03.09.2015
Erschienen in: 06/ 2014 aerokurier

Porträt: Wolfgang SchmelzerFlug in die Freiheit

Christine (61) und Wolfgang Schmelzer (67) waren Fluglehrer bei der GST in Leipzig und leidenschaftliche Piloten. Für ihre Freiheit riskierten sie alles: Als Wolfgang Schmelzer 1980 die Flucht mit einer Wilga nach Bayern gelang, wurde seine Frau zu 27 Monaten Zuchthaus verurteilt. Heute genießen beide ihre Fliegerfreiheit in Florida. (Das Interview führte Renate Strecker)

Flug in die Freiheit Christine und  Wolfgang Schmelzer

Christine und Wolfgang Schmelzer haben vor allem in den USA zahlreiche Rekorde in Segelfluguzeugen erflogen. Foto und Copyright: Schmelzer  

 

IN DIESEM ARTIKEL

Herr Schmelzer, Sie haben eine außergewöhnliche fliegerische Karriere gemacht. Erzählen Sie uns vom 16. Juli 1980?

Damals flog ich bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) als Schlepppilot bei einem Segelfliegerlehrgang in Leipzig, meine Frau war als Fluglehrerin eingeteilt. Nach fünfjähriger Planung musste in diesem Lehrgang meine Flucht in den Westen passieren, denn die Chancen, im Flugzeug zu fliehen, wurden immer geringer. Das Wetter war gut. Die Wilga war vollgetankt. Nach Einsetzen der Thermik hatte ich alle Segelflugzeuge nach oben geschleppt. Die Situation nutzte ich aus, um mich aus der Sichtweite des Platzes zu entfernen. Da ich das schon mehrmals gemacht hatte, fiel das erst mal nicht auf. Ich schaltete das Funkgerät aus und flog davon. Danach kam am Platz die Maschinerie in Gang. Da war ich aber bereits im Tief(st)flug auf dem Weg nach Bayern. 47 Minuten Flugzeit hatte ich kalkuliert. Als ich den Grenzübergang Rudolphstein überflogen hatte und wenig später schneeweiße Häuser mit roten Ziegeln sah, wusste ich, dass ich es geschafft hatte. Ich war inzwischen 52 Minuten mit Vollgas, dem Terrain folgend, geflogen und landete zwei Kilometer hinter der Grenze auf einer großen Wiese hang­aufwärts. Danach saß ich erst einmal eine Weile ganz still im Flugzeug, bis die Polizei kam.


Was war damals in der DDR fliegerisch überhaupt möglich?

Ich war seit meiner Jugend aktiv als Segelflieger, Fluglehrer und Schlepp-pilot. In den 50er und 60er Jahren war das Vereinsleben kameradschaftlich und gut. Aber mit Honecker änderte sich das, und es gab nur noch Flugausbildung bei der GST für NVA-Pilotennachwuchs. Die Folge waren viele Restriktionen, die die sportlichen Aktivitäten, wie den Streckenflug, zunehmend lahmlegten. Sowohl meine Frau als auch ich arbeiteten hauptberuflich als Ingenieure, das Fliegen war für uns Freizeit und ein Stück Freiheit. Als das immer mehr eingeschränkt wurde, konkretisierten sich unsere Fluchtgedanken. Fluchten vergangener Jahre mit Flugzeugen hatten das Regime nervös gemacht. Jeder wurde beobachtet. Wir durften nie gemeinsam in einem Flugzeug sitzen. Flüge außerhalb der Sichtweite der Plätze waren nicht erlaubt. Zudem hatten wir zwei kleine Töchter, drei und vier Jahre, die wir nicht zurücklassen konnten. Also konnte nur einer von uns fliehen. Wir waren naiv und glaubten, dass der andere nicht ins Zuchthaus müsste und mit den Kindern dann automatisch würde ausreisen können. Zudem drohte uns wegen Westverwandten der Ausschluss aus der GST, was das endgültige fliegerische Aus für uns bedeutet hätte.


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