18.10.2015
Erschienen in: 05/ 2015 aerokurier

Aeronca ChiefAlles, was man braucht

Die Aeronca Chief bekommt man hierzulande selten zu sehen. Was sehr schade ist, denn sie vereint Zuverlässigkeit mit Bescheidenheit und exzellenten Flugeigenschaften.

Dass ein junger Mann eher unwillig in die Disco geht, sich dort in eine unbekannte Schönheit verguckt und sie auf der Stelle mit nach Hause nehmen will, ergibt noch nicht unbedingt den Anfang einer erzählenswerten Geschichte. Anders verhält es sich, wenn das Objekt der aufgeflammten Zuneigung so in die Breite gegangen ist, dass es nicht durch die Tür passt und keine Lösung in Sicht scheint, wie dies trotzdem zu bewerkstelligen wäre. Denn die Aeronca Chief aus dem Jahr 1946, für die sich Michael Vogel in der Disco begeisterte, ist zwar eher zierlich, misst aber als ordentliches Motorflugzeug dennoch elf Meter von Flügelspitze zu Flügelspitze. 

Nun ist Michael Vogel niemand, der sich von scheinbar unlösbaren Aufgaben beirren lässt, wenn es darum geht, ein ebenso schönes wie seltenes Flugzeug wieder seiner Bestimmung zuzuführen. Was dann folgte, ist eine dieser kuriosen Episoden, die sich mit Worten nicht angemessen beschreiben lässt. Jedenfalls hatte Michael Vogel irgendwann, viele Gespräche und einen von ihm finanzierten umfassenden Umbau der Fensterfront der Disco später, die Aeronca aus ihrem staubigen Dekorationsdasein befreit und konnte sich an die Restauration dieses hierzulande kaum bekannten Leichtflugzeugs machen. Dabei stellte er fest, dass die Chief mit halbvollem Tank in der Disco abgestellt worden war, ungeachtet der herunterbaumelnden Schläuche, denn der Motor fehlte.  Dieser, ein Continental C-85, fand sich in einer Garage wieder ein.  

Die Firma Aeronca, 1928 als Aeronautical Corporation of America gegründet, gehörte in den 1930er und 1940er Jahren zu den bedeutendsten Herstellern von Leichtflugzeugen in den USA. In ihren besten Jahren nach 1945 produzierte sie Dutzende Flugzeuge pro Tag mit Hilfe eines Fließbandes, das seinerzeit eine Neuerung im Leichtflugzeugbau war. 1951, als die Produktion eingestellt wurde, konnte Aeronca auf mehr als 17 000 gebaute Flugzeuge zurückblicken. In der Vorkriegszeit war unter anderem das Modell K entstanden, ein zweisitziger, geschlossener Schulterdecker, ähnlich wie die wenig später auf den Markt gekommene Piper Cub. 

Zum Knaller wurde dann das Modell 7AC Champion, besser bekannt als „Champ“, ein Tandemsitzer mit Continental-Motor und zunächst 65 PS. Mehr als 10 000 baute Aeronca zwischen 1946 und 1950. In demselben Zeitraum baute Aeronca ein zweites Modell, die 11AC Chief. Sie sollte gegenüber der als Trainingsflugzeug gedachten Champ eine Art Aufstieg verkörpern. Die Konstrukteure entschieden sich daher, wie auch Cessna bei dem Modell 120/140 oder Piper bei der PA-15, für nebeneinander aufgestellte Sitze und Steuerhörner. Auch hob sich die Chief durch mehr Kabinenkomfort von der Champ ab. Ein Flugbericht aus dem Jahr 1946 betont daher besonders den „Deluxe“-Charakter und den „exzellenten Geschmack“ der Ausstattung. 2585 Dollar kostete der Zweisitzer seinerzeit. Aeronca hielt die Parallelfertigung der beiden Modelle für eine lohnende Sache, da sie bis auf den Cockpitbereich baugleich waren. 1947 kam dann eine 11BC-Version mit 85 PS heraus und 1948 die 11CC Super Chief mit aufgewerteter Kabine. Doch die Champ traf den Zeitgeist weitaus besser, Aeronca verkaufte von dem Tandemsitzer fast viermal so viele. Die Chief ist daher heute eine Seltenheit, erst recht in Deutschland. 

Vielflieger Michael Vogel flog die Aeronca zehn Jahre lang im Schwäbischen, stets bestens zufrieden mit ihren hervorragenden Flugeigenschaften und dem günstigen Unterhalt. Von ihm kam das bildschön restaurierte 85-PS-Flugzeug 2013 zu Dieter Braun in Benningen/Neckar, der in der Autoklassikerszene einen Namen hat  mit  der Überholung kostbarer alter Motoren. Die beiden kennen sich gut und wussten daher voneinander, dass die liebenswerte Rarität aus guten Händen kam und in ebensolche gelangte. Für Vielflieger Dieter Braun ist die Aeronca neben einer Boeing Stearman und einer Stinson das dritte Flugzeug, das er regelmäßig fliegt. Er ist, wie auch der Vorbesitzer, voll des Lobes über die Flugeigenschaften und die niedrigen Betriebskosten. Die Chief, weiß er, „kann fast auf der Stelle drehen“ und steigt „gigantisch“.  Wobei sie sich bei entsprechender Thermik sogar ohne Zutun des Piloten höhertragen lässt. 

Zu dem Hochgefühl beim Fliegen  trägt die Bescheidenheit des fast 70 Jahre alten Leichtflugzeugs beim Spritkonsum bei. Denn die Aeronca mit ihrem 85-PS-Vierzylinder lässt sich ohne Weiteres auf deutlich weniger als 20 Liter pro Stunde herunterleanen. Ideale Ausgangsbedingungen also für den passionierten Fallschirmspringer Dieter Braun, um den Schirm in die gemütliche Kabine zu legen und von Backnang nach Leutkirch überzusetzen, um ein paar Sprünge zu machen. 

Ein Schauspiel für sich ist der Anflug im Seitengleitflug. Denn die klappenlose Aeronca will nicht unbedingt landen, sie segelt lieber ausgiebig. Für den Menschen vor dem formverliebten Steuerhorn bedeutet dies: das ganze Flugzeug bis zum Anschlag querstellen, damit die Fahrt weggeht. 

Dass die Chief mit ihrer Reisegeschwindigkeit von vielleicht 85 Knoten nur bedingt für die Strecke geeignet ist, weiß Dieter Braun natürlich auch. „Aber für abendliche Ausflüge ist sie wunderbar!“ Als Experte für alte Technik gefällt ihm besonders der vertrauenerweckende Aufbau der Aeronca aus Aluminium, Stahl und Holz. Dabei ist sie, sagt er, „reduziert auf das, was man braucht“. Mit anderen Worten: Fliegen pur.

aerokurier Ausgabe 05/2015



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