04.11.2015
Erschienen in: 06/ 2015 aerokurier

Power TwinPilot Report: Diamond Aircraft DA62

Der aerokurier hat als erste deutschsprachige Luftfahrtzeitschrift die DA62 von Diamond Aircraft geflogen. Sie ist komfortabel, schnell, wirtschaftlich und mit modernster Avionik ausgestattet.

Kein Geringerer als Patrick Ky, der Executive Director der europäischen Flugsicherheitsagentur EASA, übernahm die Aufgabe, Christian Dries, dem Hauptgeschäftsführer von Diamond Aircraft, am 17. April auf der AERO in Friedrichshafen die Zulassungsurkunde für die neue Diesel-Twin Diamond DA62 zu überreichen.

Nur vier Tage später konnte der aerokurier als erste deutschsprachige Luftfahrtzeitschrift das Flugzeug auf mehreren Flügen in Wiener Neustadt kennenlernen.

„Wir haben die DA62 in nur dreieinhalb Jahren konstruiert und zugelassen“, berichtet Christian Dries in Wiener Neustadt im Gespräch mit dem aerokurier. Die 9,19 Meter lange Zweimot ist nur 63 Zentimeter länger als ihre kleine Schwester DA42, deren Züge sie unverkennbar trägt. Dabei ist die DA62 alles andere als eine vergrößerte DA42. „Wir haben die DA62 komplett neu konstruiert“, sagt Dries. David Bausek (35) fügt als Project Manager für die DA62 hinzu: „Wir haben unter anderem das Harzsystem für die DA62 geändert. Damit sind wir nicht mehr nur auf Weiß beschränkt, sondern können nun jedes Farbschema für das Flugzeug anwenden.“

Das erste Exemplar der DA62 trägt das Kennzeichen OE-VSB und ist wie zum Beweis in Anthrazit, Grau und Aluminium lackiert. „Die Sicherheit hat bei uns oberste Priorität, deshalb machen wir Crashtests wie in der Automobilindustrie“, sagt Dries.

Die neue Zweimot wird in zwei Versionen angeboten: Eine ist mit einer maximalen Abflugmasse von 1999 Kilogramm zugelassen. Sie zielt vor allem auf europäische Kunden. Eine zweite wird mit 2300 Kilogramm MTOM zertifiziert und ist für den Rest der Welt vorgesehen, kann aber auch als Option von europäischen Kunden gekauft werden. Während das leichtere Modell fünf Sitzplätze hat, sind in der 2300-kg-Version sieben Sitzplätze möglich. „Beide Versionen sind strukturell baugleich“, erläutert Dries, „lediglich die Zulassung ist unterschiedlich.“

Die DA62 ist das erste Flugzeug des Herstellers mit Flügeltüren. Sie verleihen dem Flugzeug optisch eine gewisse Exklusivität. Für die beiden Piloten ist auf jeder Rumpfseite eine Tür vorhanden, die Passagiere der zweiten und (optionalen) dritten Sitzreihe müssen auf der linken Rumpfseite über die dort vorhandene Tür einsteigen.

Um den Zugang zum Flugzeug zu erleichtern, haben die Konstrukteure gut erreichbare Griffmulden in den Rahmen der vorderen Türen integriert. Die vordere Hälfte des Piloten- und  des Copilotensitzes lässt sich zum Einsteigen nach oben klappen, so dass auch weniger gelenkige Menschen leicht in das Flugzeug kommen. „Das Interieur des Flugzeugs kann auf Kundenwunsch in jeder Farbe gefertigt werden“, sagt Dries.

Die Sitze sind bequem, bieten eine angenehme Sitzposition, die eine hervorragende Sicht aus dem Cockpit ermöglicht. Selbst mehr als die äußere Hälfte des Höhenleitwerks ist  vom vorderen Sitz aus erkennbar.  Die großen und schlanken Tragflächen   mit den wuchtigen Motorgondeln – die Spannweite beträgt immerhin 14,7 Meter und damit 2,20 Meter mehr als die einer Beechcraft Baron – schränken die Sicht überraschend gering ein. Die Position der Seitenruder- und Bremspedalerie wird elektrisch per Wippschalter eingestellt. Die Pedale wurden im Vergleich zur DA42 vergrößert, um ein besseres Gefühl für die Pedale zu bekommen.

Niko Daroussis ist Flugversuchsingenieur und Pilot bei unseren Flügen. Nach einem ausführlichen Rundgang um die Maschine steigen wir ein und arbeiten die wenigen Punkte bis zum Anlassen der beiden AE330-Turbodiesel-Motoren ab. Im Gegensatz zur DA42 benötigt man bei der DA62 den Flugzeugschlüssel nur noch zum Aufschließen der Flügeltüren und nicht mehr zum Starten der Motoren. Dies geschieht, indem man – wie in einem modernen Auto – auf den jeweiligen Startknopf unterhalb des Displays des Garmin G1000 auf der Pilotenseite drückt. Erst erwacht der linke Motor zum Leben und dreht den Dreiblatt-Verstellpropeller von MT Propeller. Dann kommt der rechte Motor an die Reihe. Das Geräuschniveau ist angenehm. Da die Konstrukteure den Auslass für die Motorabgase auf die Oberseite der Cowlings geführt haben, präsentiert sich die DA62 als angenehmer Nachbar für die Flugplatzanrainer, denn dadurch dämpfen die Tragflächen die Schallabstrahlung der Motoren nach unten. Wir rollen an den Fertigungshallen von Diamond Aircraft vorbei zum Rollhalt der 27. Dort arbeitet Niko Daroussis die Checkliste vor dem Start ab und fährt die Klappen in die Position t/o. Damit sind die Auftriebshelfer auf 20 Grad abgesenkt. Wenn sie maximal ausgefahren werden, befinden sie sich in Stellung 42 Grad.

Die Motorenchecks laufen auf Knopfdruck automatisch ab. Die grünen Lämpchen zeigen, dass sprichwörtlich alles im grünen Bereich ist. Das Wetter ist aufgrund von Föhn heute eine Herausforderung, denn der Wind weht direkt von rechts und erreicht in Böen 30 Knoten. Wir rollen auf der Piste zurück bis zum Startpunkt der 27, Niko richtet die DA62 auf der Piste aus und gibt Vollgas. Schon beim Anrollen ist herzhafter Rudereinsatz gefragt. Die DA62 sprintet los und ist in weniger als den im Handbuch angegebenen 355 Metern Startrollstrecke in der Luft. Die Lenticularis über uns verheißen, dass es heute auch in großer Höhe bockig sein wird. Mit einer Linkskurve verlassen wir den Flugplatzbereich  und fliegen anschließend in Richtung Südwesten. Die Werte des Variometers im G1000 schwanken aufgrund des böigen Wetters sehr, fallen aber nicht unter 1400 ft/min. Wir sitzen zu dritt im Flugzeug, und die Tanks sind voll. Wir bewegen uns also nahe am MTOW der OE-VSB.


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Volker K. Thomalla


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