28.10.2013
aerokurier

Business Aviation: Geschäftsmodell ZeitersparnisStrategien gegen Verspätungen

Business Aviation ist ein sehr zeitsensibles Geschäft, denn darin liegt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Verkehrsträgern. Mit einer Doppelstrategie versucht die Branche, Verspätungen zu vermeiden.

Cessna Citation CJ4 im Flug

Schneller und flexibler: Der Zeitfaktor ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für die Business Aviation. © Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

Der Zeitvorteil spielt für die Business Aviation eine zentrale Rolle, kein Charteranbieter unterlässt es, in seiner Werbung darauf hinzuweisen. Die Kundschaft auf der anderen Seite erwartet genau diesen Mehrwert neben anderen Annehmlichkeiten, schließlich bezahlt sie dafür.
Verspätungen zu vermeiden hat folglich für die Branche hohe Priorität. Die Flughäfen und Luftstraßen aber muss sie sich mit dem übrigen Verkehr teilen. Auf die Zeitverluste, die hier entstehen, hat sie kaum einen Einfluss.

Mit einer Doppelstrategie versuchen Business-Aviation-Unternehmen, den verhassten Verspätungen dennoch zu entgehen. Die eine Strategie zielt darauf ab, die optimale Flugfläche zu nutzen. Die andere beinhaltet, nach Möglichkeit weniger überfüllte Flughäfen anzusteuern.

Die europäische Flugsicherungsorganisation Eurocontrol verfügt über umfassendes Zahlenmaterial zu den Flughöhen, die bei IFR-Flügen gewählt werden. Demnach ist die eindeutig beliebteste Flugfläche bei Geschäftsreiseflügen FL380.
Business-Flüge, die bis auf diese Höhe durchgestiegen sind, sind oberhalb der Masse des Verkehrs unterwegs. Der übrige Luftverkehr ist am dichtesten in einem Bereich um FL350 herum. Immerhin etwa ein Drittel dieses Verkehrs fragt nach einer Flughöhe zwischen FL330 und FL370. Früher war dies anders, da gab es kaum Linienverkehr oberhalb von FL350. Mittlerweile aber wurden neue Muster in Dienst gestellt, die immer weiter nach oben streben.

Business-Flüge sind häufig eher kurz

Citation Handling Stuttgart

Viele Business-Flüge, die in Deutschland starten, bleiben auch im Land. © Foto und Copyright: Frank Herzog  

 

Auch in den sehr großen Höhen wird es daher zunehmend enger. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder Business-Flug, der sein Heil oberhalb des Massenbetriebs sucht, natürlich zunächst einmal durch die stark frequentierten Höhenbänder hindurch muss. Das rentiert sich allenfalls auf langen Strecken.
Es gibt eine ausgeprägte Neigung von Business-Jet-Besatzungen, nur dann die dünnere Luft oberhalb von FL370 aufzusuchen, wenn das Ziel weiter als 1000 km entfernt liegt.

Eine weiterer populärer Höhenbereich ist FL280 und darunter, auch wenn er in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Business-Flüge sind häufig vergleichsweise kurz, die Entfernungen liegen typischerweise zwischen 250 und 350 km. Etwa 45 Prozent aller Flüge reichen nicht weiter als 450 km.
Diese Zahlen spiegeln den hohen Anteil von Turboprops und Kolbenmotorflugzeugen in der europäischen Business-Avaition-Flotte wider. Betrachtet man die Jets alleine, so ergibt sich eine durchschnittliche Streckenlänge von 650 km.

Es ist daher in vielen Fällen effektiv, unterhalb der breiten Verkehrsströme zu bleiben. Die FL280 ist vor allem beliebt bei Turboprop-Besatzungen. Sie fliegen generell zumeist nicht höher als FL290.

Die zweite Strategie – die Umgehung der überfüllten Drehkreuze – lässt sich mit zwei Zahlen veranschaulichen: Der Linienverkehr kennt in Europa etwa 30000 regelmäßig beflogene Städteverbindungen, bei der Business Aviation sind es mehr als 100000. Diese vielen Verbindungen werden allerdings lange nicht so häufig beflogen, wie es bei Lufthansa & Co. der Fall ist.

Verspätungen entstehen eher auf der Strecke

Bombardier Challenger 605

Pünktlichkeit zu garantieren dürfte zunehmend schwieriger werden. © Foto und Copyright: Bombardier  

 

Von den beiden Strategien zur Vermeidung von Verspätungen – Anfliegen kleinerer Flughäfen und Aufsuchen der idealen Flugfläche – ist die erstere die erfolgreichere. Business-Aviation-Flüge handeln sich ihren Zeitverzug eher en route ein als auf dem Flughafengelände. Beim Linienverkehr dagegen ist das Verhältnis praktisch ausgewogen. 
Zahlenmaterial zu den Verspätungen im Luftverkehr gibt es in erster Linie vom Central Office for Delay Analysis (CODA), einer bei Eurocontrol in Brüssel angesiedelten Dienststelle.

Erfreulich für die Business Aviation ist demnach, dass deutlich weniger Flugbewegungen von Verspätungen betroffen sind, als es im Linienverkehr der Fall ist. Wenn es aber einen Business-Flug erwischt, dann fällt der Zeitverlust etwa vier  Minuten größer aus als der Durchschnitt. Dieser Umstand führt zu dem rechnerischen Ergebnis, dass die Business-Flüge in ihrer Gesamtheit den gleichen Verspätungsdurchschnitt haben wie der Linienverkehr.
Die Business-Branche stand schon mal besser da, in der Vergangenheit lag ihr Durchschnitt deutlich unter dem des Massenverkehrs.  Ein Teil der Erklärung dafür liegt, wie oben beschrieben, in der Tatsache begründet, dass die Business Jets die sehr hohen Flughöhen nicht mehr exklusiv für sich haben.

Die Ursachenforschung ist indes eine Wissenschaft für sich, da das Gesamtsystem Luftverkehr eine hochgradig komplexe Angelegenheit ist. Als ausgemacht gilt, dass der Luftverkehr insgesamt weiter wachsen wird. Die Luftverkehrsinfrastruktur steht damit vor gewaltigen Herausforderungen. Pünktlichkeit zu garantieren dürfte ein zunehmend schwierigeres Geschäft werden.




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