10.10.2015
Erschienen in: 05/ 2015 aerokurier

Schnell und sparsamPilot Report: Procaer F.15B Picchio

Schick und schnell ist diese schöne Italienerin und damit unverkennbar ein Kind von Stelio Frati. Gleich zu Beginn der 1960er Jahre bot die F.15B Picchio sparsames und flottes Reisen und ist damit noch heute hochaktuell.

Walter Gockenbach, Inhaber der Flugwerft in Biberach, hat 20 Jahre lang die Vorzüge der F.15B genossen und erinnert sich heute noch gern: „Die Picchio ist einfach ein tolles Flugzeug. Auf Nonstop-Flügen nach Sardinien ist sie mit 145 Knoten true marschiert und hat nur 34 Liter pro Stunde gebraucht. Da kam nicht einmal eine Mooney mit.“ In der Anschaffung war sie allerdings teuer, bedauert Gockenbach: „Für das Geld hätte ich 1962 auch eine Beech Bonanza bekommen.“

Die Optik der D-EBCK, die sich für diesen Flugzeugreport im Hochglanz-Finish präsentierte, führt etwas in die Irre. Was ganz nach superglatter Metallkonstruktion mit geklebten Aluminiumblechen aussieht, ist tatsächlich eine Holzkonstruktion. Stelio Frati hat die F.15B Picchio als Holzkonstruktion aufgebaut und sie dann in Aluminium gehüllt. Die Außenhaut wurde auf das Sperrholz aufgeklebt. Nur die Ruder- und Klappenflächen sind rein aus Metall.

Die Picchio ist ein klassischer Frati-Entwurf, durchgestylt vom Spinner bis zum Heckkonus. Alles was Widerstand erzeugt und sich verstecken ließ, wurde nach innen verlegt. Der aufwendig gestaltete Heckkonus, der bei neutral stehenden Rudern saubere Übergänge ohne Stolperstellen aufweist, ist fast schon ein Kunstwerk.

Das Fahrwerk verschwindet im Flug selbstverständlich in Rumpf und Flügel. Nur das Bugrad schaut etwas heraus – und das hat sich, obwohl dem Raumangebot geschuldet, als gar nicht mal so dumm erwiesen. Bei Bauchlandungen hat das Rad die Schäden in Grenzen gehalten. Antennen blieben erhalten.

Kein Wunder, dass so viel Liebe zum Detail und handwerklich aufwendige Arbeit sich im Preis niedergeschlagen hat. Auch das nach Mil-Norm ausgelegte und mit entsprechend hochwertigem Stahl gefertigte, unverwüstliche Einziehfahrwerk hat bei der Preisgestaltung tiefe Spuren hinterlassen.

Diese Extravaganz mochten sich denn auch nicht viele Piloten leisten, was die Picchio heute zu einer gesuchten Rarität macht. Von der F.15B gibt es gerade noch zwei in Europa. Gefertigt wurde die Picchio bei Progetti e Costruzioni Aeronautiche Procaer in Mailand. Es entstanden etwa 35 Exemplare in der Version A/B, die auch im Vergleich zu weiteren, aber über den Prototypenstatus nicht hinausgekommenen Nachfolgervarianten als die gelungenste und ausgewogenste gilt.  Die D-EBCK mit der Werknummer 35 ist die letzte bei Procaer gefertigte F-15B.

Von ihr schwärmt Vorbesitzer Walter Maisch noch heute. Maisch: „Ich habe später auch mal die F.15E mit dem 300-PS-Continental geflogen. Die hatte natürlich mehr Bumms, aber im Vergleich zur „B“ war sie einfach zu schwer.“ Verkauft hat er sie trotzdem, ein Tribut an die veränderten fliegerischen Interessen. Die Picchio musste einer Jak-3U weichen. Heute bedauert Walter Maisch das: „Die Picchio war ein Traum zum Fliegen. Es hat mir nachher leid getan. Ich hätte sie nicht verkaufen dürfen.“ Für ihn ist sie immer noch das optimale Reiseflugzeug, auch wenn längst ein Oldtimer.

Der Prototyp der F.15 kam am 7. Mai 1959 zum Erstflug – mit dem 160 PS starken Lycoming O-320 noch als Dreisitzer, aber schon kunstflugtauglich. Die Serienversion A flog knapp ein Jahr später, am 16. März 1960, schon mit dem 180 PS starken Lycoming O-360 und verfügte bereits über die nach vorn aufschlagende Einzeltür auf der rechten Seite, während der Prototyp zwei nach oben öffnende Flügeltüren hatte.

Es war Stelio Fratis erste professionelle Konstruktion bei einem Flugzeughersteller. Den Falco und die Nibbio hatte er nach seiner Hochschultätigkeit als Assistenzprofessor noch als freiberuflicher Konstrukteur ohne Bindung an einen Hersteller geschaffen.

Für die B-Version vergrößerte Frati den Flügel, brachte dort zwei Tanks à 90 l unter. Sie war danach nicht mehr zu toppen, auch wenn sich manche Piloten vielleicht noch etwas mehr Motorleistung wünschten. Die Spannweitenvergrößerung hat dem Flugzeug richtig gut getan, die Stall Speed war damit um knapp 10 km/h niedriger, und die Nutzlast stieg um 50 kg. Von der C-Variante mit dem Continental IO-470 und Tip Tanks wurde nur eine gebaut. Für die D-Version war der Franklin-Motor vorgesehen. Hier blieb es beim Konzept. Bei der E-Version, die Stelio Frati schon in seiner eigenen Firma General Avia entwickelte, verschwand zum ersten Mal die Holzstruktur. Die F.15E entstand als Ganzmetallversion der F.15B mit dem 213 kW starken Continental IO-520K.

Auch hier blieb es bei einem Einzelstück, aus dem für den Einsatz als Militärtrainer der Zweisitzer F.15F Delfino (Erstflug 1977) und später die Excalibur entstanden. Das Einzelstück-Schicksal blieb auch dem Delfino nicht erspart. Eine kuriose Volte schlug die Excalibur. Mit ihr wollte HOAC, die Vorläuferfirma von Diamond Aircraft in Wiener Neustadt, das Projekt F.15F wieder aufleben lassen. Bei Sokol in Nischni Nowgorod in Russland entstanden im Auftrag von HOAC rund 30 Rohbauten. Der Prototyp war 1995 noch auf dem Aérosalon in Le Bourget ausgestellt. Dann aber ging Auftraggeber HOAC das Geld aus.
Heute befinden sich einige F.15F in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in der Ukraine und in Russland im Aufbau, einige gelangten in die USA.

Im Gegensatz zur Excalibur – mit ihrer Schiebehaube fast eine zweisitzige SIAI Marchetti SF260 – fliegen  aktuell noch diverse F.15A und -B, und das in hervorragendem Wartungszustand als zivile Reiseflugzeuge. Die D-EBCK hat heute Dr. Jürgen Jung in Besitz. Dass sie auch ja richtig strahlt, dafür sorgt Mitflieger Claudius Gessinger mindestens einmal pro Jahr mit einer aufwendigen Politur.

Ihn fasziniert an dem heute 52 Jahre alten Flugzeug die einfache und doch geniale Technik. „Es ist ein unaufgeregtes Design, und alles ist so einfach zu handeln.“ Mit der Alubeschichtung gab es in den letzten acht Jahren nie ein Problem, auch mit dem Fahrwerk nicht. „Es ist in acht Sekunden draußen und in zehn Sekunden eingefahren. Und wo findet man heute noch ein geschlepptes?“

Meist fliegen sie zu zweit. Dann können sie bei vollen Tanks noch über rund 250 kg Zuladung im Cockpit verfügen. Beim Gepäck braucht also keine Rücksicht genommen zu werden, und es stehen vier bis viereinhalb Stunden Flugzeit (mit Reserve) zur Verfügung. Zu viert war auch die Strecke von Saarlouis nach Le Touquet  an der Atlantikküste drin.

Jung und Gessinger schätzen vor allem die VFR-Reisequalitäten der Picchio. Nicht unbeträchtlichen Anteil haben daran die großen Seitenscheiben und die weit herumgezogene Frontscheibe, die eine hervorragende Sicht ermöglicht.

Bevorzugter VFR-Reiselevel ist FL 55 bis 65. Kerniger, von Böen durchsetzter Luft, wo andere Viersitzer herumhüpfen, zeigt die Picchio die kalte Schulter. Gessinger: „Die Picchio fliegt einfach schön durch.“ Das verdankt sie auch der relativ hohen Flächenbelastung, ohne dass sie  deshalb schwieriger zu handhaben wäre.


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Gerhard Marzinzik


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