365 kg
MTOW: 520 kg
Motor: Lycoming O-320-D2A; Rückenflugvergaser, Christen Rückenflug-Schmiersystem
Leistung: 118 kW/160 PS
Propeller: starrer Zweiblatt-Holzpropeller von Hoffmann
VNE: 205 mph
Reisegeschwindigkeit VC: 135 mph
Rollrate: 180°/s

aerokurier Ausgabe 01/2018

Mehr zum Thema:
Patrick Holland-Moritz


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