31.12.2012
Erschienen in: 10/ 2012 aerokurier

Wer ist schneller, Cessna oder Gulfstream?Alle Macht der Mach-Zahl

Gulfstream und Cessna liefern sich einen Wettstreit, wer das schnellste zivile Flugzeug baut. Im Augenblick hat Cessnas Citation X wieder die Nase vorn, sie erreichte im August Mach 0.935.

Was tun Menschen nicht alles, um einen Eintrag in das „Guinness-Buch der Rekorde“ zu bekommen: Da werden Busse mit den Ohren gezogen, Haushaltsgeräte geworfen oder Kettensägen jongliert.

Sehr viel ernsthafter geht es meist zu, wenn komplexe Produkte der Ingenieurskunst zu Wasser, zu Lande oder in der Luft auf Rekordjagd gehen. Am 1. August 2010  erreichte eine Gulfstream G650 im Rahmen des 1800-Stunden-Flugtestprogramms über den Wüsten des US-Bundesstaats Georgia im 16- bis 18-Grad-Stechflug eine Geschwindigkeit von Mach 0.995. Und da die zulässige maximale Reisegeschwindigkeit Mach 0.925 beträgt, erflog sich das größte, schwerste und teuerste Gulfstream-Modell damit den Titel des „schnellsten zivilen Flugzeugs der Welt“ – und einen Eintrag in das Guinness-Buch.

Der Langstreckenspezialist stieß damit die Citation X des Konkurrenten Cessna vom Thron. Die Citation hatte diesen Titel von der Concorde übernommen und bis zu jenem Augusttag stolz getragen.

Citation X mit mehr Schub und Garmin-Avionik

Cessna Citation X Erstflug

Cessna Citation X beim Erstflug. Foto und Copyright: Cessna  

 

Im Herbst jenen Jahres präsentierte Cessna das Konzept für das lange erwartete, umfassend überarbeitete Nachfolgemuster, Citation Ten genannt. Cessna wollte mit der Abkehr von der römischen Ziffer zum einen die Modernität des neuen Modells betonen, zum anderen die Verwirrung um die Aussprache der Modellbezeichnung beenden. Mittlerweile hat man es sich anders überlegt und der neuen Version „auf Wunsch vieler Kunden“ den alten Namen gegeben.

Die (neue) Citation X hat die Modellnummer 750 behalten, die Neuerungen sind vor allem in vier Bereichen zu sehen: Es gibt etwas stärkere Rolls-Royce-Triebwerke, eine  komplett neue Kabineneinrichtung, ein neues elektrisches System und G5000-Avionik im Cockpit. Die Citation ist der Erstkunde für das Garmin-System. Zudem ist der Rumpf etwa 40 cm länger, was der Beinfreiheit der Passagiere zugutekommt. Im Vergleich zur alten Citation X steigt die neue X schneller, ist im Reiseflug schneller und fliegt weiter. Die Leermasse ist etwas größer, ebenso die maximale Start- und Landemasse.

Citation X – Kein Produkt für den Massenmarkt

Cessna Citation X Cockpit

Revolution im Cockpit: Die Piloten der Citation X arbeiten mit dem neuen G5000-System von Garmin. Sie haben vier kleine Touchscreens, mit denen sie ihre Eingaben machen. Foto und Copyright: Cessna  

 

Die neue Citation – sie kostet zirka 22 Millionen Dollar – ist erkennbar kein Produkt für den Massenmarkt, auch die (alte) Citation X war es nie. Sie hatte stets eine Sonderstellung im Cessna-Programm und galt zu keiner Zeit als Brot-und-Butter-Flugzeug wie die anderen Citations.

Große Stückzahlen kann das Modell 750 nicht vorweisen. Bis Ende 2011 hat Cessna gerade einmal 310 Flugzeuge gebaut. Zuletzt wurde das Flaggschiff ohnehin nur noch in homöopathischer Dosierung gefertigt, 2011 haben, wie auch 2010,  insgesamt drei Citation X einen Abnehmer gefunden. Es ging (und geht) Cessna auch nicht in erster Linie um Stückzahlen oder Verkaufserlöse, sondern um Prestige.

Die Citation X ist zuallererst Technologieträger und Aushängeschild für Cessna. Es gibt Business Jets mit größerer Kabine; mit 1,73 m Höhe und 1,68 m Breite rangiert die Citation am unteren Ende der „Super Midsize“-Kategorie. Die in derselben Kategorie angesiedelte Challenger 300 zum Beispiel hat 1,85 m Höhe und 2,19 m Breite zu bieten. Aber es gibt kein Flugzeug unterhalb von 45 Millionen Dollar, das im Reiseflug 527 KTAS erreicht.

Das Spitzenmodell der Citation-Reihe zielt klar auf einen Kundenkreis, dem das  Prestige, das der Titel „schnellstes ziviles Flugzeug der Welt“ verspricht, wichtiger ist als alles andere. Daher muss der offizielle Titel her, auch wenn es um die eher theoretische Differenz zwischen Mach 0.925 und Mach 0.935 geht.

Die Gulfstream spielt in einer anderen Liga

Gulfstream G650 Erstflug

Gulfstream G650 beim Erstflug. Foto und Copyright: Gulfstream  

 

Cessna hat, wie es scheint, sein Ziel erreicht. Allerdings ist das Flugtestprogramm noch nicht abgeschlossen, und die neue, höhere Mach-Zahl müsste Bestandteil der Zulassung werden.

Gulfstream nimmt den Cessna-Erfolg daher sportlich und hat gratuliert. Für den Hersteller super teurer und extra schneller Langstrecken-Business-Jets ist der Titel indes kaum weniger wichtig, schließlich ist die G650 das neue Flaggschiff der Flotte. Zudem kostet es dreimal mehr als die Cessna. Der Kaufpreis von zirka 65 Millionen Dollar verdeutlicht, dass die größte Gulfstream in einer ganz anderen Liga spielt als die Citation.

Gulfstream hatte das G650-Programm im März 2008 vorgestellt. Der Erstflug hat am 25. November 2009 stattgefunden.

Das Testprogramm wurde überschattet von dem Unfall des zweiten Testflugzeugs, das im April 2011 bei einem Start mit simuliertem Triebwerksausfall verunglückte. Dabei wurden alle vier Besatzungsmitglieder getötet.

G650 – Schneller, größer, schwerer

Gulfstream G650 Cockpit

Plane View II nennt Gulfstream das Cockpitsystem der G650. Es umfasst serienmäßig neueste Sicherheitstechnik wie Sichtverstärkung (EVS), Synthetic Vision und 3-D-Wetterradar. Foto und Copyright: Gulfstream  

 

Gulfstream erweitert mit der G650 seine Produktpalette nach oben. Sie ist nicht nur schneller als das bisherige Spitzenmodell G550, sondern auch größer und schwerer. Die G550 hat eine Spannweite von 28,5 m und eine MTOM von 41 277 kg und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von Mach 0.885.

Für die beeindruckende Geschwindigkeit der G650 sorgen zwei BR725A1-12. Das Triebwerk ist bei Rolls-Royce Deutschland in Dahlewitz entwickelt worden. Es ist, verglichen mit dem bekannten BR710, leistungsstärker und laut Rolls-Royce mehr als vier Dezibel leiser.

Die Tragflächen hat Gulfstream neu entworfen, sie sind mit 33 Grad deutlich stärker gepfeilt als bei den vorangegangenen Mustern. Die Kabine der G650 ist 14,27 m lang und 1,95 m hoch. Mit acht Passagieren an Bord sowie vier  Besatzungsmitgliedern ist die G650 in der Lage, 7000 NM (12 964 km) weit ohne Zwischenlandung zu fliegen. Von Dubai aus kann somit New York nonstop erreicht werden oder von London aus Buenos Aires. Zu den technischen Raffinessen der größten Gulfstream gehören neben der Flyby-Wire-Steuerung ein Enhanced Vision System (EVS II) und ein Head-Up Display II.

Im Besitz der provisorischen FAA-Zulassung ist die G650 seit November letzten Jahres, die endgültige Zulassung wurde am 7. September, erteilt.  Gulfstream hat zuvor schon eifrig an den ersten Exemplaren, gebaut, um sie unmittelbar nach der Zulassung an ihre neuen Besitzer übergeben zu können.

Diese können dann schon mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, mit Mach 0.925 durch die Gegend zu brettern. Denn eins steht fest: Die G650 ist im Moment das schnellste zugelassene zivile Flugzeug. Ob sich Cessna den Titel mit dem Tag der Zulassung der Citation X zurückholt, wird man sehen. Und ob Gulfstream den Cessna-Vorsprung, sei er auch noch so hauchdünn, hinnehmen wird, ist längst noch nicht ausgemacht. Es bleibt also spannend.

aerokurier Ausgabe 10/2012



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