27.01.2017
Erschienen in: 02/ 2017 aerokurier

SchweizDübendorf — Ein Flugplatz als Welterbe?

Der Flugplatz Dübendorf ist die Wiege der Schweizer Luftfahrt und einer der ältesten zivil gegründeten Flugplätze der Welt. Nun engagieren sich mehrere Akteure für eine Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe.

ae 02-2017 Flugplatz Duebendorf (01)

Der „Historic Arc“ soll die ehemalige Swissair-Halle 10 (1), das Abfertigungsgebäude (2), die Gebäudekette von Halle 1 bis 5 (3), das Unterrichtsgebäude (4) und das Flieger-Flab-Museum (5) umfassen. Foto und Copyright: VBS  

 

Die Aufnahmekriterien für die UNESCO-Welterbeliste sind klar definiert. Schützenswert, so besagen es die Richtlinien, ist beispielsweise ein Typus von Gebäuden, architektonischen und technologischen Ensembles, die bedeutsame Abschnitte der Menschheitsgeschichte versinnbildlichen. „Die Bernina-bahn wurde als Meisterleistung des Schweizer Bahnbaus in das Weltkulturerbe aufgenommen“, erklärte Architekt Pit Wyss in einem Interview, „was liegt da näher, als den Flugplatz Dübendorf, der bekanntlich die Wiege der schweizerischen Luftfahrt ist, ebenfalls aufzunehmen?“

Der einstige Präsident der Stadt- zürcherischen Vereinigung für Heimatschutz setzt sich seit geraumer Zeit für den Erhalt des Dübendorfer Flugplatzes ein. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, reichte er beim Kanton Zürich eine Einzelinitiative ein: Der Erhalt des Flugplatzes soll künftig durch einen kantonalen Verfassungsartikel garantiert und die Aktivitäten zum Schutz des Areals als UNESCO-Weltkultur-erbe aktiv gefördert werden.

ae 02-2017 Flugplatz Duebendorf (02)

Ziviler und militärischer Verkehr existierten in Dübendorf lange Zeit parallel nebeneinander. 2005 zog sich das Militär endgültig zurück. Foto und Copyright: ETH-Bibliothek Zürich  

 

Ideelle Unterstützung erhielt er von Adolf Flüeli. Der Zürcher reichte beim schweizerischen Bundesamt für Kultur einen Antrag zur Aufnahme des Flugplatzes Dübendorf als UNESCO-Weltkulturerbe der Luftfahrt ein. Im Zentrum des Antrags steht das Argument, dass der Dübendorfer Flugplatz der vermutlich älteste zivil gegrün-dete, nahezu vollständig erhaltene sowie permanent genutzte Flugplatz der Welt ist, der mit einer bogenförmigen Anordnung historisch wertvoller Gebäude die Gründungsepoche einzigartig repräsentiert. Der Flugplatz soll vollum­fänglich erhalten und in seiner ganzen Vielfältigkeit weiter betrieben werden – im Gegensatz zum Berliner Flughafen Tempelhof, den die Bürger des Bezirks Tempelhof-Schöneberg zwar als UNESCO-Weltkulturerbe unter Schutz stellen wollten, der aber dennoch geschlossen wurde.

Kritiker werfen ein, dass einzelne Gebäude auf dem Militärflugplatz bereits unter Denkmalschutz stehen und weitere Auf-lagen künftige Entwicklungen beeinträchtigen könnten. Flüeli sieht keinen Grund zur Sorge: „Der ‚Historic Arc‘, der den westlichen Teil des Flugplatzes umfasst, würde als Ensemble geschützt und museal ausgestaltet. Der östliche Teil böte als ‚Future Space‘ ausreichend Raum für weitere Entwicklungen.“ Der Zürcher Kantonsrat ließ sich davon nicht überzeugen und lehnte die Initiative von Pit Wyss ab. Inzwischen haben weitere Sympathisanten wie etwa der Fluglehrer Hans-Ulrich Binz das Wort ergriffen und setzen sich für die Gründung eines Vereins und die Lancierung einer Volksinitiative ein.

Erster Flugplatz auf der Welterbeliste

ae 02-2017 Flugplatz Duebendorf (03)

Bis zur Eröffnung von Zürich-Kloten war Dübendorf für die größte Stadt der Schweiz das aviatische Tor zur Welt. Foto und Copyright: ETH-Bibliothek Zürich  

 

Eine Kommission des Bundesamts für Kultur klärt nun ab, ob die Faktenlage einen Antrag auf Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe rechtfertigt. Sollte es der Flugplatz auf die „Liste Indicative“ schaffen, kann das Amt der UNESCO ein Dossier zur Prüfung vorlegen.

Ob der Flugplatz Dübendorf Chancen hat, ins Weltkulturerbe aufgenommen zu werden, ist schwer absehbar. Angesichts der Tatsache, dass die Anerkennung von Industriedenkmälern gefördert wird und noch kein Flugplatz im UNESCO-Weltkulturerbe verzeichnet ist, geben sich die Initiatoren zuversichtlich und hoffen auf einen positiven Vorentscheid.

Der Flugplatz Dübendorf wurde im Jahr 1910 gegründet. Ausschlaggebend ist damals die Austragung des Gordon-Bennett-Cups im Oktober 1909, an dem auch der französische Motorflieger Reynold Jaboulin teilnimmt. Der Pilot ist von der Lage des Startgeländes in Dübendorf so begeistert, dass er beschließt, einen Platz für künftige Flugspektakel anzulegen. Bereits 1910 organisiert er die ersten Flugtage und lockt damit über 100 000 Besucher an den Flugplatz. Im Zuge des Ersten Weltkriegs wird Dübendorf Militärflugplatz und die erste Schweizerische Fliegertruppe unter der Leitung von Oskar Bider ins Leben gerufen.

Nach dem Weltkrieg, 1919, startet der erste Militärpostflug ab Dübendorf und legt damit den Grundstein für den kommerziellen Luftpostverkehr in der Schweiz. 1931 fusionieren die beiden Fluggesellschaften Ad Astra Aero und Balair zur Swissair –  Schweizerische Luftverkehr AG. Mit 13 Maschinen werden nun ab Dübendorf Destinationen wie Amsterdam, Berlin, Paris, Prag und Wien angeflogen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs existieren Militär- und Zivilluftfahrt parallel. 1948 zieht die Swissair nach Zürich-Kloten um, und das Militär übernimmt den Flugplatz.

Die Infrastruktur wird kontinuierlich ausgebaut, und Dübendorf entwickelt sich zu einem der wichtigsten strategischen Standorte der Schweizer Luftwaffe. Nach dem Ende des Kalten Kriegs werden Sparmaßnahmen eingeleitet und das in Dübendorf ansässige Bundesamt für Militärflugplätze aufgelöst. Nach Spitzen von 46 000 Flugbewegungen im Jahr 1985, 31 000 davon durch Jets, wird der Jetflugbetrieb laufend reduziert und 2005 gänzlich eingestellt.

2014 gibt die Regierung bekannt, den Flugplatz  Dübendorf neu als ziviles Flugfeld mit Bundesbasis, als militärischen Heliport und als Standort für einen Innovationspark nutzen zu wollen. Aufgrund dieser Dreifachnutzung ist eine Pistenkürzung vorgesehen. Als künftige Betreiberin fungiert die Flugplatz Dübendorf AG, zu deren Aktionären unter anderem der Aero-Club der Schweiz, die AOPA Switzerland und die Luftrettungsorganisation Rega zählen.

aerokurier Ausgabe 02/2017

Mehr zum Thema:
Tashi Dolma Hinz



aerokurier 2/2019

aerokurier
2/2019
23.01.2019

Abonnements
Digitalabo
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- AirLeben: Wilga mit Turbine - Draco startet durch
- Flugzeugreport: Jak-18T
- Pilot Report: Die Stream im Test
- Reisereportage: Flugsafari in Afrika
- Business Aviation: Business Jets für die Langstrecke
- Reportage: Im Cockpit des Zeppelin NT
- Leserwahl 2019: Die Besten wählen und tolle Preise gewinnen
- Special: 24 Seiten für Segelflieger + Wettbewerbstermine für 2019